Vergangenen Monat verbreitete die LSAP-Abgeordnete Paulette Lenert, dass sie ihr Mandat aufgebe. Sie wolle für den Staatsrat kandidieren. Nun wird sie gehen, wie sie gekommen war. Sie war stets zu Besuch – in der Partei, im Regierungsrat, im Wahlkampf, im Parlament. Das sagt etwas über die Partei aus.
2018 war es am Ostbezirk. Die LSAP traute der Abgeordneten Tess Burton nichts zu. Sie machte lieber eine hohe Beamtin zur Ministerin. Ein Jahr später zog sich Etienne Schneider ins Privatgeschäft zurück. Im Februar 2020 ersetzte Paulette Lenert ihn im Gesundheitsministerium. Drei Wochen später wurde der erste Covid-Infizierte gemeldet.
Abends trat die Ministerin vor das verängstigte Fernsehpublikum. Sie verbreitete amtlichen Optimismus: Alles sei eine Frage von Regeln, Logistik, Material, Personal. Sie erschien als Wiedergängerin der Trösterin der Betrübten, die das Herzogtum vor der schwarzen Pest rettete. Von Großherzogin Charlotte, die das Großherzogtum vor der braunen Pest rettete. Binnen sechs Monaten erklärten Meinungsumfragen die Unbekannte zur beliebtesten Politikerin des Landes.
Daraus hätte jede Partei politisches Kapital geschlagen. Die LSAP machte Paulette Lenert zur stellvertretenden Premierministerin, zur Spitzenkandidatin. Sie wollte sie zur Parteipräsidentin, zur Fraktionspräsidentin machen. Stets zierte sie sich, ließ auf sich warten, winkte ab.
Die größte Linkspartei zog in den Wahlkampf angeführt von einer konservativen Technokratin. Die sich für die wenigsten Sachthemen interessierte. Die das Wahlprogramm nach persönlichen Vorlieben verteidigte. Der jeder Bezug zur Sozialdemokratie, zu den Gewerkschaften fehlte. Die bei programmatischen Zugeständnissen an die Arbeiterklasse zögerte. Beim Index lavierte, Arbeitszeitverkürzung ablehnte.
Quereinsteigerinnen schüren die Skepsis gegenüber Parteien. Sie zeigen, dass es auch ohne geht. So erscheint die LSAP als eine staatlich bezuschusste Wahlkampfmaschine. Die in regelmäßigen Abständen Bürgermeister, Abgeordnete, Ministerinnen, Staatsräte produziert und mit einem roten Logo versieht. Die Berufspolitiker bedienen sich des Parteiapparats. Das personenbezogene Wahlsystem schafft den Anreiz. In Landgemeinden firmieren sie manchmal unter Tarnnamen. Sie befürchten bei Benutzung des Logos Stimmeneinbußen.
Die LSAP wird von Rechtsanwälten und Beamten angeführt. Im Süden sind sie die letzten Enkel von Arbeiteraristokraten. Sie lassen sich von Beamten, Angestellten, pensionierten Arbeitern wählen. Die Arbeitswelt wurde den Gewerkschaften überantwortet. Die Arbeiterbewegung ist ein Stimmenreservoir wie der Fußballverein.
Wer die Partei vertritt, was er oder sie vertritt, dürfen Werbeagenturen mitentscheiden. Paulette Lenerts Besuch in der Politik zeigt, dass der LSAP politische Inhalte zweitrangig sind. Dass die sozialistische Arbeiterpartei über die Jahre zum leeren Schneckenhaus geworden ist. In dem einst Versprechen von sozialer Gerechtigkeit, einem besseren Leben aufgehoben waren. Bis Grundsatzprogramm und Sozialistischer Leitfaden sie endgültig ins Reich der Utopien verbannten.
Den meisten Mitgliedern, Lokalpolitikern, Abgeordneten oder Ministerinnen fällt es nicht auf. Sie haben nie etwas anderes gekannt. Einige rechtfertigen den Linksliberalismus achselzuckend: Das Wahlrecht sei auf das nationale Kleinbürgertum beschränkt.
Als Gipfel sozialdemokratischer Praxis gilt die keynesianische Verwaltung der herrschenden Verhältnisse. Das gehört zum „Luxemburger Modell“. So bleiben im Namen der Wettbewerbsfähigkeit Herr Herr und Max Max. Als Alleinstellungsmerkmal verspricht die LSAP die Verteidigung des Sozialstaats, gesponsort von Banken, Briefkastenfirmen, Fongenindustrie.
Paulette Lenert war zugleich Konkurrentin und Erfolgsgarantie der Berufspolitiker in der LSAP. Auf ihren Wunsch hin zieht eine breite Koalition von Parteien die einst beliebteste Politikerin des Landes aus dem Verkehr. Das kommt allen gelegen.