Der Titel des jüngsten Stücks am Nationaltheater Luxemburg, „Homme sans but“ (2007), ist in gewisser Weise vorausschauend, da er an jemanden erinnert, der orientierungslos und ziellos ist und scheinbar durch das Leben treibt. Schnell entdecken wir eine entmenschlichte Welt, ein eisiges Universum, das die Regisseurin Sophie Langevin in einer nüchternen Inszenierung vor uns vorbeiziehen lässt, die den Menschen in seiner beängstigenden Seite zeigt.
Dennoch bezaubert der Beginn der Vorstellung. Der Blick taucht in die Tiefe einer Art Würfels ein und richtet sich auf eine wunderschöne nordische Landschaft: die Videoprojektion (Jonathan Christoph) eines leuchtenden Fjords in Norwegen, ein idyllischer Ort, den ein wohlhabender und visionärer Architekt, Peter (gespielt von Denis Jousselin), – die einzige Figur, die einen Namen trägt; die anderen werden in Beziehung zu ihm definiert – entdeckt hat, um dort eine Traumstadt zu errichten. Er erläutert seinen Plan seinem Bruder und treuen Mitarbeiter, der seltsamerweise einfach nur „Bruder“ (Régis Laroche) genannt wird.
Schon zu diesem Zeitpunkt gab es ein alarmierendes Zeichen: Die Zustimmung des Grundbesitzers (Francesco Mormino), der sich selbst nach dem Angebot einer enormen Geldsumme weigerte zu verkaufen, wurde schließlich mit Gewalt erzwungen. Er wurde zunächst zum Mitarbeiter und später zum Assistenten. Die Stadt wird erbaut, entwickelt sich weiter und blüht auf.
Zehn Jahre später erkrankt der Architekt. Es folgt eine radikale Wende. Das Bühnenbild wechselt und verwandelt sich in ein Krankenhauszimmer. Familienmitglieder tauchen auf: eine Ex-Frau, die Frau (Laetitia Pitz), dann die Tochter (Marie Jung). Peter stirbt und hinterlässt den Bruder als alleinigen Erben des Imperiums. Die Schwester (Garance Clavel) taucht auf und spielt auf weitere Familienmitglieder an, die aus dem Nichts auftauchen. Der Autor Arne Lygre schafft eine Scheinfamilie, in der die Menschen auf ihr Äußeres reduziert sind.
Zweideutigkeiten und Fantasien vermischen sich. Was all diese Menschen verbindet und zusammenhält, ist Geld, viel Geld. Im letzten Teil werden prall gefüllte Umschläge verteilt. Alle werden dafür bezahlt, nach Peters Belieben zu handeln. Schließlich wird sein schönes Haus verwüstet: Seine wertvollen Gegenstände liegen verstreut herum, jeder bedient sich, nur Frère scheint ein wenig Ordnung zu schaffen.
Der norwegische Dramatiker und Romanautor Arne Lygre (dessen erstes Stück in Luxemburg aufgeführt wird) schafft mit einem nüchternen, prägnanten und bisweilen minimalistischen Schreibstil ein einzigartiges, überraschendes Universum, das Gewalt und Ängste sät. Seine seltsame, gut konstruierte Fiktion grenzt an das Virtuelle. Geld führt zu allem: zu einer Familie, einer Geschichte, Gefühlen. Durch Geld entstehen Illusionen. Der Kapitalismus dringt überall ein.
Eine beängstigende Welt, und doch entstehen Verbindungen zur Realität, zu unserer Welt. Nach der Vorstellung können wir uns fragen, wer wir sind. Welches Bild wollen wir von uns vermitteln? Welche Rolle spielen wir in einer Zeit, in der das Virtuelle eine so große Bedeutung erlangt?
Für die Inszenierung von „Homme sans but“ setzt Sophie Langevin auf eine präzise und suggestive Arbeitsweise, bei der der Schwerpunkt auf einem „neutralen“ Schauspiel und einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit der Bühnenbildnerin liegt. Anouk Schiltz (die auch für die Kostüme in neutralen Farbtönen verantwortlich ist) hat eine Bühnenbox entworfen, die auf der Bühne aufgestellt ist, zur Zuschauerseite hin weit offen steht und zu Beginn auf die Videoprojektion des Fjords ausgerichtet ist, um diese anschließend hinter einem breiten weißen Voile-Vorhang zu verbergen und Peters Krankenzimmer von außen abzuschirmen, das nach seinem Tod zu seinem leeren Haus wird.
Die Schauspieler sind durch ihr zurückhaltendes Spiel vor allem Wortträger, die kaum Gefühle zum Ausdruck bringen. Sie leben ganz im Hier und Jetzt und veranschaulichen eine befremdliche Welt, untermalt von der oft beunruhigenden Klanggestaltung von Pierrick Grobéty und dem Lichtdesign von Daniel Sestak.
Heben wir noch eine letzte beängstigende Szene hervor, die im Gegensatz zum idyllischen Beginn des Stücks steht: Frère stachelt die Stadtbewohner dazu an, sich Peters Wertsachen zu schnappen, die auf dem Rasen vor seinem Haus ausgestellt sind.
„Homme sans but“ konfrontiert uns Schritt für Schritt mit einer dekonstruierten, menschenleeren und gierigen Welt, die von Sophie Langevin brillant inszeniert wird.
Letzte Vorstellung im Nationaltheater Luxemburg: diesen Freitag, den 19. Mai, um 20 Uhr