Für Indie-Rock-Fans war es letzte Woche schon vorzeitig Weihnachten. Eine Welle von Gitarrenklängen überrollte das Land. Der Marathon begann am Mittwoch in den Rotondes, wo Honeyglaze auftrat, ein Londoner Trio aus dem Umfeld von Dan Carey (ein Produzent mit unanfechtbarem Geschmack: Squid, Kae Tempest, Fontaines D.C…), das angesichts einer bereits nach zwei Alben makellosen Diskografie am Beginn einer vielversprechenden Karriere steht. „Real Deal“, ihr brandneues zweites Album, lässt sie nach und nach aus einer verträumten Jugend herauswachsen und verwischt die Grenzen, indem es leicht noise-lastige Aspekte erkundet und gleichzeitig jene bittersüßen Melodien beibehält, die sie bekannt gemacht haben.
Diese zurückhaltende Intensität unterscheidet sie von ihren Zeitgenossen. In ihren Kompositionen findet sich ein Gleichgewicht zwischen Introspektion und Explosivität, das auf der Bühne stilvoll umgesetzt wird – nicht zuletzt dank der bezaubernden Stimme von Anouska Sokolow. Sie scheut sich nicht, ihre Verletzlichkeit zum Ausdruck zu bringen, und greift dabei Themen wie Zerbrechlichkeit, Identität oder auch die Komplexität menschlicher Beziehungen auf.
Zweite Etappe: Auf zur Kulturfabrik, wo am Freitag DIIV auftrat, ein mittlerweile etabliertes Quartett aus Brooklyn, das wir 2012 auf der Bühne des Carré Rotondes entdeckt hatten. Die New Yorker waren gekommen, um ihr viertes Album „Frog in Boiling Water“ vorzustellen, das politisch expliziteste ihrer Diskografie. Ein Aspekt, der während des Konzerts visuell durch schräge Videos unterstrichen wurde – Parodien auf alberne Werbespots für Produkte, die man nicht braucht, Clips, in denen ein Vierzigjähriger in Hemd und Krawatte „einen Abend verkauft, der verspricht, das Alltägliche zu überwinden“ bei einer Veranstaltung, die „nicht nur ein Konzert, sondern eine transformative Reise, ein Wendepunkt in Ihrem Leben“ sei. Eine ebenso skurrile wie gewagte Art, die Kritik am allmächtigen Kapitalismus zu bekräftigen. Bei einigen Stücken verwandeln sich die Videos in Karaoke – ein Karaoke mit unverhohlenem schwarzem Humor, wenn auf dem Bildschirm „America is the great satan“ erscheint.
Rein musikalisch gesehen ist es trotz Entziehungskuren und Besetzungswechseln ist es unbestreitbar, dass sich DIIV seit rund zwölf Jahren als eine der Säulen des zeitgenössischen Rocks etabliert hat und dabei einen unerwarteten Bekanntheitsgrad erreicht hat, indem die Band unmerklich neue Klangtexturen erkundet hat, irgendwo an der Schnittstelle zwischen Shoegaze, Dream Pop und 90er-Jahre-Rock. Wahrscheinlich hörte die Hälfte des anwesenden Publikums zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des ersten Albums der Band, „Oshin“, was die Leistung umso bemerkenswerter macht, in einer Zeit, in der Gitarren im Schatten urbanerer Musikströmungen stehen, eine solche Fangemeinde aufgebaut zu haben. Am Ende eines makellosen anderthalbstündigen Auftritts war es der Knaller „Doused“, der dem Publikum einen letzten Energieschub verpasste. Eine Hymne einer ganzen Generation, die man gerne zu den zehn besten Songs des Jahrhunderts zählen würde.
Die Ziellinie dieses musikalischen Rennens lag erneut in den Rotondes, wo das Atelier die derzeit sehr angesagten Sprints eingeladen hatte. Das Quartett aus Dublin, angeführt von der charismatischen Karla Chubb, hat sich einen soliden Ruf als Live-Band erarbeitet, und auch wenn es zweifellos von dem Aufwind profitiert hat, den ihre Landsleute von Fontaines D.C. ausgelöst haben, so liegen die Vergleiche doch eher in Richtung Idles. Das Album „Letter to Self“, das auf dem übercoolen Berliner Label City Slang erschienen ist, rückt ihren Garage-Punk-Sound in den Vordergrund, zeigt aber nur eine Facette des Talents der Band.
Auf der Bühne entfaltet sich die Magie erst richtig. Eine gute Stunde lang gönnte uns die fröhliche Truppe kaum eine Verschnaufpause und strahlte dabei eine mitreißende Intensität, eine vollkommen beherrschte Kraft und eine ganz und gar ungekünstelte Theatralik aus. Kein Wunder für eine Band, die in den letzten fünf Jahren wie besessen die Bühnen unsicher gemacht hat. Ihr roher Sound und ihre inspirierten Texte offenbaren unverhohlen die Unruhe einer fordernden Jugend, thematisieren den Kampf der Frauen um die Selbstbestimmung über ihren Körper, sprechen von freier Sexualität oder prangern die veralteten Politiken einer überholten Welt an. Auf dem Verstärker des Bassisten Sam McCann thront stolz eine palästinensische Flagge mit dem Slogan „Saoirse don Phalaistín“, wörtlich „Freiheit für Palästina“ auf Gälisch, als wolle man daran erinnern, dass Irland heute in Europa an vorderster Front für die Anerkennung Palästinas steht.
Nach diesem dreiphasigen elektrischen Feuerwerk drängt sich eine Feststellung auf: Die Rockszene ist in ihrer ganzen Vielfalt lebendig – von den eingängigsten Riffs bis hin zu den bezauberndsten Melodien. Und für alle, die noch daran gezweifelt haben: Die Chancen stehen gut, dass die vielversprechendsten Talente in den Rotondes auftreten werden.