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Bühne 4 Min. Lesezeit

Der Kapitalismus, erklärt für Léa

Der Titel sagt es schon: „Léa und die Theorie komplexer Systeme“ konnte weder ein einfaches noch ein simplistisches Stück sein. Uns wurde eine epische Familiensaga angekündigt – check. Ein ökologisches und poetisches…

Erschienen in Ausgabe Oktober 2023
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Vielseitige Schauspieler in einem multifunktionalen Bühnenbild © Jeannine Unsen

Der Titel sagt es schon: „Léa und die Theorie komplexer Systeme“ konnte weder ein einfaches noch ein simplistisches Stück sein. Uns wurde eine epische Familiensaga angekündigt – check. Ein ökologisches und poetisches Märchen – check. Narratives und dokumentarisches Theater – check. 18 Kapitel – die Rechnung geht auf. Was die Beschreibung des Stücks angeht, wurde das Versprechen also eingehalten – ein Text von Ian De Toffoli, adaptiert und inszeniert von Renelde Pierlot. Doch damit haben wir noch nicht die Tragweite des Geflechts erahnt, das sich vor unseren Augen entwirren wird. Es spielen sich zwei parallele Geschichten ab. Auch wenn mehr als ein Jahrhundert zwischen den beiden Anfängen liegt, werden sich die Parallelen schließlich vereinen. Schnallt euch an, es geht los – zwei Stunden und ein bisschen mehr in rasendem Tempo, in die uns die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler mitreißen.

Alles begann Ende des 19. Jahrhunderts, als Harry Koch aus den Niederlanden nach Texas kam. Man erkennt auf Anhieb den unbändigen Ehrgeiz dieses Mannes, der zunächst die Zeitung kaufte, für die er arbeitete, bevor er in die Eisenbahn- und später in die Erdölindustrie expandierte. Im Verlauf der Bilder verfolgt der Zuschauer den unaufhaltsamen Aufstieg des multinationalen Konzerns Koch Industries – wegen seiner ungeahnten Verzweigungen auch „Kochtopus“ genannt –, die sehr trumpähnliche, libertäre und klimaskeptische politische Agenda seiner Chefs, die internen Machtkämpfe um die Kontrolle über das Unternehmen und die familiären Zankereien, die den steinreichen Koch-Clan erschüttern. Der Charakter einer Familiensaga erinnert an die Serie „Dallas“ wegen des Öls (einige Töne aus dem Vorspann werden übrigens gespielt), an „Succession“ wegen der hinterhältigen Machenschaften unter Brüdern oder an „Yellowstone“ wegen der Verbindungen zur Politik.

Die andere Geschichte handelt von Léa, die zur Jahrtausendwende in Luxemburg geboren wurde. Sie verkörpert den Inbegriff jener Generation, die die Dringlichkeit von Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise spürt. Sie schließt sich einer Gruppe von Umweltaktivisten an, stößt dabei jedoch auf das Paradoxon, das dem System innewohnt, in dem sie aufgewachsen ist. Sie begreift, dass sie ihren Komfort, ihre Sicherheit und ihre Bildung dem nicht gerade moralischen Reichtum ihres Landes verdankt. Dieser Widerspruch verstärkt ihre Verunsicherung und ihre militante Radikalisierung, die potenziell gewalttätig und explosiv sein kann.

„Léa und die Theorie komplexer Systeme“ reiht sich nahtlos in die politischen und dokumentarischen Stücke des Autors Ian De Toffoli ein. Er stützt sich auf reale, mit Zahlen und Daten belegte Fakten, um sie in eine Fiktion einzubinden, die Raum für poetische Träumereien lässt. Die Botschaft ist klar: Die Welt globalisiert sich immer weiter, und die zweifelhaften Praktiken von gestern haben sich nicht geändert. Sie ersticken den Planeten weiterhin. Die komplexen wirtschaftlichen Mechanismen verflechten sich, und ein rettender Ausweg wird immer schwerer vorstellbar. Auch Themen wie die Unabhängigkeit der Medien, Fake News, soziale Ausbeutung und Steuerhinterziehung kommen zur Sprache… Die Aussage ist manchmal etwas zu eindringlich, neigt zum Didaktischen und belehrenden Ton, doch der Stil bleibt schwungvoll und belebend.

Die rasante Inszenierung von Renelde Pierlot steckt voller genialer Einfälle. Man wechselt vom Musical (der Musiker auf der Bühne sorgt für treffende Akzente und augenzwinkernde Einlagen) zu Slapstick à la Buster Keaton, von bombastischen Gesten bis hin zu zarten Kleinigkeiten (die projizierten Zeichnungen von Lena Merhej). Mal denkt man an Chaplins „Moderne Zeiten“, mal an Dystopien der 1980er Jahre wie „Brazil“ oder „The Wall“. In der Bühnenbildgestaltung von Philippe Ordinaire erhalten alle Elemente des Bühnenbilds vielfältige Bedeutungen. So stehen die Rohre nicht nur für Ölpipelines, sondern auch für das Gewirr von Gedanken, in dem Léa versinkt; der Metallvorhang wird zur Leinwand oder zum Telefon; das Klavier verwandelt sich in eine Bühne und die Fässer in Verstecke.

Die Schauspieler wechseln mit unglaublicher Leichtigkeit von einer Epoche zur nächsten, unterstützt durch einige kostümliche Kniffe wie diese sehr Y2K-typischen Joggingjacken. Für die Regisseurin „verkörpert Léa mehr als nur eine Einzelperson, sie steht für einen Geist der Rebellion, den es zu schüren gilt, ohne sich davon verzehren zu lassen.“ Um ihre Universalität noch besser hervorzuheben, wird die Figur zudem von so gut wie jedem gespielt: „Ich habe es vorgezogen, sie zu einer Präsenz in jedem von uns zu machen, mit so vielen Gesichtern, wie es Menschen auf der Welt gibt.“ Es herrscht eine unglaubliche Energie, eine um ein Vielfaches gesteigerte körperliche Ausdruckskraft und ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl in diesem internationalen Team, das es versteht, von Ernsthaftigkeit zu Verschmitztheit, von Poesie zu Strenge und vom Herzzerreißenden zum Lied überzugehen.

„Léa und die Theorie komplexer Systeme“ von Ian De Toffoli. Bearbeitung und Inszenierung: Renelde Pierlot.
Mit Léna Dalem Ikeda, Jil Devresse, Nancy Nkusi, Luc Schiltz, Pitt Simon, Chris Thys und dem Musiker Fred Hormain.
Am 15., 18., 20. und 21. Oktober im Théâtre des Capucins