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Bücher 8 Min. Lesezeit

„Ons Stad“ – von Mélusine bis Lydie Polfer

Rezension zu „Die Geschichte der Stadt Luxemburg in 99 Objekten“, dem neuen, von Michel Pauly herausgegebenen Werk

Erschienen in Ausgabe Januar 2023
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In der Einleitung zu seinem Buch über die Stadtgeschichte erinnert Michel Pauly daran, dass sein Interesse an diesem Thema mit der großen Millenniumsausstellung im Jahr 1963 geweckt wurde (S. 90). Damals verließ die Geschichte zum ersten Mal die Museen, um in den Hallen einer Handelsmesse präsentiert zu werden. Für Generationen, die mit vereinfachenden Erzählungen über Thron und Altar aufgewachsen waren, war dies in der Tat eine Offenbarung.

Seitdem sind sechzig Jahre über die Stadt hinweggegangen, die von einer oft brutalen und kurzsichtigen Modernität gezeichnet wurde. Zumindest hat man den Archäologen erlaubt, den Untergrund der Stadt zu untersuchen. Dank ihrer Forschungen lässt sich heute mit Sicherheit sagen, dass 963 nicht das Gründungsjahr der Stadt war (5).

Eine Geschichte in 99 „ Objekten “

Um mehr als tausend Jahre Geschichte in einem lesbaren und handlichen Buch zu vermitteln, greift Michel Pauly auf 99 „Objekte“ zurück. Die Zahl ist willkürlich gewählt und soll die Aufmerksamkeit der Leser wecken. Was die Objekte angeht, so verweist der Autor auf die „Material Culture“, die es ermöglicht, Geschichte anhand von Gegenständen zu erfassen – durch ihre Herstellung und ihre Rolle im Leben der Menschen jener Zeit. Doch historisch aussagekräftige dreidimensionale Objekte gibt es für das Mittelalter – ja sogar für jüngere Epochen – nicht allzu viele. Meistens handelt es sich bei den „Objekten“ um Handschriften, Register, Karten und Stiche, die eher veranschaulichen als dass sie erzählen.

Grundsätzlich werden zu jedem Objekt kurze Texte von zwei bis drei Seiten verfasst. Bei einigen Episoden funktioniert dieses Vorgehen gut: Der Brief von Ermesinde bietet den Einstieg in die den Bürgern gewährten Freiheiten (11). Für die Gegenwart erinnert die „Bonbonniere“, die von den Straßenkehrern des Gesundheitsamtes verwendet wird (59), an die Bemühungen um die Gewährleistung der öffentlichen Gesundheit. Der Aufzug des Möbelhauses Bonn entführt uns in die Geschichte des Handels der Stadt (76). Ein Radioapparat aus dem Jahr 1975 mit einer integrierten Taste für Radio Luxemburg (78) gibt Anlass zu einem Vortrag über die Musikkultur, die von der Stadt aus bis hinter den Eisernen Vorhang ausgestrahlt wurde.

Eine Entscheidung, die durch den Zufall der Recherche bestimmt wurde

Diese Stadtgeschichte ist eine Collage aus vielfältigen Einblicken, die aus den tausend Jahren ihres Bestehens entnommen sind. Eine Zusammenfassung der Themen zeigt, dass dreizehn der 99 Einträge den ersten Jahrhunderten gewidmet sind, die vor allem von der Kirche und den Abteien geprägt waren. Dreizehn Einträge befassen sich mit dem Wirtschaftsleben (Handel, Handwerk, Industrie) dieser fernen Vergangenheit, elf mit der Festung, elf mit Verwaltungs- und Finanzfragen und zwölf mit der Kultur und dem Image der Stadt. Die Mobilität – von der Eisenbahn zur Straßenbahn, vom Fahrrad zum Auto und wieder zurück – wird in drei Einträgen behandelt.

