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Politik 6 Min. Lesezeit

„Roude Bouf aus dem Osten “

Die LSAP sucht weiter nach ihrer Identität. Ihr neuester Hoffnungsträger im Parlament heißt Ben Streff. Ein politisches Porträt

Erschienen in Ausgabe Juni 2026
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Ben Streff © Sven Becker

Als Ben Streff am Dienstagnachmittag im Parlament vereidigt wird, in dunkelblauem Anzug und sandfarbenem Polo, hat er eine krisenreiche Fraktionssitzung hinter sich. Zwei Stunden vor der Abstimmung zum europäischen Asyl- und Migrationspakt – den Innenminister Léon Gloden (CSV) restriktiv ausgerichtet hat – setzte sich die Fraktion genauer mit der Position ihrer Sprecherin im Dossier, Liz Braz, auseinander. Sie sei im Dossier „mehr pragmatisch als ideologisch gebunden“, erklärt Braz im Gespräch mit dem Land. Sie habe dafür stimmen oder sich enthalten wollen, da sie finde, es sende das „falsche Signal“, wenn man sich gegen europäische Regeln ausspreche. Die Politik, die nun in Europa gefahren werde, die return hubs beinhalte, unterstütze sie jedoch nicht. Franz Fayot konnte mit diesen Exkursen in der Sitzung wenig anfangen, insbesondere inmitten eines historischen Rechtsrucks in Europa, in der nativistische Narrative Aufschwung erleben. Letztendlich hielten Dan Biancalana und Claire Delcourt die Reden im Parlament, Liz Braz blieb dem Parlament fern und stimmte nicht ab. Die internen Spannungen waren ein gefundenes Fressen für Léon Gloden, der sie prompt in der Kammer ausschlachtete.

Der Clinch zeigt, dass die LSAP-Fraktion unter Taina Bofferding auch zweieinhalb Jahre nach Eintritt in die Opposition Schwierigkeiten hat, Einheit in ihre Truppe zu bringen. Derweilen hat sich die zweitbeliebteste Politikerin des Landes, Paulette Lenert, in den Staatsrat verabschiedet. In diese Arena begibt sich nun der der 31-jährige Ben Streff, ihr Nachfolger auf der Ostliste. Er kommt aus dem idyllischen Müllerthal, aus Berdorf. 1 525 Einwohner/innen zählt das Dorf, darunter den ehemaligen Arbeitsminister Nicolas Schmit, eines von Streffs politischen Vorbildern (d’Land, 16.12.2022). Ben Streff wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, der Vater arbeitete in einer Bank, die Mutter „war Mutter“. Seine Schwester betreibt ein Schmuckgeschäft. Er spielte im Musikverein Trompete, etwas Fußball, besuchte dann das Lycée classique d‘Echternach, wählte Latein und die Ökonomie-Sektion, wurde Klassensprecher. Weil er Probleme mit der französischen Sprache hatte, ging er nach Straßburg, um dort Ökonomie zu studieren. Hat sich sein Französisch dadurch verbessert? Er schmunzelt – er hielt sich dort viel mit Luxemburgern auf.

Mit 14 Jahren trat er der LSAP bei, aus „Überzeugung“, wie er im Gespräch mit dem Land erläutert. Es sei ihm immer schon um Chancengerechtigkeit gegangen, um Verteilungsfragen. Die talking points hat Ben Streff verinnerlicht und betet sie bei Bedarf runter. Wo verortet er sich politisch? „Ich denke, der Sozialdemokrat ist der bessere Sozialist.“ Er stehe hinter den Gewerkschaften, aber ein gewisse Kompromissfähigkeit müsse sein. Im Parlament will er sich für Selbstständige einsetzen („Metzger, Bäcker und Frisöre“) und sich in der Wohnungsbaupolitik einbringen. „Für mich ist keine Sorge eines Bürgers zu klein.“ Mehrmals hat er zum öffentlichen Transport Richtung Osten, den er verbesserungsfähig findet, in den Medien Position bezogen. Auch ein Schwimmbad soll für den Osten wieder her. Dort, wo die LSAP es traditionell schwer hat, baute er die Jungsozialisten auf und gründete eine Lokalsektion Müllerthal, wurde Bezirkspräsident. 2022 kam der Aufstieg zum „Parteimanager“, im Wahljahr trat er gemeinsam mit Paulette Lenert als Spitzenkandidat im Osten an. Obwohl die LSAP ihr Resultat durch ihren Stimmenmagnet Lenert verbessern konnte, reichte es für einen zweiten Sitz nicht. Ben Streff wurde Zweitgewählter, platzierte sich kurz vor der Grevenmacher Gemeinderätin und Abgeordneten Tess Burton. 2023 wurde er in Berdorf in den Gemeinderat gewählt. Er arbeite konstruktiv mit, heißt es von dortigen Weggefährten. Auch Jean Schoos, Ehrenpräsident des ADR, sitzt im Berdorfer Gemeinderat. Doch für Ben Streff gilt auch in seinem Heimatdorf „Nie mit rechts“.

