ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Böses Auge

d'Lëtzebuerger Land vom 15.05.2026

Vergangene Woche sorgte eine Umfrage der Marktforschungsfirma Ilres für Gesprächsstoff. 21,8 Prozent der Befragten wollten die CSV wählen, wären am 19. oder 26. April Wahlen gewesen. Bei den Kammerwahlen vor zweieinhalb Jahren bekam die Partei noch ein Drittel Stimmen mehr: 29,8 Prozent. Man war sich einig, Premierminister Luc Frieden die Schuld zu geben. Vielleicht war das etwas kurzsichtig.

Großherzogin Marie-Adelheid läutete am 6. November 1915 das christlich-soziale Jahrhundert ein. Es wurde getragen von einem konservativen Drittel der Wählerschaft, kleinbürgerlich, bäuerlich, katholisch. Es wurde von kleinen, ländlichen Wahlbezirken, der unausgewogenen Restsitzberechnung bevorteilt. Stützen des CSV-Staats waren Kirche, Luxemburger Wort, LCGB, Monarchie.

Die katholische Volkspartei stand für Ruhe, Ordnung, Vaterlandsliebe. Für die traditionelle Familie, einen starken Staat, eine freie Wirtschaft. Sie versprach allen Sicherheit, die ihren gottgegebenen Platz in der Gesellschaft einhielten. Zu ihrer eigenen Sicherheit erhöhte sie vor Wahlen ein wenig das Kindergeld. So regierte eine Dynastie von CSV-Staatsministern während 90 von 111 Jahren.

1959 wurde Pierre Werner mit 38,9 Prozent der Stimmen Premierminister. Die konservative Partei sträubte sich gegen den gesellschaftlichen Aufbruch von 1968. Ihr Stimmenanteil fiel 1974 auf 30 Prozent. Sie schied aus der Regierung aus.

1979 kamen der CSV-Patriarch und die Stahlkrise für eine Legislaturperiode zurück. Mit der Abwertung des Franken 1982 war der Neoliberalismus angelangt. Die Klerikalen mussten die unsichtbare Hand des Marktes anbeten, Vaterlandsliebe durch Standortpatriotismus ersetzen.

Werners leutseliger Nachfolger Jacques Santer wurde 1984 mit 36,6 Prozent der Stimmen Premierminister. In 24 Jahren Koalition mit der Sozialdemokratie verwandelte die CSV den Stahlstandort in eine Steueroase. In Jahren der Hochkonjunktur erreichte das Wirtschaftswachstum über acht Prozent. Santer hörte 1994 mit einem Stimmenanteil von 30,3 Prozent auf.

Die Steueroase machte die Gesellschaft liberaler. Santers forscher Nachfolger Jean-Claude Juncker musste eine neumodische CSV verkörpern. Zu ihrer Rechten wurde Platz frei für eine altmodische CSV: die ADR. Zwischen 1999 und 2009 stieg der Einfluss der CSV wieder von 30,1 auf 38 Prozent. Weil die konservative Partei Sicherheit versprach: in der Terrorhysterie nach 2001, im Bankenkrach 2008.

Seit dem Bankenkrach schwelt eine Dauerkrise. Die Arbeiterbewegung wurde geschwächt. Die Unternehmer hielten Sozialpartnerschaft für unnütze Kosten. Die CSV/LSAP-Koalition war am Ende. Bei vorgezogenen Wahlen kam die CSV auf 34,5 Prozent der Stimmen. Sie fand keinen Koalitionspartner mehr. Mit Jean-Claude Juncker trat der letzte Patriarch ab, der die Parteiflügel der Volkspartei in Schach hielt. Das christlich-soziale Jahrhundert endete am 20. Oktober 2013.

Zehn Jahre später stagnierte der Stimmenanteil der CSV unter Verlegenheitskandidat Luc Frieden. Das Debakel der Grünen ebnete ihm den Weg in die Regierung. Er will aus der konservativen Volkspartei eine neoliberale Handelskammerpartei machen. Weil die Wirtschaft seit Beginn des Jahrzehnts stagniert. So sank der Stimmenanteil der CSV bei Meinungsumfragen auf 21,8 Prozent.

Ein Jahrhundert lang dominierte die Rechtspartei die nationale Politik. Vorige Woche erschien sie als eine von drei gleichstarken Parteien. Um ein Prozent wäre sie hinter DP und LSAP zweit- oder drittstärkste Partei.

Enkel Luc Frieden ist weder CEO noch Kapitän. Er ist Leutnant der mächtigen Armee eines verblichenen Jahrhunderts: „Es war deutlich, es lag, wie man zu sagen pflegt, auf der Hand, daß Leutnant Trotta, der Enkel des Helden von Solferino, teils andern den Untergang bereitete, teils mitgezogen ward von denen, die untergingen, und in jedem Falle zu jenen unseligen Wesen gehörte, auf die eine böse Macht ein böses Auge geworfen hatte“ (Joseph Roth, Radetzkymarsch, S. 324).

Romain Hilgert
© 2026 d’Lëtzebuerger Land