75 Jahre Goodyear Colmar-Berg: Ein Geburtstag mit Großherzog – und Millionen Reifen

„De Monseigneur an de Pneu sinn dat Wichtegst“

Guillame bewundert ein Kunstwerk von Jacques Schneider (links hinter ihm)
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 15.05.2026

Als Goodyear-Produktionsleiter Alex Schumann ans Rednerpult tritt, zeigt er sich überrascht: „I have been in this room many times, but not like this.“ Allgemeines Gelächter. Vor ihm sitzt Großherzog Guillaume. Der luxemburgische Ableger von Goodyear hatte an diesem Dienstag zu seinem 75. Jubiläum geladen. Schumann erinnert an die historische Verflechtung von Guillaumes Vorfahren und dem amerikanischen Reifenkonzern: „Dieses Grundstück gehörte einst der royal family.“ Tatsächlich konnte ein Goodyear-Reifenhändler 1949 die Vermögensverwalter von Großherzogin Charlotte vom Fabrikbau überzeugen, wie aus einer Forum-Recherche des früheren Diplomaten Egide Thein hervorgeht. Schumann dankt dem Großherzog „für das Vertrauen in das Unternehmen“. 

Als Vizepremier Xavier Bettel (DP) das Wort ergreift, legt er nach: „Merci, Altesse, Iech läit d’Wirtschaft wirklech um Häerz.“ Er freut sich über den ersten Reifen, der 1951 in Colmar-Berg hergestellt wurde und nun neben ihm hängt: „Made in Luxembourg – we love to see this“, sagt er auf Englisch für die anwesenden Amerikaner. Es handele sich um einen „Allwetterreifen“, erklärt Bettel: „passend zur aktuellen Wetterlage“. Am Morgen hatte noch die Sonne geschienen; am Fenster hinter dem Vizepremier ziehen nun dunkle Wolken auf. Als sein Blick zu Schumann schweift, gratuliert er ihm zu seinem neuen Posten als Fedil-Präsident. Nun müsse er sich mit den Gewerkschaftsbossen Nora Back und Patrick Dury herumschlagen. „Mir kënne jo herno nach doriwwer schwätzen“, bietet Xavier Bettel mitten in seiner offiziellen Rede ein privates Tripartite-Briefing an. Es folgt eine kurze Fotosession. Bettel gibt den Fotografen Anweisungen: „De Monseigneur an de Pneu sinn dat Wichtegst.“

Großherzog Guillaume zieht im Treppenhaus an einer Schnur – sie enthüllt ein Kunstwerk von Jacques Schneider. Dieser habe sein typisches Blau und Orange zugunsten von grau-schwarzem Gummi eingetauscht, erklärt der geschäftstüchtige Künstler. In der Mitte des Werkes prangt eine große 75 zum Jubiläum. „Im Hintergrund ist Ihre Großmutter abgebildet“, erklärt Schneider dem Großherzog, und lobt ihn anschließend für seine „Bienveillance“ in „diesen schweren Zeiten“. „Ich bin wirklich sehr berührt“, flüstert Guillaume dem Hofkünstler zu. Anschließend drückt man den Anwesenden Schutzbrillen, Warnwesten und Headsets für den Fabrikbesuch in die Hand. Vor den Eingangstoren der Produktionshallen verabschiedet sich Xavier Bettel, und umarmt dabei freudig die amerikanische Botschafterin Stacey Feinberg. In seiner Rede hatte er ihr gedankt für alles, was sie für die Beziehungen zwischen den USA und der EU unternehme.

1948 entschloss sich Goodyear als erstes US-Unternehmen, in Luxemburg Fuß zu fassen – und blieb zehn Jahre lang der einzige amerikanische Industriebetrieb im Großherzogtum. Als die Fabrik 1951 eingeweiht wurde, beschrieb sie das Echo de l'industrie als „modernen Entwurf“, der in „kürzester Zeit“ realisiert worden sei. Rund 400 Millionen Franken investierte das Unternehmen aus Ohio damals. Laut Egide Thein fiel die Wahl allerdings eher zufällig auf Luxemburg: Keines der Nachbarländer wollte ein amerikanisches Unternehmen als Konkurrenz. Man hatte mit Michelin, Vredestein, Dunlop, Uniroyal und Pirelli seine eigene Reifenindustrie, die es zu schützen galt.

