Die in Nancy uraufgeführte La Cenerentola von Rossini wird demnächst im Gran Théâtre zu sehen sein. Als Jugendoper – Rossini war zum Zeitpunkt der Entstehung erst 25 Jahre alt – erinnert dieses „dramma giocoso“ mit seiner Moral an die „opera seria“ sowie, wie so oft bei ihm, an Mozart mit seiner tiefgründigen Leichtigkeit und seiner Symmetrie. Rossini zeigt hier seine charmante Verspieltheit in einer virtuosen, rasanten und sprunghaften Musik. Man muss schon seine Schalkhaftigkeit besitzen, um in Charles Perraults Märchen „Aschenputtel“ den Grundrahmen einer Oper zu erkennen. Zwar wird die Stiefmutter hier durch einen unwürdigen Vater und der Perlenpantoffel durch ein Armband ersetzt, aber ansonsten ist alles vorhanden.
Wie so oft bei Rossini ist die Orchestermusik ebenso wie die der Sänger lebendig, verschmitzt und farbenreich. Man könnte sogar sagen, dass das Drama nur um ihrer willen existiert, so auffällig ist die psychologische und erzählerische Dürftigkeit der Handlung. Der Dirigent Giulio Cilona vermittelt seine Phrasen im zügigen Tempo sehr gut und lässt die Bläser ebenso gut mit den Streichern in Dialog treten. Auch wenn er die orchestralen Anforderungen Rossinis aus rein technischer Sicht gut beherrscht, scheint er doch nicht erfasst zu haben, was sie vermitteln. Rossinis Orchester kommentiert das Geschehen mit einem amüsierten, lebhaften und geistreichen Ton, den es dem Zuschauer vermittelt. Es handelt sich nicht nur um Hintergrundmusik. Dem belgisch-amerikanischen Dirigenten fehlt ein wenig mehr Wagemut, um das Publikum vollständig mitzureißen. Wir wollen ihm jedoch keinen Vorwurf machen, denn er ist einer der wenigen erfreulichen Aspekte dieser Inszenierung.
Fabrice Murgias Inszenierung schöpft ihre Inspiration aus dem amerikanischen Kino, insbesondere aus Fantasy- und Gothic-Filmen à la Tim Burton. Der belgische Regisseur scheint der Oper schaden zu wollen, so sehr dominieren Hässlichkeit und stellenweise auch Vulgarität. Da fragt man sich, ob er die Bühne nicht gegen die Oper als Kunstgattung einsetzt, indem er die Bühne mit schmutzigen Farben beschmiert, die Darsteller in schwerfällige Kostüme steckt und die Figuren lächerlich macht.
Zunächst die Kulisse: Sie ist als billiges Hotel konzipiert, in dem Angelina (Aschenputtel) als Dienstmädchen arbeitet und wie Harry Potter unter einer großen Treppe wohnt. Der Raum ist in grünlichen und bräunlichen Farbtönen gehalten. Eine große Scheibe, die über der Bar hängt, dient als Leinwand für verschiedene Projektionen. Die Kameraleute, die die Protagonisten umringen, scheinen nicht so recht zu wissen, was sie filmen sollen. So zeigt diese Leinwand durcheinander Angelinas Vater, ihre Schwestern, Angelina selbst, den Dirigenten und das Orchester. Auch der Filmvorführer weiß nicht so recht, was er zeigen soll. So zeigt er Bilder vom Wachhäuschen der Unglücklichen, aus dem Archiv und von Angelina, die mitten in all dem zum Ball kommt. Er weiß auch nicht, wohin er projizieren soll. Manchmal dient auch der Bühnenhintergrund seinerseits als Leinwand. Selten war eine solche Inszenierung so verwirrend, ablenkend, willkürlich und sinnlos. Schlimmer noch: Eine leichte Verzögerung zwischen der Projektion und den Stimmen macht dieses Durcheinander noch lächerlicher.
Dann die Kostüme. Angelina und der Prinz sowie alle Figuren am Hof, wie Dandini (sein Kammerdiener) und Alidoro (der Kämmerer), sind in einem Stil gekleidet, der Emo und Gothic miteinander verbindet. Einige ihrer Kleidungsstücke, wie zum Beispiel ihre Hosen, sind zerrissen. Angelina trägt eine mit Nieten besetzte Halskette, grüne Haare, ein blassweißes Make-up und schwarzen Lippenstift. Don Ramiro (der Prinz) hingegen hat dasselbe Make-up wie seine Geliebte und trägt schwarze Latexkleidung. Angelinas Schwestern, jugendliche Bimbos, tragen Stiefel mit mehrzentimetrigen Sohlen und Absätzen sowie geblümte Socken; während des Balls zieht eine von ihnen einen knallroten, eng anliegenden Latex-Overall mit Hörnern an. Don Magnifico (der Vater), eine Karikatur eines Rednecks, trägt eine Kappe mit der Aufschrift „Make opera great again“, einen Trainingsanzug und einen Schnurrbart, der bis zu den Mundwinkeln herabhängt.
