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Bühne 5 Min. Lesezeit

Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste

Luxemburgs Teilnahme am Festival d’Avignon

Erschienen in Ausgabe Juli 2024
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In Avignon wird jedes Jahr das größte Theaterfestival der Welt aufgeführt. Sowohl hinsichtlich der Anzahl der Vorstellungen als auch der Zuschauer ist das Festival d’Avignon, das 1947 von Jean Vilar und Jean Rouvet ins Leben gerufen wurde, eine in der Theaterlandschaft einzigartige Veranstaltung. Für viele ein Mythos, für andere eine Realität mit bitterem Beigeschmack. In diesem Jahr haben drei Produktionen aus der luxemburgischen Theaterszene ihren Platz bei diesem großen Festival gefunden; hinzu kommt die Teilnahme des grenzüberschreitenden Kollektivs von Dramatikerinnen und Dramatikern „Le Gueuloir“, das an zwei Abenden im „Souffle d’Avignon“ auftritt.

Es gibt das Avignon auf dem Papier und das Avignon in Wirklichkeit. Die Realität ist um ein Vielfaches eindringlicher als jede Art von Beschreibung, auch wenn gerade diese die Aura des Ereignisses prägen – und das Wort reicht dafür kaum aus. In diesem von der Sonne versengten und von der Hitze geschwächten Süden Frankreichs spielt sich etwas ziemlich Unglaubliches ab. Eine Messe zu Ehren des Theaters, oder besser gesagt, der darstellenden Künste. Und wie man sie in den 1950er Jahren beschrieb, sind die 300.000 Festivalbesucher „Pilger“ oder gar „Anhänger einer Sekte“; ein allmächtiges Festival, das keinerlei Gnade kennt. Denn hier entscheidet sich tatsächlich alles. Das Schicksal der Theaterensembles wird hier besiegelt, manche Künstler gehen hier unter, andere jubeln – das ist das grausame Gesetz des Festivals. Denn es sind in erster Linie die Zuschauer, die den Mythos von Avignon erschaffen und seine Helden und Heldinnen krönen. Im Herzen dieses Hexenkessels finden 1 666 Vorstellungen im „Off“-Programm und 400 Veranstaltungen im „In“-Programm statt, das natürlich glanzvoller ist. Die luxemburgischen Produktionen sind also in diese 1.666 Vorstellungen eingebettet, wobei jede einzelne ihre künstlerischen wie auch logistischen Qualitäten offen zur Schau stellt – unbestrittene Stärken dieser Auswahl luxemburgischer Produktionen, die in dieses Theater-Mekka gebracht wurden.

Zunächst entführt „Corps au bout du monde“ in La Manufacture den Zuschauer in die Lebensgeschichte einer jungen Turnerin, die mit den Anforderungen und Opfern des Spitzensports zu kämpfen hat. Mit dabei sind Marion Rothhaar, Rahel Jankowski und die Turnerin Mariia Iezhemenska, die alle drei die Figuren eines Sportlerlebens verkörpern: eine kompromisslose Trainerin, eine naive und verblendete Turnerin und einen jungen Star der Disziplin – sie selbst. Letztere dient lediglich dazu, einen Sport zu veranschaulichen, der den Körper auf die Probe stellt und an die Kunst der Choreografie grenzt. So beschreibt ein Bühnen-Duo – Rothhaar / Jankowski – eine harte Realität, ganz im Sinne dessen, was die deutsch-luxemburgische Marion Rothhaar erlebt hat, die zur deutschen Meisterin im rhythmischen und sportlichen Turnen bis hin zu den Olympischen Spielen herangewachsen ist. Wenn man also einige Unebenheiten in der Sprache entschuldigt, die für diesen Anlass vom Deutschen ins Französische übertragen wurde, besitzt „Corps au bout du monde“ unter der Regie der Österreicherin Elke Hartmann echte spektakuläre Qualitäten: Es nutzt den Sport als Ausgangspunkt für eine szenische Darstellung in einem Medley aus Tanz, Theater und Dokumentarfilm. Eine schöne Idee, die in einem entspannenden Happy End gipfelt, ohne jedoch hinsichtlich der Werte des heutigen Sports zu beruhigen. Die Olympischen Spiele sind nicht mehr weit, die Skandale auch nicht…

Anschließend folgt „Go !“ der Französin Jennifer Gohier im Théâtre du Train Bleu, inszeniert von den Tänzern Youri de Gussem und Ville Oinonen – eine reizvolle Körper-zu-Körper-Aufführung. Eine körperliche Meisterleistung auf sportlichem Niveau, einmal mehr für ein äußerst wirkungsvolles Bühnenstück, das Humor und Präzision vereint. „Go !“ zeigt einen Moment zwischen Intensität und gestischer Poesie, der zum Wesen der Kampfkünste zurückkehrt, die durch ihre spirituelle, intellektuelle, philosophische und damit poetische Dimension zur Selbstbeherrschung und persönlichen Weiterentwicklung einladen. Und doch ist es auch eine unterhaltsame Vorstellung, die – wenn man den jungen Zuschauern Glauben schenkt, auch wenn es an diesem Abend nur wenige waren – wunderbar als das funktioniert, was sie in erster Linie ist: „ein junges Publikum“.

Und schließlich „Megastructure“ des Duos Sarah Baltzinger und Isaiah Wilson im „La Manutention“, das in der Avignoner Kulturszene eindeutig für Aufsehen sorgte, und bei fast allen zehn Vorstellungen dieser hybriden Performance vor ausverkauftem Haus den Vorhang hob – eine Performance ohne Musik, dafür aber zutiefst körperbetont – hier mit Sarah Baltzinger und Filippo Gualandris, der die Rolle erneut übernahm. Als französisch-luxemburgisches Paar im Leben wie auf der Bühne beantworten Baltzinger und Wilson mit „Megastructure“ ihre Fragen als Choreografen, die nun als Duo arbeiten, und ebenso ihre liebevolle Verbundenheit, die in dieser Form zum Ausdruck kommt, welche zugleich die Routine, die Sinnlichkeit und das Außergewöhnliche des Zusammenseins, des gemeinsamen künstlerischen Wachsens wie eine Megastruktur: komplex, solide, erstaunlich und beeindruckend.

Letztendlich lässt sich bei allen drei Vorschlägen kaum von rein theatralischen Aufführungen sprechen. Der erste, im dokumentarischen Stil, erzählt ein Sportlerleben, das durch den Sport veranschaulicht wird ; der zweite ist tief in einer szenischen Interpretation der Kampfkünste verwurzelt, die zwangsläufig in Richtung Tanz tendiert ; und der dritte nutzt die Bühne als Raum für rohe Performance, in dem sich ausschließlich die Körper in einer unverblümten und bewusst gewählten Technizität zeigen. Man muss also feststellen, dass die luxemburgische Inszenierung in diesem Jahr weniger theatralisch als vielmehr spektakulär ist, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Diese Produktion spiegelt zudem das Land wider: multinational und multikulturell, getragen von Italienern, Belgiern, Franzosen, Deutschen oder Personen mit doppelter Staatsangehörigkeit – alle von ihnen sind im Herzen oder in ihrer Kunst Luxemburger.