Durch den Marshallplan war jedoch Kapital vorhanden: Über zwölf Milliarden Dollar wurden in westeuropäische Staaten investiert – umgerechnet auf heute entspräche das in etwa 130 Milliarden Dollar. In der Benelux-Union profitierte das Unternehmen zugleich von einer Zollfreiheit, wie der Archivar Gilles Regner im Forum nachzeichnete. So konnten die Produkte des amerikanischen Unternehmens in allen drei Ländern in einer in Dollar konvertierbaren luxemburgischen Währung verkauft werden. Der ländliche Standort abseits des Industriezentrums im Süden sollte sich bald als Vorteil erweisen: Die Fabrik konnte Arbeitskräfte aus den umliegenden Bauerndörfern rekrutieren. Praktisch war überdies, dass damals zwei Eisenbahnlinien durch Colmar-Berg führten, was die Rohstoffbeschaffung und den Warenabsatz erleichterte (heute ist es nur noch eine).

Gedröhne, Gequietsche, Gebrumme schlagen einem im Inneren der Fabrik entgegen. Besonders hell ist es nicht. In der Luft liegt ein leichter Kautschukgeruch. Über den Gängen ist alle fünf Meter ein konvexer Spiegel an der Decke angebracht – Unfälle sollen so vermieden werden. Guillaume unterhält sich mit einem Mann aus der Marketingabteilung, der sich mit Guerilla-Werbemethoden befasst. Sein Sohn sei neulich verwundert von der Schule heimgekommen, erzählt Guillaume: Er hatte den Goodyear-Zeppelin am Himmel gesehen. Neben uns stapeln sich Green Tires, also Reifen in einem noch weichen und formbaren Zustand. Durch eine vierzigminütige Erhitzung wird Gummi zu einem strapazierfähigen und einsatzbereiten Material. Goodyear stellt hier vor allem LkW-Reifen her; täglich werden rund 5 500 produziert. Produktionsdirektor Alex Schumann zählt die jüngsten Modernisierungen auf, vor allem habe man Prozesse automatisiert, und dank einer Baugenehmigungsanpassung sei es möglich gewesen, in die Höhe zu bauen – was die Lagerkapazität für Green Tires erhöht habe. Lächelnd bedankt er sich bei Bürgermeisterin Mandy Arendt (Piraten) für die dafür nötige Kooperation mit der Gemeinde. „Schade, dass Wirtschaftsminister Lex Delles heute nicht gekommen ist, bei ihm hätte ich mich auch gerne persönlich bedankt“, schiebt er hinterher.

An einem Bildschirm erläutert eine Biochemikerin, dass Goodyear als erste Firma Siliziumdioxid aus Reisschalenasche in Reifen verarbeite – als Alternative zum herkömmlichen Ruß. „Einen Game Changer“ nennt es die Angestellte. Diese Kieselsäure verbessere den Rollwiderstand der Reifen und trage so zur Kraftstoffeinsparung bei; das rechne sich insbesondere bei Lkw-Fahrten. Ein weiteres Ziel sei, bis 2030 einen Reifen zu entwickeln, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren und recycelbaren Materialien besteht. In der Halle sind mehrere neue Reifenmodelle ausgestellt. Darunter auch eins für Militärfahrzeuge; einer der wenigen Wirtschaftszweige, die sich im Aufwind befinden. „Für welches Militär?“, fragt Guillaume, der am Tag zuvor zum Ehrenpräsidenten der World Scout Foundation gekürt worden war und dort für internationale Solidarität einsteht. „Das ist Material für die Alliierten“, antwortet Schumann. Die Reifen seien teurer in der Produktion, sie enthielten mehr Komponenten und müssten länger erhitzt werden; nun müsse sich Goodyear überlegen, wie man diese Produktion besser skaliert. Die Produktionspalette war schon einmal breiter, bis in die 1990er-Jahre wurde Flugzeug- und PkW-Reifen in Colmar hergestellt.

3 400 Mitarbeiter/innen beschäftigt das Unternehmen an den Standorten Colmar-Berg, Bissen und Dudelange. Damit bewegt sich Goodyear seit einigen Jahren zwischen dem acht- und neuntgrößten Arbeitgeber des Landes. Man konzentriert sich nicht nur auf die Reifenproduktion. 1957 gründete Goodyear bereits in Luxemburg ein Innovationszentrum, das heute
1 000 Angestellte zählt – Ingenieure, Techniker und Designer. Neben dem Hauptsitz in Akron, Ohio, ist es das wichtigste Forschungszentrum des Konzerns. 2025 erwirtschaftete Goodyear weltweit einen Umsatz von 18,28 Milliarden Dollar, im Jahr zuvor waren es knapp 19 Milliarden. Derzeit will sich das US-Unternehmen jedoch neu ausrichten und möglicherweise bis zu 600 Stellen in Vertriebs- und Supportbereichen streichen. Zugleich sollen aber rund 200 neue Stellen mit anderen Anforderungen geschaffen werden. Die Umsetzung ist allerdings noch nicht beschlossen; inwiefern die luxemburgischen Standorte betroffen sein werden, bleibt unklar.

