ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

1. Mai

d'Lëtzebuerger Land du 01.05.2026

Im Sommer 1889 beschloss der Internationale Arbeiterkongress in Paris „eine große internationale Manifestation [...] für den 1. Mai 1890“. Die Luxemburger Arbeiterbewegung folgte dem Aufruf. Der 1. Mai war ein Donnerstag. Sie musste den 1. Mai am 4. Mai feiern. Dem ersten arbeitsfreien Tag.

Auch 136 Jahre später spricht der Unternehmerdachverband der kollektiven Macht der Machtlosen die Legitimation ab. Präsident Michel Reckinger wirft den Gewerkschaften vor, dass „sie nicht für die Arbeitnehmer demonstrieren, sondern für ihre eigenen Privilegien“ (Luxemburger Wort, 27.6.25). Das Statec lieferte Schützenhilfe. 2022 veröffentlichte es eine Schrift: „Les syndicats en déclin dans un monde du travail en mutation“ (Regards, 3/22).

Premier Luc Frieden versprach am 25. Oktober 2024, dass Kollektivverträge von „Personaldelegéierten an de Betriber, déi net an enger Gewerkschaft sinn“, ausgehandelt werden sollen. Er will Gewerkschaften nicht verbieten. Er will sie zu Freizeitvereinen machen.

Innenminister Léon Gloden verbreitete 2024 einen Gesetzesvorentwurf, mit dem sich Kundgebungen schikanieren lassen. Mit dem sie sich als „rassemblement“, „attroupement“ kriminalisieren, mit hohen Strafen bedrohen lassen.

Doch die Änderungen am Arbeits- und Versammlungsrecht stocken. Arbeitsminister Georges Mischo sollte sie rabiat durchsetzen, sein Nachfolger Marc Spautz verständnisvoller. CSV und DP unterschätzten den Widerstand der Gewerkschaften.

Die Unternehmer wollen die Arbeitskraft verbilligen, verfügbarer machen. Sie wollen sozialen Frieden ohne Sozialpartnerschaft: durch die Schwächung der Gewerkschaften. Sie loben den Sozialdialog. Solange er nichts kostet. Solange er im Senninger Schloss Gewerkschaftsfunktionäre von den Mitgliedern trennt. Solange er den Gewerkschaften die Kampfmittel entzieht: Kundgebungen, Streiks, Betriebsbesetzungen.

Nach dem Bankenkrach, der Schuldenkrise, der Covid-Seuche, dem Krieg in der Ukraine, der Machtergreifung in den USA stößt der alte Neoliberalismus an seine Grenzen. Langsam wird er von einem neuen Akkumulationsregime abgelöst. Es könnte autoritärer, ungleicher, klimafeindlicher, protektionistischer, kriegerischer werden. Auch hierzulande.

Denn nirgends steht geschrieben, dass Luxemburg nach der Festung, der Stahlindustrie, dem Finanzplatz ein viertes Mal zu den Gewinnern zählt. Dass es vom heraufziehenden Faschismus verschont bleibt. Die Arbeiterbewegung ist stets sein erster Feind.

Die Gewerkschaften hatten sich in den herrschenden Verhältnissen eingerichtet. Sie leiteten Tarifverhandlungen, waren als Pannendienst am Arbeitsplatz zur Stelle. Bei Konflikten vertraute ihre Bürokratie befreundeten Ministern, der Tripartite, weniger den Mitgliedern.

Nun müssen die Gewerkschaften ihrer eigenen Kraft vertrauen. Die Parteien wollen nur ihre Wählerstimmen. Die Tripartite ist bloß noch eine politische Fassade. OGBL und LCGB wollen sich nicht mehr vorführen lassen. Sie bleiben sozialpartnerschaftlichen Veranstaltungen fern. Ihre Führungen entdecken die Mobilisierungsbereitschaft der Mitglieder. Der Erfolg der Kundgebung vom 28. Juni 2025 überraschte sie.

Das Kräfteverhältnis in den Betrieben, in der Wirtschaft, in der Politik verschiebt sich. Bisher konkurrierende Gewerkschaften müssen sich verbünden. Die Stahlkrise löste den ersten Versuch aus: Die sozialdemokratische Arbeitergewerkschafft LAV öffnete sich als OGBL für Angestellte und Beamte. Doch die Fusion mit dem katholischen LCGB, der Angestelltengewerkschaft FEP scheiterte.

Sämtliche Regierungen bemühen sich, die Arbeiterklasse in Einheimische und Grenzpendler zu spalten. Die Beamtengewerkschaft CGFP und der LCGB schüren den Neid zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst.

Vor einem Jahr gründeten der OGBL und der LCGB eine Gewerkschaftsfront. Bis auf die Bankengewerkschaft Aleba beendeten sie die Spaltung der Arbeiterbewegung in der Privatwirtschaft. Nächstes Jahr wollen sie den 1. Mai gemeinsam feiern.

Romain Hilgert
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