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Bühne 4 Min. Lesezeit

Blondschöpfe und Kritzeleien

Junge Zuschauer

Erschienen in Ausgabe Oktober 2022
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In der gemütlichen und behaglichen Atmosphäre der Rotonde Ouest lud die Compagnie SCoM – Sterno Circo occipito Mastoidienne – die jungen Zuschauer und ihre Begleiter ein, gemeinsam mit ihnen „Trait(s)“ zu erleben, ein Kurzprogramm zwischen Zirkus, Musik und Malerei, das zu keinem Zeitpunkt an Spannung verlor und allen Kindern im Publikum den Atem raubte. Ein großer Erfolg also, der das ambitionierte Programm der Rotondes für junges Publikum prägt – das mit Abstand überzeugendste in der Region.

Der Auftakt einer Vorstellung für junges Publikum ist immer wieder unterhaltsam. Man versammelt die Kleinen an einem Ort, der der Herzlichkeit gewidmet ist und an dem man sich zur Geduld zwingen muss. Ein Ort, der schnell zum Tempel kindlicher Ausgelassenheit wird. Die Eltern plaudern über Gott und die Welt, während um sie herum kleine Füßchen herumlaufen und hüpfen, Lippen lächeln oder sich zum Weinen zusammenpressen. Die Ungeduld auf die „ Vorstellung “ ist greifbar, und dort, in diesem improvisierten Warteraum, hat man den Eindruck, dass sich in zweieinhalb Minuten eine Parallelwelt aufgebaut hat: die Welt von Kindern auf einem Zuckerrausch, die direkt von einem Ausflug in den „Parc Merveilleux“ kommen und dafür kämpfen, das Gebiet um sie herum zu ihrem eigenen Land zu machen – zu einer Fabrik der Träumereien, einer Fundgrube der Fantasie. Die Vorstellung beginnt – für Erwachsene wie für Kinder – bereits hier, und die Art des Empfangs ist untrennbar mit dem vollständigen Eintauchen in das Spektakel verbunden…

Und dann geht es los: Die Kinder – und die Eltern – galoppieren bis in den großen Saal der Rotondes und bleiben dann abrupt stehen. Drei Tribünen bilden einen Kreis und schaffen in der Mitte den Spielraum – keinen Pausenhof, sondern den Ort, an dem das Stück gespielt wird, dort, wo andere spielen, während die Erwachsenen zuschauen. Also nehmen sich alle brav ihre Plätze ein. Die Sitzreihe drückt in den Rücken, aber was soll’s – vor uns liegen fünfunddreißig Minuten voller Phantasmagorien, der Rücken muss eben auf den Chiropraktiker warten, einen anderen Spielplatz, der weniger zum Träumen einlädt.

Zu Beginn warnen uns die beiden jungen Künstler auf der Bühne: „Bleibt bitte auf den Tribünen sitzen“, denn Farbspritzer und sich bewegende Reifen – ein „Cyr-Rad“ – könnten Flecken hinterlassen oder jemanden treffen… Niemand hat ohnehin Lust, einen Fuß auf den Boden zu setzen. Alle haben es verstanden: Der Raum ist „geweiht“, und diese Darstellungsregel wird von den Künstlern recht subtil eingeführt. Während normalerweise mindestens ein Kleinkind in den Bereich hinter der vierten Wand gelangt, hat sich bei unserem Besuch bei „Trait(s)“ keines dorthin gewagt. Das ist selten und steht symbolisch für eine Aufführung, die jeden im Publikum – glücklicherweise – in ihren Bann zieht.

Auch dank einer fesselnden, aus verschiedenen Fragmenten zusammengesetzten Aufführung, die eine ausgeprägte Spannung der „Körperlichkeit“ erzeugt, gelingt es der Truppe, das gesamte Kinderpublikum in ihren Bann zu ziehen. Inspiriert von den Werken der abstrakten Maler Wassily Kandinsky, Joan Miró, Yayoi Kusama und Sonia Delaunay – was zwar vorhanden ist, aber nicht unbedingt beeindruckt – inszeniert „Trait(s)“ eine Zirkusartistin am Cyr-Rad und einen Multi-Instrumentalisten, die sich zum Malen zusammenfinden. Doch wie sich zeigt, beschränkt sich dieser als „grafischer Zirkus“ bezeichnete Zirkus nicht allein auf die Gestaltung einer Leinwand, sondern ist sogar nur ein kleiner Ausschnitt davon, der ganz wörtlich zu nehmen ist.

Im Gegenteil, das, was man dort an bemalten Linien sieht, dient eher als Vorwand für die Inszenierung: Die Malerei als bewusste Entscheidung und als Leitlinie, als Ausgangspunkt. Tatsächlich sind die Striche und Linien überall zu finden: in den Klangteppichen, die dahinfließen und umherwirbeln, in den zirkusartigen Gesten, die von der Zirkusartistin ausgedehnt werden, in den Geräuschen der Bühne und in denen des Rings, der über das Malmaterial auf dem Papier reibt. Was letztendlich dominiert, ist jene Idee, die bereits bei der Inszenierung deutlich wird: die der Kreise, die ineinander verschachtelt sind. Eine Rotunde, die eine kreisförmige Tribüne beherbergt, die wiederum Räder mit unendlichen Bewegungen umgibt… Ein Kreis ist beruhigend, lehrreich und durchbricht die viereckige Geometrie der Vorstellung, die die Kleinsten manchmal erschrecken kann.

Letztendlich bildet dieser Schwerpunkt die intellektuell-künstlerische Begründung des Projekts, nämlich die Erforschung des Kreises, der auf seinem Weg Spuren hinterlässt – die Spuren des „ Circassien in Bewegung “. Und wenn all dies zusammenpasst und die Neugier der Erwachsenen weckt, wird die der Kinder durch die fröhliche Fantasie, die von der Verbindung von Musik und Zirkus ausgeht, noch um ein Vielfaches gesteigert. Das Duo strahlt regelrecht vor Freude – durch ihr ständiges Lächeln, ihre kreative Energie und ihren gutmütigen Rhythmus –, damit das Ganze den Blick des Kindes erfreut, das ganz ungezwungen staunt, niemals aufgesetzt. Der Preis des Erfolgs: eine Stille, die in dieser kugelförmigen Kathedrale herrscht, bis hin zum aufrichtigen Applaus eines jungen Publikums, das von den Rotondes in seinem Streben nach bewussten zukünftigen Zuschauern gut vorbereitet wurde.