Der Tradition folgend und zur Freude der Kleinen, aber auch der Großen, hat das Team der Rotondes vom 27. bis 30. Dezember die beliebten „Chrëschtdeeg an de Rotondes“ veranstaltet, die wie immer eine gelungene Mischung aus Vorführungen und Workshops boten und gleichzeitig eine gesellige Plattform darstellten, auf der man sich bei einem Gläschen und beim Basteln treffen konnte.
Am 29. Dezember konnten wir somit ein echtes Juwel erleben: „Tout Rien“, ein unkonventionelles Stück der jungen belgischen Theatergruppe Modo Grosso. Dieses im Februar 2022 entstandene Stück für Kinder ab 7 Jahren, das jedoch auch für Erwachsene empfehlenswert ist, wurde von einem der Gründer des Brüsseler Kollektivs, dem Zirkuskünstler Alexis Rouvre, konzipiert, inszeniert und aufgeführt.
Im großen Saal der Rotonde 1, der in Dunkelheit getaucht war, empfing eine eigens für die Vorstellung geschaffene, noch nie dagewesene Inszenierung das Publikum. Dieses saß auf Tribünen wie in einem Mini-Amphitheater und blickte direkt auf den Künstler, der an einem Tisch unter einer Art kleinem Zirkuszelt agierte. Fast eine Stunde lang präsentierte Alexis Rouvre in einer wunderbaren Nähe sein intimes und minimalistisches Theater – ohne Worte, aber reich an vielfältigen Klängen, bestehend aus Objekten, Zirkus, Zauberei, Wissenschaft, Technik und Kunst. Von Anfang an waren die Zuschauer ganz bei der Sache, gefesselt von erstaunlichen Darbietungen und fulminanten Szenen, die vor ihren Augen Gestalt annahmen und sich wieder auflösten und sie auf eine traumhafte und philosophische Reise mitnahmen, ins Herz des Lebens und des Universums, der Fantasie und der Schöpfung.
Im Mittelpunkt von „Tout Rien“ stehen die Zeit, unsere Wahrnehmung derselben, ihre Modulation und ihre Einordnung in einen größeren Zusammenhang; es gibt Vanitas-Motive, es gibt das Erscheinen, das Verschwinden und die Fragmentierung des Körpers, von Gegenständen und Bildern; es gibt die Hand, die manipuliert und eine Welt mit ungeahnten Zeitlichkeiten und Rhythmen entstehen lässt. Gleich zu Beginn der Aufführung zeichnet die Künstlerin die Umrisse ihrer Hand mit einer Schnur nach, diese Hand, die ihr Netz wie eine geschickte Spinne weben wird, diese Hand, die dehnen oder zurückhalten, führen oder ablenken, Wellen und Hügel erschaffen, Stürme und Wirbel erdenken, mit Steinen und Ketten jonglieren, die Fäden der Zeit stricken und wieder auftrennen wird.
In seinem kleinen Zelt eröffnet Alexis Rouvre eine Welt voller Möglichkeiten, vom unendlich Kleinen bis zum unermesslich Großen, wobei er sich auf einige Objekte und Materialien stützt, die sich ständig wandeln: tanzende oder in prekärem Gleichgewicht schwebende Stricknadeln, kostbare Ketten, die knistern, wie Wasserrinnsale fließen oder zu beweglichen Skulpturen werden, Tassen und Karaffen, die zu Stillleben werden, geriebene Steine, die einen Sandregen zum Leben erwecken, schimmernder Stoff, der sich wellt und kaskadenartig herabfällt, Miniaturuhren oder lebensgroße Pendeluhren… Mal erwecken sich Objekte zum Leben, wie diese Kette, die sich als Schlange vorstellt, mal kommt es zu zufälligen und heftigen Begegnungen, mal verwandelt sich ein goldenes UFO in ein Raumschiff, um einen Planeten zu erkunden, oder magnetische Kugeln erfinden sich als Ballettensemble neu.
Die Lichtspiele erwecken wunderschöne szenische Bilder zum Leben, schaffen eindrucksvolle Kontraste und wundervolle Hell-Dunkel-Effekte, veredeln die Materialien und modulieren die Farben – wie in dem Stillleben mit dem Blumenstrauß, der plötzlich wieder zum Leben erwacht und seine leuchtenden Farben zurückgewinnt. In dieser wortlosen Aufführung, in der die Stille eine ganz besondere Präsenz hat, umhüllen und verstärken Geräusche, Klänge und Musik die Fiktion, bilden subtile Variationen und nuancierte Rhythmen, um vielfältige Zeitebenen zum Ausdruck zu bringen. Mit Verzauberung und einem Hauch von Humor lädt „Tout Rien“, ein wunderschönes philosophisches und poetisches Stück, dazu ein, die Welt mit Fantasie zu betrachten.
Nach diesen Höhepunkten zum Jahresende starten die Rotondes fast nahtlos am 20. Januar ihr legendäres Festival „Fabula Rasa“ mit seinen Geschichten, die immer wieder auf neue Weise erzählt werden. Unbedingt im Kalender vormerken !.