Da gibt es eine ganze Menge Amüsantes – wie die Pannen bei der Einweihung der Brücke, die dem Großherzog Adolphe gewidmet ist, dessen Gesundheit zu wünschen übrig lässt (71) ­–, aufschlussreiche Anekdoten – zum Beispiel über das Klavierspielen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts (65) – sowie weniger bekannte Einblicke – wie die Belagerung der Festung während der belgischen Sezession zwischen 1830 und 1839 (47). Der Aufbau ist grob chronologisch. Oft werden jedoch Jahre und Jahrhunderte übersprungen. So werden beispielsweise die Zusammenlegung der Stadt mit den umliegenden Gemeinden im Jahr 1920 und deren Folgen bis in die Gegenwart beleuchtet (75).

Ein großer Wermutstropfen ist jedoch das Fehlen einer ausführlicheren sozialen und politischen Darstellung des 19. und 20. Jahrhunderts. Zwar gibt es Beiträge über öffentliche Dienstleistungen (59), über Hilfsvereine im 19. Jahrhundert (57), über die entstehende Mittelschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts (77), über Migranten (93), über Handel und Konsum (94) sowie über Gewerkschaftskämpfe (92). Man begegnet Ludwig XIV. und Maria Theresia von Österreich, Bürgern, Militärs und Geistlichen, aber kaum den Menschen in den Vororten und der Oberstadt, ihrem Leben und ihren Problemen.

Die Crème de la Crème der Stadt- und Universitätsgeschichtsschreibung

Michel Pauly hat den größten Teil der Texte selbst verfasst. Für den Rest hat er sich von vierundzwanzig Historikern unterstützen lassen, die vor allem von der Universität Luxemburg stammen (dem Institut für Geschichte, nicht zu verwechseln mit dem C2DH, dessen Direktor Andreas Fickers jedoch einen Beitrag geleistet hat!), aus dem Stadtmuseum sowie aus dem Museum für Geschichte und Kunst.

So greift Sonja Kmec die Geschichte von Melusine auf (1). Gilles Genot befasst sich mit den Vogten (23), dem Zusammenspiel zwischen Staat und Kommunalverwaltung (24), der Freimaurerei (41) und dem Vereinsleben (56). Guy Thewes zeigt, wie die Stadtbewohner den Soldaten Unterkunft gewährten (33). Derselbe Autor beschreibt die Bewunderung der Einwohner für Maria Theresia von Habsburg und die Reformpolitik dieser längst vergangenen Dynastie (40). Jean-Luc Mousset erinnert daran, dass die Französische Revolution den Anstoß für eine Politik des Kulturerbes gab (43). Die Arbeiten zur Erstellung des „Urkatasters“ der Stadt, die während der Revolution begonnen wurden, werden von Martin Uhrmacher nachgezeichnet (45). Eva-Marie Bange erzählt die Geschichte des Rathauses (48). Marlène Duhr hat eine wissenschaftliche Geschichte der Musikvereine der Stadt in Angriff genommen (54). André Linden befasst sich mit der Verwurzelung der Dynastie der Nassau-Weilburger in der Hauptstadt (66). Marc Schoentgen erzählt die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Luxemburg (67). Es gibt einen schönen Text von Anne-Marie Millim über den Serienautor Batty Weber (72). Oft betonen die Autoren die Notwendigkeit, die Forschung in den verschiedenen Bereichen weiter voranzutreiben.

Auf dem Kamm

Pauly ist zwar Professor, aber auch ein kultureller Akteur und engagierter Bürger, der sich seit langem in die öffentliche Debatte einbringt. Es ist interessant zu lesen, was er und andere Historiker über die jüngste Vergangenheit der Stadt schreiben. Pauly erwähnt den Abriss des Boulevard Royal, der durch den Vago-Plan (1969 von einer LSAP-CSV-Mehrheit verabschiedet) unter dem Druck des Finanzplatzes ermöglicht wurde, aber erst zwanzig Jahre (zu) später durch den Joly-Plan unter einer DP-CSV-Koalition überarbeitet wurde. Er erinnert an die Beliebtheit der vom Architekten Paul Retter errichteten Gebäude, insbesondere an das riesige Gebäude des „Forum Royal“ (89).

