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Bühne 4 Min. Lesezeit

Die Kunst, wieder auf die Beine zu kommen

Wie jedes Jahr seit 2010 zeigen die Clowns im Oktober ihre roten Nasen in der Kulturfabrik. „Clowns in Progress“ ist das unverzichtbare, wenn auch sehr nischenorientierte Festival für Clowns jeden Alters und jeder…

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
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Wie jedes Jahr seit 2010 zeigen die Clowns im Oktober ihre roten Nasen in der Kulturfabrik. „Clowns in Progress“ ist das unverzichtbare, wenn auch sehr nischenorientierte Festival für Clowns jeden Alters und jeder Herkunft. Diese neue Ausgabe, die etwas kleiner ausfällt als sonst, bietet einen Workshop, einen Vortrag und vor allem vier äußerst unterschiedliche Vorstellungen. Ein Blick ins Programm verspricht Lachen, Gore, schlechten Geschmack, aber auch Erhabenes. Und genau am 14. Oktober empfängt das Escher Theater die Compagnie „Les Rois vagabonds“ mit ihrem „Concerto pour deux clowns“. Die gleiche Vorstellung stand bereits 2018 im Rahmen desselben Festivals auf dem Programm, und wir erinnern uns noch gut daran. Denn dieses Meisterwerk ist so reichhaltig, dass man jedem vorschreiben sollte, es einmal im Jahr zu sehen.

Ein Kronleuchter und eine runde, mit einem roten Vorhang verhüllte Konstruktion – die Kulisse ist bereit. Julia Moa Caprez, mal Geigerin, mal Sängerin, mal Akrobatin, betritt die Bühne und stößt hohe, schrille Schreie aus. Ihr folgt Igor Sellem, der ebenso viele Talente in sich vereint und versucht, seine Kollegin nachzuahmen. Es folgen mehrere Szenen, zwischen musikalischen Darbietungen und Balanceakten, bei denen das Publikum mit einbezogen wird. Zum Abschluss spielt der Sohn des Künstlerpaares, gekleidet wie ein Engelchen, die erste „Gnossienne“ von Erik Satie auf dem Akkordeon. Das war bereits vor drei Jahren der Fall, doch seit ihrem letzten Auftritt ist das Kind gewachsen. Ein Bild des Vergehens der Zeit, das das Ende der Vorstellung umso bewegender macht.

Am nächsten Tag präsentiert das Kollektiv Xanadou das Ergebnis einer einwöchigen Künstlerresidenz, die ganz im Zeichen ihres Stücks „Road Movie“ stand – vor Ort und ohne Kamera. Die Mitglieder der Truppe stehen vor einem roten Miniaturauto, das zum Leben erwacht. Es verlangt Champagner als Treibstoff und spricht mit einer Stimme, die ein wenig an Coluche erinnert. Das Stück war ursprünglich für die Aufführung auf einem Parkplatz mit einem Auto in Originalgröße konzipiert, doch man lässt sich gerne auf diese Aussetzung der Ungläubigkeit ein. Zwischen dem Austausch von Aphorismen von Cioran und der wenig überzeugenden Anprangerung von Patriarchat und Kapitalismus bleibt vor allem eine hübsche Liebeserklärung im Nachhall in Erinnerung, die das Ende ihres noch im Entstehen begriffenen Stücks und den Auftritt des Headliners des Abends einläutet.

Nun ist also Typhus Bronx mit seinem „Petite soirée qui va te faire flipper ta race“ an der Reihe, zu glänzen. Das Publikum drängt sich auf kompakten Tribünen, nur wenige Meter vom Künstler entfernt. Dieser beginnt seine Show auf ziemlich furchteinflößende Weise. Mit gekrümmtem Rücken und kehliger Stimme nähert er sich dem Publikum, um schließlich seine ebenso gequälte wie schelmische Figur zu enthüllen. Mit seiner Neuinterpretation des Märchens vom Wacholder bietet er eine überraschende Show, in der er jeden Ausrutscher und die seltenen Pausen zu seinem Vorteil nutzt. Auch hier wieder die Kunst, sich auf Neues einzulassen. Als er zwei Zuschauer einlädt, ihm zu assistieren, wird er sehr schnell von der überschäumenden Energie eines Mannes überrollt, der seine Rolle viel zu ernst nimmt. In der Rolle der Stiefmutter schreit er sich die Seele aus dem Leib, zieht sich aus und peitscht sich mit seinem Gürtel aus. Dieser Moment, den der Clown geschickt ausnutzt, ist zum Totlachen. Typhus Bronx beendet seinen Auftritt mit einer blutigen und unerwarteten Aktion, deren Details wir hier nicht verraten wollen.

Das Festival endet am Samstagabend mit Didier Super, einem auf sympathische Weise bissigen Sänger, der vor allem an seinen viel zu kleinen Acryl-Unterziehpullis und seiner Brille mit dicken Gläsern zu erkennen ist. Seine Herausforderung besteht darin, alle neun Sekunden einen Lacher zu provozieren. Zu diesem Zweck wird sein Assistent, den er als „ Trisomiker “ bezeichnet – Fabrice –, regelmäßig vorab aufgezeichnetes Gelächter einspielen. Letzterer wird am Ende der Vorstellung mit Toilettenpapier und künstlichem Kot bedeckt sein. Die einzigen drei Zielscheiben von Didier Super – abgesehen von der amtierenden französischen Regierung, den Eliten und tutti quanti – sind Katholiken, alte Menschen und Frauen. Jedem seine Kämpfe. Er verunglimpft regelmäßig seine Komiker-Kollegen, ohne deren Können zu besitzen, und macht sich gerne über das Publikum des Großherzogtums und dessen „schmutziges Geld“ lustig. Mit dieser Haltung eines „Lieblingshassobjekts“ wechselt er eine Stunde lang – und das mit sehr wenig Elan – zwischen Charaktersketchen (zum Beispiel „Jesus Christus, der Hippie“) und humoristischen Liedern hin und her. Den Abschluss bildet eine Post-Covid-Version seines Hits „Rien à foutre“. Damit nimmt er uns die Worte aus dem Mund.