Das Stück „Le Sommet“ des Schweizers Christoph Marthaler, das im Grand Théâtre aufgeführt wird (Koproduzent der Inszenierung, die im Mai im Piccolo Teatro di Milano uraufgeführt wurde, bevor sie beim Festival von Avignon zu sehen war), verlässt ausgetretene Pfade. Es verbindet in einem explosiven Mix Humor und Absurdität, Politik und Soziales. Die einfallsreiche und stilisierte Inszenierung läuft wie ein Schweizer Uhrwerk, wobei der Regisseur eine unglaubliche Mechanik für ein entschieden ausgefallenes Stück auf die Beine stellt. Auf der Bühne bieten drei Schauspielerinnen (Liliana Benini, Charlotte Clamens, Federica Fracassi) und drei Schauspieler (Raphael Clamer, Lukas Metzenbauer, Graham F. Valentine) eine großartige Darbietung an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen.
Im Mittelpunkt dieses Gipfels steht die Frage des Zusammenlebens und der Gestaltung der Gesellschaft. In einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät, Extremismen an Boden gewinnen und sich Krisen häufen, wodurch die Menschen zunehmend allein und isoliert zurückbleiben, sind diese Überlegungen zum Kollektiv von großer Aktualität. Das Stück setzt sich mit der Zukunft Europas, des Planeten und der Menschheit auseinander, denn es geht um die Unmöglichkeit, zu kommunizieren, einander zu verstehen, einander zuzuhören und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Zu diesem Zweck parodiert Christoph Marthaler ein „Gipfeltreffen“ – eines dieser Treffen von Staats- und Regierungschefs, bei denen sich die Teilnehmer versammeln, um viel zu reden, ohne etwas zu sagen und ohne etwas zu tun. Davon zeugt hier ein Sprachenwirrwarr (schottisches Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Schweizer Dialekt…), das die Protagonisten einander fremd macht, sowie sinnlose Äußerungen oder Reden ohne Sinn und Verstand.
Der ungewöhnliche Text ist eine Collage aus Wörtern unterschiedlichster Herkunft, aus Texten des Regisseurs, des Dramaturgen und der Schauspieler, aber auch aus anderen Texten aller Gattungen und aus verschiedenen Epochen, aus politischen Begriffen und poetischen Worten, die von Dylan Thomas, Pasolini oder Elisa Biagini. Auf diese vielfältigen Wörter reagiert ein Patchwork aus Musikstücken (vom berühmten Lied „Là-haut sur la montagne“ über die Beatles bis hin zu Mozart) – für eine Inszenierung, die auch Züge des Musiktheaters aufweist und in der das Akkordeon allgegenwärtig ist. In „Le Sommet“ wird geschrien, geflüstert, Stille weicht dem Trubel, Lautmalereien hallen wider und die Klänge verstärken sich, um nach und nach den gesamten Theatersaal zu erfüllen.
In einer Berghütte, einem hoch in den Bergen gelegenen Schweizer Chalet (Davos ist nicht weit entfernt), treffen sich sechs Personen hinter verschlossenen Türen: ein Gastgeber (mit Akkordeon) und fünf Gäste, die mit einem Lastenaufzug (sehr witzig!) angekommen sind, stellen sich einen neuen Arbeits- und Begegnungsraum vor. Ein bewusstes „Unter-uns-Sein“. Doch schon bald ist diese kleine Welt von der Außenwelt abgeschnitten; nur einige Alarmsignale (Sirene, Hubschrauber, Explosion…) holen die Gruppe in die Realität zurück, bis eine Stimme aus dem Off verkündet, dass die Straßen gesperrt sind … für die nächsten fünfzehn Jahre!
In der Hütte wird der Alltag immer seltsamer: Gegenstände (Fernseher, Drucker, geschnitzte Jungfrau …) erwachen von selbst zum Leben, es kommt zu immer skurrileren Situationen und unglaublichen Ereignissen. Burleske und Spott prägen alle Szenen, die sich schelmisch und im richtigen Tempo aneinanderreihen und oft choreografiert oder inszeniert sind: eine urkomische Übersetzungssequenz, ein unwahrscheinlicher Tanzabend, ein urkomisches Ballett mit Skistöcken oder ein Jogging-Ritual rund um den Berg.
Die Inszenierung von Christoph Marthaler ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Nichts wird dem Zufall überlassen: Bühnenbild, Regie, die Auswahl der Musik und der Klänge, der Stimmungen und des Lichtspiels sowie die farbenfrohen Kostüme. Alles trägt zu einer Retro- und Kitsch-Ästhetik bei, einer Hommage an die Langsamkeit und den Spott, um intensive szenische Bilder zum Leben zu erwecken. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bilden ein bemerkenswertes Ensemble, das sich mal in ein Ballettensemble (mal als Tänzer, mal als Marionetten) oder in einen Chor verwandelt, in dem jeder der Reihe nach ein Solo vorträgt.
Die einfallsreiche Inszenierung von Duri Bischoff erweckt einen einzigartigen Ort zum Leben: das Innere eines Chalets, in dessen Mitte ein monumentaler Felsbrocken steht (der Berg natürlich, der Gipfel, aber auch ein heißer Stein für die Sauna oder ein Totemstein für den rituellen Tanz). Im Hintergrund ist ein Lastenaufzug (durch den alles transportiert wird) der einzige Zugang zu diesem ungewöhnlichen Ort, der außen auf der einen Seite von einer Sicherheitsdrehkreuze umgeben ist, wie man sie aus einer Botschaft oder einer Bank kennt, und auf der anderen Seite von Holztoiletten, die schon bei der ersten Benutzung zusammenbrechen.