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Die Zutaten für die Suppe

Werden die „Nuits de la Culture“ das Kulturjahr retten? Was den Publikumserfolg angeht, steht das bereits fest. Die jüngsten Veranstaltungen Anfang September waren ausverkauft. Die große Show „Reesch“ unter der Leitung…

Erschienen in Ausgabe September 2022
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Werden die „Nuits de la Culture“ das Kulturjahr retten? Was den Publikumserfolg angeht, steht das bereits fest. Die jüngsten Veranstaltungen Anfang September waren ausverkauft. Die große Show „Reesch“ unter der Leitung von Sean McKeown und Künstlern des Cirque du Soleil fand großen Anklang. Auch wenn sie ziemlich weit von dem Versprochenen entfernt war – eine Reise durch die Zeit und die Geschichte von Esch, von der man nicht wirklich etwas mitbekam –, so hat sie doch ein breites Publikum beeindruckt, das mit großen Augen die Kunststücke der Akrobaten mit den Springseilen oder auf den Trampolinen verfolgte. Die gleiche Begeisterung herrschte am folgenden Wochenende bei den riesigen Marionetten von „Barbara“, einer von Tullio Forgiarini verfassten Tierfabel, die durch die Straßen der Stadt zogen. Zugegeben, bei diesen beiden Veranstaltungen wurde das Know-how größtenteils von außen geholt: Am vergangenen Samstag waren die Nantais der Compagnie „Les Machines“ am Werk. Doch eine lokale Zusammenarbeit mit dem Konservatorium oder den „Grands Rêveurs“ (ehrenamtlich tätige Einwohner von Esch) ermöglichte eine Verankerung in der Bevölkerung. Nach einem in jeder Hinsicht fulminanten Finale – die Pyrotechnik war absolut faszinierend – hat diese letzte Ausgabe der „Nuits de la Culture“ bei den Einwohnern von Esch und ihren Besuchern Lust auf weitere Spektakel geweckt.

Weit, ganz weit entfernt von der Pompösität dieser beiden Veranstaltungen ist die „Nacht der Kultur“ auch Theater, das fast auf dem Schoß der Zuschauer gespielt wird. Die ganze Woche über spielte das Team des Finestra Kollektif, einer 2018 gegründeten Theatergruppe, Jeff Schinkers „Bouneschlupp“ in verschiedenen Bars und Cafés in Esch. Ursprünglich war geplant, in Wohnungen bei den Einwohnern zu spielen, doch dieser Teil des Projekts konnte nicht umgesetzt werden. Was sich letztendlich als Glücksfall erwies: Da das Stück in Café-Räumen aufgeführt wurde, konnte es auch von einem Laienpublikum gesehen werden, das normalerweise keine Theater besucht. Genau das ist übrigens letzte Woche in der Kanal Bar passiert, als die Stammgäste dieses Nachbarschaftskneips zwischen zwei Runden „Subito“ und zwei „Bofferding“ den Darbietungen von Elena Spautz und Priscila Da Costa folgten.

Jeff Schinker ist zwar vor allem für seine mehr oder weniger autobiografischen und stets ironischen Romane und Erzählungen bekannt (siehe die Rezension zu „Mein Leben unter den Zelten“ in Land vom 28.01.2022), ist er doch auch ein Kenner kleinerer Formate und der Kneipenszene, der den Lesereihenzyklus „Désœuvrés ‒ Work in Progress“ in verschiedenen Cafés der Hauptstadt ins Leben gerufen hat. Unter dem Untertitel „Zéng Figuren op der Sich no einem Heemechtsbegrëff“ (wer darin eine Anspielung auf Pirandello sehen will, der möge) beleuchtet sein Theaterstück „Bouneschlupp“ die rassistischen und fremdenfeindlichen Züge der Luxemburger. Man begegnet darin einem Regisseur, der Elena ausschließlich Rollen als Prostituierte oder Migrantinnen gibt, Pätter Henri und Monni Fern (von dem man erfährt: „&„Da er viel reiste, war er ein Avantgarde-Rassist, der Afrikaner und Araber hasste, noch bevor die Luxemburger überhaupt wussten, dass es sie gibt““), einen Politiker der ADR (durch sein Buch)… Alles nur Banalität, Alltägliches, alltäglicher Rassismus, der jedoch unerträglich wird, wenn er in den Vordergrund gerückt wird. Der Ton ist mal bissig, mal zynisch, oft witzig – mit jenem bissigen Humor, der die Sozialkritik kennzeichnet, mit der der Autor nicht spart. „ Die Luxemburger verfügen über ein sehr reichhaltiges Repertoire an Fremdenfeindlichkeiten. Sie hassen Ausländer ganz unterschiedlich, je nach deren Herkunft “, stellt er fest, bevor er eine Reihe ziemlich urkomischer Zwischenspiele über die Deutschen, die Grenzgänger (natürlich Franzosen), die Einwanderer (natürlich Italiener oder Portugiesen) und all die „ anderen “ (vorzugsweise Bosnier oder Syrer).

Der Text war ursprünglich als Monolog konzipiert, doch die Inszenierung von Corina Ostafi hat dem Stück mehr Rhythmus verliehen, indem sie Elena Spautz und Priscilla Da Costa, für die es das Schauspieldebüt ist, miteinander ins Gespräch gebracht hat. Sie haben keine festgelegte Rolle oder Figur. Mal antworten sie einander, mal sind sie jeweils in ihrer eigenen Welt versunken und setzen sich mit dem strukturellen Rassismus in ihrer eigenen Familie auseinander. Die Regisseurin nutzt die musikalischen Fähigkeiten perfekt aus, wobei Priscilla ihre Gitarre so in die Hand nimmt, wie andere ein Messer. Ein ziemlich wütender Rap lässt uns einen albtraumhaften Blick auf Luxemburg erhaschen (jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre kein Zufall) : „&Ein riesiges Hochhaus, in dem Banker mit Tintin-Krawatten von Termin zu Termin hetzen, ein Auge auf den Nasdaq gerichtet, ein Nasenloch am Handy, um so schnell wie möglich eine Line zu ziehen. “. Man wirft das alles in den Topf und bringt es zum Kochen: Die Suppe nimmt Gestalt an. Nichts ist lustiger als ernste Themen.