Er wohne „in Bettborn im Hügel hinter der Ziegenwiese“, erklärt Charles Reiser den Weg zu seinem Haus. Der seit 2006 Pensionierte empfängt an diesem Dienstagnachmittag in seiner Wohnstube. 1968, zwei Tage nach seinem Dreher und Fräser-Abschluss, hat er bei Goodyear den Blaumann angezogen. Die Fabrik in Roost, in der er Inspektor für Reifenformen wurde, war damals „nagelneu“, sagt Reiser. Um die Reifenbackformen zu messen und inspizieren hätten sie vor Ort eigene Instrumente hergestellt. Die Arbeit sei nicht anstrengend gewesen, denn die neuesten Maschinen hätten sie unterstützt. „Die Stimmung war kollegial, es war aber etwas amerikanischer als in anderen Unternehmen; die Leistung wurde wahrscheinlich stärker evaluiert“, vermutet Reiser. „Mee ech hat dat gär.“ Anders als heute waren damals nur Männer in seiner Abteilung, und wer wollte, konnte in den Hallen rauchen. In den 38 Jahren bei Goodyear habe er vielleicht drei Tage gefehlt. „Es war eine schöne Zeit, es war einfach, Karriere zu machen und sich hochzuarbeiten, die Wirtschaft boomte, es wurden große Feste organisiert, und wir hatten Geld für Hochglanzmagazine“, so der 76-Jährige. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein privates Goodyear-Archivmaterial gestapelt. Charles Reiser wurde zum Hausfotografen der Goodyear; seine Leidenschaft seit seinen Kindertagen.

Auf dem Tisch liegt eine Sonderausgabe zum 25. Geburtstag von Goodyear aus dem Jahr 1976. Darin gratuliert Produktionsdirektor Tom Barrett zum vierzigmillionsten Reifen, der in jenem Jahr produziert wurde. Die Fabrik zählte damals bereits 3 500 Mitarbeiter/innen (im ersten Produktionsjahr waren es 453 gewesen). Die Sonderausgabe zum 50. Jubiläum feiert Charles Goodyear (1800–1860) als Pionier, der durch einen Zufall entdeckt habe, dass Gummi mit beigemischtem Schwefel durch direkten Hitzekontakt hart wird. Außerdem war man sich in der Sonderausgabe sicher, dass der Standort Colmar-Berg „von allen Goodyear-Fabriken am pittoresksten“ sei. 49 Produktionsstätten zählt das Unternehmen heute in 19 verschiedenen Ländern. An den Feierlichkeiten nahm seinerzeit Ministerin Marie-Josée Jacobs (CSV) teil, wie das Wort berichtete. Sie dankte dem amerikanischen Unternehmen „für sein Vertrauen“, bezeichnete die Frage der „Sonntagsarbeit“ jedoch als „Problem“, das es zu bewältigen gelte. Zum Jubiläum wurde eine große Diavorführung organisiert, die Großherzog Jean besuchte.

An diesem Dienstag besuchte sein Enkel Guillaume die Fabrik. Vor einer Reifenpresse stehend wurde er von einem Mitarbeiter mit präzisem Technikerblick begleitet: „Montage, Shaping, Stitching, auf die Temperatur achten, den Gummi nicht verkokeln lassen, hier sind die Drähte in den Reifen“, tönt es durch die Headsets. Die Besucher dürfen die Vielschichtigkeit eines Reifens begutachten und beobachten, wie er Schicht für Schicht entsteht. Der Großherzog stellt einige Fragen und zeigt sich interessiert, wirkt aber zugleich leicht übersättigt. Beim anschließenden Umtrunk gesellt er sich zur Bürgermeisterin Mandy Arendt, einer gelernten Pädagogin, die für ihre ruhige und diplomatische Art bekannt ist. Unterdessen unterhalten sich die Vertreter des Goodyear-Managements über bevorstehende Konferenzen und versuchen in Erfahrung zu bringen, wie weit die Bearbeitung bestimmter Dossiers in den Ministerien vorangeschritten ist.

Stéphanie Majerus
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