Wieder einmal die Gestik und das Schauspiel. Am schlimmsten ist zweifellos der Don Magnifico des ungarischen Baritons Gyula Nagy, der so karikaturhaft und plump ist, dass es schon peinlich wird – etwa wenn er tanzt, während Angelina singt, oder wenn er betrunken vor dem Chor zusammenbricht. Der Diener Dandini als Pizzabote, der die Großzügigkeit der Magnifico-Töchter auf die Probe stellt, ist in seiner Art auch nicht schlecht. Oder Alidoro, der unter dem Tisch hervorkommt, um Don Romiro anzusprechen. Oder auch Don Romiro, der zunächst eine braune Pfütze auf dem Boden aufleckt. Die Regie macht die Figuren ständig lächerlich und lässt dabei auch die Oper und das Märchen in den Hintergrund treten. Humor entschuldigt nicht alles.
Diese Ästhetik erreicht ihren Höhepunkt während des Balls im dritten Akt. Kostüme und Bühnenbild sind dabei in jeder Hinsicht von Horrorfilmen inspiriert. Von Don Ramiro mit dem Kopf von Frankenstein über den Chor aus Zombies – auch noch nach dem Ball –, die Schwestern, die wie die Zwillings-Cenobiten aus „Hellraiser“ im Gesicht miteinander verbunden sind, bis hin zu den Gläsern an den Seiten von „Frankenstein Junior“ und Angelinas Kleid, das an das aus „Dracula“ erinnert – ist alles dabei, ohne dass der Zusammenhang zwischen diesen Horrorfilmen und diesem Märchen erklärt wird – und vor allem ohne Finesse. Diese Inszenierung schafft es somit, die Längen des Librettos noch zu betonen, anstatt sie vergessen zu lassen.
Hinzu kommt schließlich eine sehr uneinheitliche Besetzung der Gesangsrollen. Zwar zeichnen sich die Sopranistin Héloïse Poulet aus Frankreich und die Mezzosopranistin ihrer Landsfrau Alix Le Saux als Schwestern Magnifico während der gesamten Oper durch große Klarheit und makellose Artikulation aus, so auch in ihrem ersten und letzten Duett, und vor allem die Mezzosopranistin Beth Taylor aus Schottland als Angelina mit ihrer runden, sinnlichen Phrasierung im Stil des Belcanto – wie ihr „Una volta c’era un re“ zeigt – bezaubernd ist, gilt dies leider nicht für die Sänger. Nur der italienische Tenor Dave Monaco als Don Ramiro mit seinem leichten, frischen und ausdrucksstarken Belcanto sowie seine Arien wie „Quell’ accento“ und seine offenen Rezitative, wie jene, in der er seinem zukünftigen Schwiegervater die Stirn bietet, bewahren genügend Natürlichkeit, um zu gefallen. Der italienische Bariton Alessio Arduini verfügt zwar über ein kräftiges und ruhiges Timbre, kann jedoch nicht sonderlich überzeugen, und der Bassbariton Sam Carl als Alidoro bewahrt zwar ein interessantes Timbre, das jedoch ohne wirklichen Glanz bleibt. Die Arie, in der Alidoro Angelina sein Gewand überreicht, anstatt es mitzunehmen, zieht sich in die Länge, und Dandinis erste Arie im ersten Akt wirkt beispielsweise gekünstelt. Gyula Nagy gelingt es trotz seiner zahlreichen Arien nicht, seinen Gesang aus der der Rolle auferlegten derben Lächerlichkeit herauszuholen. Darin bleibt er bis zum Schluss stecken. Der Chor der Oper von Nancy, der normalerweise so fest und sicher ist, wirkt hier – zweifellos gehemmt durch seine zombiehafte Schlaffheit – sehr schlaff und nebensächlich.
Die Inszenierungen der Opéra de Lorraine haben uns in der Vergangenheit mit „Così fan tutte“ oder „Tosca“ begeistert, und zweifellos werden sie dies auch in ihren nächsten Inszenierungen wieder tun.