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Bühne 4 Min. Lesezeit

Den Faden aufwickeln

Theater

Erschienen in Ausgabe November 2023
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Eine Aufführung von großer universeller Tragweite © Luc Jennepin

„Les Gardiennes“, das siebte Stück des Autors und Regisseurs Nasser Djemaï, der zugleich Schauspieler und Leiter des Théâtre des Quartiers d’Ivry – CDN im Val-de-Marne ist, wurde soeben im Studio der Théâtres de la Ville de Luxembourg aufgeführt, Koproduzent dieser Inszenierung, die er in seinen Zyklus „ L’intime et le politique “ aufgenommen hat.

In diesen „Gardiennes“, die sich mit gesellschaftlichen Themen befassen, geht es tatsächlich um privaten und öffentlichen Raum: Alter und Pflegebedürftigkeit, Isolation und Einsamkeit, Generationskonflikt und Kommunikationsschwierigkeiten, familiäre und elterlich-kindliche Beziehungen, freundschaftliche Bindungen, Gemeinschaft und Solidarität, die Arbeitswelt und Arbeiterkämpfe… Nasser Djemaï greift diese gewichtigen Themen zugleich ernsthaft und leichtfüßig auf, stets mit Humor, Feingefühl und Poesie. Persönliche und kollektive Geschichten sind darin untrennbar miteinander verbunden, die Welten von gestern und heute prallen aufeinander, Realität und Traum vermischen sich, das Sichtbare und das Unsichtbare spiegeln sich wider, reale und mythologische Figuren begegnen einander, fantastische Erzählung und Sozialtheater sind miteinander verknüpft.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Rose (Martine Harmel, die auch als Tänzerin auftritt), eine über achtzigjährige Frau, die nach einem Sturz im Rollstuhl sitzt. Außerdem hat sie ihre Sprache verloren. In ihre Wohnung sind drei Nachbarinnen eingezogen, die im selben Haus wohnen – ehemalige Kolleginnen aus der Textilfabrik und Mitstreiterinnen im gewerkschaftlichen Kampf –, und die sich nun um sie kümmern. Rose liebt Musik, insbesondere italienische Lieder, die sie an ihre Herkunft erinnern. Hannah (die liebenswerte Chantal Trichet in einer überschwänglichen und rührenden Rolle) ist krank, wird aber bis zum Schluss rauchen – sie, die sich nun frei fühlt. Margot (Coco Felgeirolles), eine kokette Frau, geht gerne zum Friseur und träumt davon, wegzugehen, um ein neues Leben zu beginnen. Suzanne (Claire Aveline), eine Hellseherin, wagt sich nachts in die Sümpfe. Ein bisschen Zauberinnen, ein bisschen Hexen – diese Wächterinnen beschwören die Vergangenheit herauf (die versunkene Stadt, die verstorbenen geliebten Menschen). Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt, Mythen und Mythologien entstehen zu lassen.

Das ungewöhnliche Quartett hat seinen Rhythmus und seine Routinen gefunden, um ein wenig Sinn, Fröhlichkeit und Außergewöhnliches in seinen Alltag zu bringen, der durch die Ankunft von Victoria (die beeindruckende Sophie Rodrigues) gestört wird, der Tochter von Rose, einer starken und zugleich zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter in ein Pflegeheim geben, die Wohnung ausräumen und verkaufen will. Der kleine Clan muss daher die Wohnung verlassen. Der Krieg ist erklärt, die Feindseligkeiten haben begonnen. Doch die Dinge nehmen eine andere Wendung: Das Unheimliche taucht auf, Victorias Sachen verschwinden, ihre Orientierung gerät ins Wanken, sie steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nach zahlreichen Wendungen wird sie jedoch ihrerseits zur Hüterin…

Nasser Djemaï jongliert mit verschiedenen Stilrichtungen und Zeitebenen, lässt den Schauspielerinnen viel Raum und inszeniert gekonnt Welten, die nebeneinander existieren. Dabei lässt er das Fantastische entstehen, indem er der Realität eine beunruhigende Fremdartigkeit verleiht: eindringliche Klänge, grelle Bilder und Lichter, wechselnde Farben (von hell bis dunkel), charakteristische Requisiten… Er verleiht dem Stück einen rasanten Rhythmus und wechselt dabei zwischen realistischen, intimen (jede Figur erzählt ihre Geschichte), fröhlichen (Victoria filmt die fröhliche Sippe), skurrilen (ärztliche Untersuchung in weißen Kitteln), aberwitzigen (Roses Geburtstagstorte), konfliktreiche (zwischen Victoria und dem Trio), gewalttätige (zwischen Victoria und ihrer Mutter) oder übernatürliche (Geister, die auf dem Wasser gehen). Mal ist man gerührt, hat einen Kloß im Hals, mal lacht man, mal wird man vom Schwindelgefühl des Märchens mitgerissen (beeindruckende Videokreation einer bedrohlichen Natur). Es entstehen wunderschöne Gruppenszenen.

Wenn man den Saal betritt, hat die Vorstellung bereits begonnen: Die Aufseherinnen sind im Foyer (einem altmodischen Innenraum aus Holz) voller bunter Spulen emsig bei der Arbeit. Rose spult Garn auf, es sei denn, sie knüpft (erneut) Weberknoten… Eine Geste, die sie in einer bewegenden Szene im Zeichen der Schwesternschaft an Victoria weitergeben wird, während die vier Frauen zur Musik einen roten Faden abwickeln – den Faden ihres Lebens, den Faden des Lebens.

„Les Gardiennes“ von Nasser Djemaï – ein kraftvolles und bewegendes Stück, getragen von einem großartigen Quintett aus Schauspielerinnen.