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Bühne 5 Min. Lesezeit

Die Welt auf den Kopf gestellt

junge Zuschauer

Erschienen in Ausgabe Mai 2023
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Man kannte Saint-Nazaire, die Stadt der „Mélusines des mers“, einen Ort voller Zauber, an dem die Hafenatmosphäre Bilder aus großen Arthouse-Filmen heraufbeschwört, am Ufer eines Ozeans, der niemals zur Ruhe kommt. Weniger bekannt war jedoch die Stadt Saint-Nazaire als Wiege hochkarätiger Künstler wie jene des Collectif à l’Envers, mit den Komponisten und Saxophonisten Ronan Le Gouriérec und Gweltaz Hervé als Aushängeschilder – zwei, übrigens, sehr bretonische Namen … na so was, da haben wir’s ja… Aus diesem fernen Westen Frankreichs holen die Rotondes also diese erstaunliche Truppe, die Sopryton ? „Complètement Barano!“, ein Gemeinschaftswerk, das in einer „klanglichen und visuellen Blase“ inszeniert wird und bei dem es nicht an Percussion und Virtuosität mangelt. Keines der an diesem Tag anwesenden Kinder wird das Gegenteil behaupten: Die Rotondes erweisen sich definitiv als eine Hochburg der Kinder- und Jugendtheaterkunst in der grenzüberschreitenden Region.

Wie immer gibt es zuvor ein „junges Publikum“, dieses Kinderballett. Die kindliche Energie ist dort förmlich greifbar, ebenso wie die unvergleichliche Ungeduld – man könnte meinen, man wäre von Groupies umgeben, vor der Bühne der Rockhal, zwei Stunden bevor Lomepal auftritt, um zu singen … Was für ein Druck für die Künstler auf der Bühne. Was für ein Publikum ist doch das eines Kindes, das einer Vorstellung gegenübersteht … Ihm, dem nichts entgeht. Ihm, der gerade als Zuschauer eine immense Feinfühligkeit an den Tag legt. Heute braucht „der Zuschauer von morgen“, wie man ihn früher nannte, keine Erklärung mehr, um in die Vorstellung einzutauchen. Es wird ganz und gar von den Emotionen und der Fantasiewelt mitgerissen, die die Vorstellung ihm vermittelt. Es ist der beste Zuschauer und zugleich der schlechteste, denn während man sich Sorgen macht, dass es nicht versteht, was der Erwachsene ihm vermitteln will, muss man sicherstellen, dass er versteht, was die künstlerische Darbietung bietet – und zwar auf seine eigene Weise, entsprechend seiner Sensibilität und seinen Stimmungen, die sehr oft besonders ausgeprägt sind. Deshalb weinen manche Kinder bei „Sopryton ? Complètement Barano“, während andere lachen. Deshalb sind bei der Einleitung, wenn die beiden Saxophonisten ihre Instrumente „sprechen“ lassen, manche Kinder fasziniert, während andere Angst haben, zappeln oder laut Kommentare abgeben … Keines der Kinder ist jedenfalls still … Nichts davon lässt die Kleinen unberührt. Und schließlich geht es darum, die Aufmerksamkeit der jungen Zuschauer aufrechtzuerhalten, die sehr zerbrechlich ist und im Handumdrehen schwinden kann, und das Collectif à l’Envers hat das gut verstanden und spielt konsequent mit seinen beidseitig offenen Rängen, damit das Publikum niemals den Faden verliert oder sich in seinen eigenen Gedankengängen verliert… Gerade darin liegt der Anspruch dieser Zuschauer und Zuschauerinnen, die nicht von morgen, sondern von heute sind: Sie haben einen sehr kritischen Blick, denn sie stellen unermüdlich Fragen, vor allem viele „Warum“-Fragen.

Für das „Collectif à l’Envers“ ist alles gut gelaufen. Schon bei den ersten Klängen und „Fußspielen“ zieht die Vorstellung das Publikum in ihren Bann. Die Kinder lachen, schreien, vergießen Tränen und suchen Zuflucht in den Armen ihrer Begleitpersonen. Ronan Le Gouriérec und Gweltaz Hervé setzen ihr Talent als Bühnenkünstler ein, um ihre musikalische Eleganz mit einer Jagd nach Zeichnungen zu verbinden – jenen von Philippe Chasseloup, der logischerweise auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. Dort, in der Mitte, wandern unsere beiden Saxophonisten über einen Teppich aus Videoprojektionen, auf dem sich bewegende Kulissenbilder und dramaturgische Elemente zum Leben erwecken, die der Geschichte ihren Rhythmus verleihen. Das Duo auf der Bühne dringt mit seiner Saxophonmusik in die Erzählung ein, um die Videoprojektion zu bändigen. Der junge Zuschauer kommt voll auf seine Kosten – sowohl für die Augen als auch für die Ohren –, denn die Handlung ist allgegenwärtig, vom Boden bis zur Decke, in einer multisensorischen Atmosphäre, die man fast in 360° erlebt. Und tatsächlich sorgt auch eine Reihe von Kindern vor uns für Unterhaltung: Diese Kindergesichter, die sich von Minute zu Minute, von Akt zu Akt verändern – begleitet von den talentierten und schelmischen Musikern –, bilden eine weitere Ebene des Spektakulären, all dies im Einklang mit dem musikalischen und visuellen Streifzug, den uns die Künstler bescheren. Auf der Bühne entfaltet sich die Magie mit verblüffender Leichtigkeit; keiner der anwesenden Künstler scheint sein Talent zu erzwingen, ebenso wenig wie die Technikteams unter der Leitung von Sébastien Bouclé (Bühnenbild, Video, Licht) und Manu Le Duigou (Tonkunst), die mit Feingefühl die Vielfalt der künstlerischen Ebenen hervorheben, die sich auf der Bühne entfalten.

Es handelt sich hier um eine interdisziplinäre Aufführung, die Musik, Bilder und Klänge konkret miteinander verbindet und dabei im Hintergrund eine phantasmagorische Musikliteratur, eine humorvolle und verträumte visuelle Poesie sowie schließlich eine kraftvolle Theatralik entfaltet, die sowohl den inneren Welten des Kindes als auch des Erwachsenen offensteht. „Sopryton? Complètement Barano“ ist ein Wunderwerk, eine Aufführung, die dem Erwachsenen seine abgestumpfte Miene nimmt – jene, die er normalerweise im Theater trägt: „&„dieses Intellektuellen-Ding“, und die es dem Kind ermöglicht, alles herauszulassen, die Emotionen, die es durchströmen, abzulassen, um nach außen hin zu jubeln – wie jene wohltuende Energie, die die Live-Aufführung auszeichnet.