Die kleine Zeitzeugin

Sweet Light Crude

d'Lëtzebuerger Land du 20.03.2026

Wie das klang, rauchig, lasziv, betörend wie ein alter Stones-Schmachtfetzen! Diese magische Wortkombination, obsessiv wiederholt wie ein heiliges Mantra, die immer wieder den Bildschirm ausfüllte! Bevor dann wieder in grabsteinerner Strenge die Druckbuchstaben Crisis in the Gulf auftauchten, die schon bald zu War in the Gulf mutierten.

Panzer bewegten sich durch den Wüstensand, majestätisch, gigantische Reptile einer untergegangenen Epoche. Wie durch eine Filmkulisse, dahinter eine gewaltige orangeglühende Kugel, eine untergehende Sonne oder ein aufgehender Mond. Adrette Soldat*innen winkten oder zeigten enthusiastische Daumen, braungebrannte CNN-Journalisten turnten auf Panzern herum und fütterten die Zuschauer*innen mit den Breaking News dieser „most popular war“. Sie hießen „embedded journalists“, sie waren, wie es hieß, hautnah am Geschehen. Der Film, der auf CNN im Januar 1991 lief, hieß „Desert Storm“, er war ziemlich spannend, wenn es auch Längen gab und er sich durch die Fernsehnächte und die Wüste schleppte.

Er hatte einen verlässlichen Schurken und verlässliche Gute. Er bot zünftige Gräueltaten, vom offiziellen Gräueltäter natürlich, die Rollen waren klar verteilt, was ihn leicht verständlich machte. Die Bösen waren böse wie es sich gehört, und boten Abartigstes, dass die Zuschauer*innen erschauerten. Die Europäer*innen schreckten auf, gab es doch plötzlich wieder Helden, von denen sie gedacht hatten, dass sie ausgestorben wären wie Viren, gegen die es Impfungen gibt. Der amerikanische Präsident sprach gern von ihnen, meist waren sie natürlich tot, wie es sich gehört. Die, die noch lebten, behaupteten immer, sie würden ihren Job machen. Nur ihren Job. Pflicht nannte das die deutsche Wehrmacht.

Zwischendurch erfuhren wir, wie es Sweet Light Crude, dem schwarzen Gold, das sich aus dem Wüstenschoß in unsere gierigen Lebensadern ergoss, gerade ging. Als es gut lief, gab es eine lange Filmpause. Zehn Jahre später, nachdem sich das steinerne Herz der Stadt New York in Rauch und Staub aufgelöst hatte, kam die Fortsetzung.

Blutig flammende Logos auf CNN, finster-wüste Drakula-Ästhetik zur Einführung. Es ging wieder los! Nicht nur Hindukusch und Aufnahmen leerer Hochgebirgslandschaften, nicht nur Knaben in Koranschulen und Gestalten, vermutlich weiblichen, in Verhüllungen von einem Blau, so schön, dass es dafür kein Wort gibt. Irak, FF. Das nächste, nächtliche Heldenepos. Die Achse des Bösen. Die Guten kommen.

Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, sagte Georges Bush Senior. Sagte Georges Bush Junior, dessen linkische Doofheit angesichts der durchgeknallten Abgefeimtheit des aktuell kriegerisch Zuständigen beinahe rührend wirkt. Sagen so ziemlich alle Krieger, die sich rechtfertigen wollen, glauben es manchmal wohl selber. Weil es so etwas wie Recht doch, so erinnern sie sich vage, gab, gibt. Und kann nicht vielleicht sogar Heucheln eine Reverenz sein gegenüber von etwas, das als achtenswert empfunden wird?

Just for fun, sagt jener Unsägliche, an dessen Lippen die Welt hängt. Betört, gebannt, und zunehmend verwirrt. Eine hörige Truppe von Kopfnickern und Einknickern, Gendern wird immer überflüssiger. Wir hören zu, wie er tagein tagaus Unerhörtes von sich gibt. Was sagt er da? Hat er das wirklich gesagt? Kann man so was sagen? Er kann. Er ist so frei. Er braucht keine Demokratie mehr, komisches Wort. Keine Gerechtigkeit. Keine Freiheit mehr. Nicht mehr die der andern. Er macht was er will. Sagt er. Sagt er uns Tag für Tag. Ins Gesicht. Lacht uns ins Gesicht. Er nimmt sich Kuba. Er macht damit was er will.

Er ist nicht drei Jahre alt. Wir wissen nicht, was er ist. Wir wissen es. Alle wissen es. Verrückt. In einer Gesellschaft, die nicht müde wird, täglich neue Symptömchen zu erfinden und zu therapieren, leitet ein komplett Wahnsinniger die Geschicke der Menschheit. Wahnsinn ist keine Diagnose? Oder ist er der böse Mensch? An den wir doch gar nicht mehr glauben, kann ein Mensch so böse, so dumm, so schlau, so gemein sein? Er überfordert uns Einbisschengutmenschen. Wir kommen nicht nach. Nicht mit. Jetzt ist er schon in Kuba. Er verwüstet die Welt wie ein Kinderzimmer. Er umarmt einen Mini-Bomber.

Michèle Thoma
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