Bereits zwei Mal ist er durch einen offensiven Stil aufgefallen. 2018, als die zweite Gambia-Regierung gebildet wurde, trat das Juso-Komitee Osten geschlossen zurück. Grund war die Nominierung Paulette Lenerts als Ministerin; Ben Streff und sein Team fanden, Tess Burton sei als Zweitgewählte übergangen worden und ihr hätte Ehre gebührt. Im Januar dieses Jahres trat er als Parteimanager und Bezirkspräsident zurück und kritisierte die Ex-Minister/innen in der Fraktion auf RTL. Sie arbeiteten nicht genug, seien nicht genug auf dem „Terrain“, müssten 200 Prozent geben. Zu Paulette Lenerts Rückzug dürfte das zumindest beigetragen haben. Ohne sie ist die LSAP geschwächt, insbesondere im Osten. Zwar lässt die ehemalige Ministerin in mitunter irritierender Manier immer noch offen, ob sie 2028 bei den Wahlen dabei sein wird, doch die Partei kann wahrscheinlich nicht mehr auf sie als Zugpferd zählen. Würde sie die Stelle der Kommissarin für die Weltausstellung 2030 in Riad annehmen, wäre auch das ein schönes Wahlgeschenk an die Mehrheitsparteien CSV und DP.

Gleichzeitig hat Ben Streff durch seine Kritik eine große Erwartungshaltung ihm gegenüber aufgebaut. „300 Prozent“ wolle er nun geben, erklärte er RTL vergangenen Monat. Wie sieht das in der Praxis aus? „Die Abgeordneten reden über ihre Arbeit in den Ausschüssen, aber das ist die ganz normale Kammerarbeit. Es spricht ja auch niemand von den acht Stunden, die er am Tag gearbeitet hat. Ich werde über Gesetzesvorschläge und parlamentarische Anfragen alles geben und natürlich auch weiter auf den Dorffesten sein.“ Dass die linken Parteien europaweit wenig Anklang finden, erklärt er damit, dass sie „nicht die richtige Sprache“ sprechen. Auf Tiktok müsse man besser sein als AFD oder ADR, die dort abräumen – mit einfacherer Sprache.

Nach dem Studium arbeitete er ein Jahr lang in der Fraktion, bevor er in die Partei wechselte. Ben Streff weist auf Arbeitserfahrung in einem Kleiderladen während seiner Studienzeit hin, auf die vier Monate, die er seit Februar im Office National de l’Enfance an der Jugendschutzreform mitgewirkt hat. Gesellschaftliche Erfahrungswerte bringt er demnach kaum mit, ähnlich wie es bei anderen Jungpolitikern jeglicher Parteicouleur der Fall ist. Alex Bodry weist in seinem Buch Le Luxembourg, son régime politique et ses institutions darauf hin, dass diese Art parteiinterner Erneuerung und der damit einhergehende Mangel an gesellschaftlicher Repräsentativität ein großes Problem darstellt, das riskiere, die Unterschiede zwischen den Abgeordneten und einem wachsenden Teil der Bevölkerung zu verstärken.

Die junge Garde bildet sich auch weniger aus sozialen oder zivilgesellschaftlichen Bewegungen heraus. Ben Streff dürfte ähnlich wie Liz Braz, mit der er sein Büro teilt, den „zentristischen“ Teil der Fraktion stärken. Immerhin will man die Wahlen 2028 gewinnen und wieder regieren. Sein Parteimanagement-Team bestand ausschließlich aus Männern, alle in seinem Alter. „Das war Zufall“, sagt er. „Einer Frau hätte dem Ganzen sicher gut getan.“ Von seinem Team wird er als zielstrebig und extrem begeisterungsfähig beschrieben. „Er lebt die Partei komplett. Alles, was nicht läuft, nimmt er mit nach Hause“, sagt Max Molitor, Fraktionsmitarbeiter und zweiter Schöffe in Kehlen.

Bei seiner Antrittsrede sprach Ben Streff von seinem Lieblingsfußballverein, dem SC Freiburg, und dessen Werten: Bodenständigkeit, Solidarität, der Wille zur Innovation. Er sei ein „absoluter Teamplayer“, ein „roude Bouf aus dem Osten“ und wandte sich an seine Wählerschaft: „Schreift mer op de gewinnte Plattformen.“ Gegen Ende gab er seine Vision von Luxemburg zum Besten: „Lëtzebuerg ass Trei Sei, Hunnegstrëpp, OPL a Maale Gars. Sprangprësessioun, Pride a Marche féministe, Stärekichen a Bopebistro, Schueberfouer a Wäifest.“ Und sprach sich nochmals für ein gerechteres Land aus.