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Bühne 3 Min. Lesezeit

Anarchismus und Freiheit

Theater

Erschienen in Ausgabe Februar 2023
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Ein Text, den Fernando Pessoa als Erzählung konzipiert hat – ohne eigentliche dramatische Handlung, eine Art Monolog über ein eher abstraktes Thema, der sich mit philosophischen und politischen Fragen befasst –, scheint auf den ersten Blick nur schwer das Publikum anzusprechen. Doch das Publikum kam – angezogen vom ungewöhnlichen Titel, vom Interesse an dem sehr dichten Text, aber auch von dessen zeitgemäßer Umsetzung und einer überraschenden Bühnenbildgestaltung.

Carole Lorang, die Leiterin des Escher Theaters, möchte weiterhin Stücke portugiesischer Autoren ins Programm aufnehmen, ein Projekt, das 2018 mit „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa in der Inszenierung von Rita Bento dos Reis (die diesmal als Regieassistentin fungiert) begann. In dieser Spielzeit inszeniert Jérôme Varanfrain eine Adaption von „Der anarchistische Bankier“ – das der Autor 1922 als eine Erzählung konzipierte, die in einem von der Krise erschütterten Portugal spielt – und versetzt es in den Kontext der heutigen neoliberalen Gesellschaft, die im Bann des Geldes und der Verlockung der Freiheit steht. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Peggy Wurth (die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet) setzt er vielfältige Mittel ein, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln, ohne es vom Text abzulenken.

Das Stück spielt in der Sporthalle einer Bank; der Autor Pessoa interessierte sich für Sport und Fitness, und auch für uns spielen Körperkult und körperliche Leistungsfähigkeit eine wichtige Rolle. Dort trifft der berühmte Bankier (Ali Esmili) nach einem Bankett auf einen Kollegen und Gesprächspartner (Christophe Garcia), der ihn neugierig und amüsiert darauf anspricht, dass man ihn früher als Anarchisten bezeichnet habe.

Die Beweggründe und Anfänge dieses außergewöhnlichen Bankiers wecken Neugier : Wie lässt sich der Beruf des Bankiers mit der Ideologie eines Anarchisten vereinbaren ? Zunächst spricht er über seine bescheidenen Verhältnisse und seinen Scharfsinn, mit dem er sich durchgeschlagen hat. Umgeben von einer Handvoll engagierter Mitstreiter beschreibt er seinen Weg als Rebell gegen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, im Kampf gegen die „sozialen Fiktionen“, die von Institutionen wie Kirche und Staat hervorgebracht werden. Anarchisten streben in erster Linie nach Freiheit, dann nach Gleichheit und Brüderlichkeit. Sein Kollege aus dem Fitnessstudio hält dem entgegen, dass das anarchistische System in der Praxis nicht umsetzbar sei. Da er schließlich von den anderen im Stich gelassen wird, kämpft er allein weiter, häuft Geld an, wird Bankier und setzt seinen Weg als Anarchist in Freiheit fort. „… indem ich mich zum Herrn über das Geld mache, das heißt, indem ich mich von seiner Macht befreie, erwerbe ich Freiheit. “

Um den Dialog noch lebendiger zu gestalten, wechseln sich Wort und körperliche Darbietungen ab; Videos, Klangkompositionen (Jonathan
Christoph) und Lichtinszenierungen (César Santos) werden gezeigt, und der Bühnenhintergrund verändert sich, mal als Projektionsfläche, mal als Spiegel der Bühne und des Saals. Hinzu kommt eine dritte Figur (Muhamed Redjepi), die nur kurz auf der Bühne erscheint und deren Präsenz recht rätselhaft bleibt. Der Anarchist (Ali Esmili, mal lebhaft, ja sogar hingerissen, mal nachdenklich) versucht, bestimmte Emotionen hervorzuheben, ohne sie jedoch wirklich vermitteln zu können.

„Der anarchistische Bankier“, ein faszinierendes Theatererlebnis, entführt den Zuschauer in eine ganz eigene Welt, ohne ihn jedoch vollständig in seinen Bann ziehen zu können.