Guy Thewes beschreibt die Entwicklung des städtischen Einzelhandels, den die Kunden im Laufe der letzten Jahrzehnte zugunsten der Supermärkte aufgegeben haben (94). Michel Pauly wiederum erinnert an den Widerstand der Bürgermeisterin Polfer gegen die Straßenbahn im Jahr 1999 – dieselbe, die man heute bei jeder Einweihung einer neuen Straßenbahnhaltestelle in der ersten Reihe sieht (98). An anderer Stelle kritisiert er die Bürgermeisterin und ihren Beigeordneten Laurent Mosar (CVS) dafür, dass sie die öffentliche Sicherheit in der Stadt zum Hauptthema machen, um die bürgerliche Bevölkerung abzuschrecken (95).

Was den Denkmalschutz angeht, betont Jochen Zenthöfer erneut, dass die Geschichte der Stadt von einer „Abbruchkultur“ geprägt ist (96). Pauly zeigt zudem, dass die neuen Einwohner der Stadt aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum immer kürzer dort bleiben und immer schneller wegziehen, meist weiter weg von ihrem Arbeitsplatz (99).

In diesem Buch wird also durchaus eine kritische Haltung gegenüber der heutigen Stadtentwicklung eingenommen. Diese ist jedoch sehr zurückhaltend und vorsichtig, ja sogar rein beschreibend. Man bleibt auf der sicheren Seite, aus Angst, sich auf dünnes Eis zu begeben. Einmal jedoch
lobt Pauly die Verdienste der Grünen im Schöffenrat von 2005 bis 2011: „ Grüne schaffen rote Fahr-
radwege. Déi Gréng im Schöffenrat : Vel’oh und Tram. “ (98) Meistens wird jedoch das Fehlen eingehenderer Recherchen oder unzugänglicher Archive als Grund angeführt, um nicht weiter zu gehen. Dem Historiker fehle der nötige Abstand (399) für eine Analyse der politischen Entwicklung im Gemeinderat.

Das ist doch erstaunlich. Hier handelt es sich um eine Stadt, in der die DP seit 1970, also seit mehr als einem halben Jahrhundert, das Sagen hat, ohne dass es jemals zu einem echten politischen Machtwechsel gekommen wäre. Und soll eine solche Tatsache in einer Stadtgeschichte nicht analysiert werden?

„Ons Stad“

Die politische Geschichte lehrt uns, dass die Liberalen seit 1920, ja sogar schon früher, in der Stadt vorherrschend waren und stets enge Verbindungen zur Wirtschaft unterhielten. Nach dem Krieg, als die Industrie aus dem Gebiet der Hauptstadt verschwand und sich diese zu einer Dienstleistungswirtschaft entwickelte, verlor sie ihre Arbeiterklasse und wurde immer bürgerlicher. Diese Arbeiterklasse besteht seit einem halben Jahrhundert aus den „ Zuwanderern “, die nicht wählen. „ Ons Stad “ ist ein Ausdruck mit doppelter Bedeutung: Wem gehört diese Stadt ? Die DP hat sie zu ihrer Hochburg gemacht, mit allem, was dieses Wort mit sich bringt. Diese Partei ist daher für die Probleme verantwortlich, mit denen die Hauptstadt seit Jahren zu kämpfen hat.

So wohnen die Einwohner nicht mehr in den zentralen Stadtvierteln, in denen unzählige Wohnungen leer stehen. Die Stadtplanung der Gemeinde schafft in Verbindung mit der staatlichen Planung eine „mineralische“ Stadt, in der private Grünflächen zugunsten einer optimalen Nutzung der bebaubaren Flächen verschwinden. Die Stadt wird nach wie vor von Autoströmen durchpflügt. Da es an Kunden mangelt, die vor Ort wohnen, schrumpft der lokale Handel – mit Ausnahme des Luxussegments, das lediglich durch einige kurzlebige Pop-up-Stores etwas aufgefangen wird.

Die „Stater“ lieben ihre Stadt, ihre alten Viertel, ihre Kasematten und die schönen Fassaden der noch erhaltenen Stadtteile, und dieses Buch wird ihrer Verbundenheit gerecht. Auch wenn es dem Leser viele interessante Türen öffnet, bleibt die Tür zur Zukunft der Stadt verschlossen.