Das Highlight in der Ausstellung The Long Now riecht man, bevor man es erlebt. Es ist der Ölgeruch, der von der Installation 20:50 von Richard Wilson durch die Räume zieht. Auf den ersten Blick scheint das Kunstwerk ein schmaler Gehweg zu sein, der sich ein paar Meter zwischen hüfthohen Stahlwänden den Raum erstreckt.
Bevor man den Raum betritt, warnen Museumsangestellte, sich nicht über die Stahlwände zu lehnen und die Seiten keinesfalls zu berühren. Denn der Raum ist nicht leer: Er ist mit recyceltem Maschinenöl gefüllt. Mindestens ein Smartphone liegt bereits auf dem dunklen Grund des Kunstwerkes, verrät ein Angestellter. Die Tiefe des Raums ist also eine Illusion: Die spiegelnde Oberfläche des schwarzen Öls spielt mit der Wahrnehmung der Besucher und Besucherinnen. Erst wenn man vorsichtig aufs Öl bläst, und an der Oberfläche kleine Wellen entstehen, wird dem Auge bewusst, dass es sich wirklich um eine Flüssigkeit handelt.
Es ist das Kunstwerk, das wohl die meisten Besucher in die Ausstellung lockt. An einem Morgen im Februar fragt ein Mann an der Museumskasse, ob er Eintritt zahlen müsse, um sich das „Kunstwerk mit dem Öl“ anzuschauen. Als die Angestellte den Preis nennt (£20), bedankt er sich und verlässt das Museum.
Damit verpasste er andere monumentale Kunstwerke, für die die Saatchi Gallery bekannt ist. So zum Beispiel der goldene Sportwagen, der kopfüber von der Decke hängt und sich im Kreis dreht, während elektronische Musik aus dem Kofferraum dröhnt. Dies ist die Installation Golden Lotus (Inverted) von Conrad Shawcross, die 2019 Teil einer Ausstellung über House- und Rave-Kultur in der Saatchi Gallery war.
Zwei Besucherinnen sind auf den Haufen alter Autoreifen gestiegen, der unter dem sich drehenden Fahrzeug in die Höhe ragt. Diese Interaktion mit dem Kunstwerk ist ausdrücklich erwünscht, wie ein großes Schild versichert. Die Frauen machen Selfies. Es handelt sich hier um die Installation Yard von Allen Kaprow, der es 1961 als sogenanntes „Happening“ in New York präsentierte. Die beiden Werke, zwischen denen mehr als 60 Jahre liegen, ergänzen sich sehr gut - eine clevere Zusammensetzung der Kuratorin Philippa Adams.
The Long Now zeigt Kunst, die vor allem visuell sehr prägend ist, oft jedoch nur wenig Kontext bietet. Die stille, dunkle Oberfläche des Öls in 20:50 steht im Kontrast zu den brutalen Rohstoffkriegen, die weltweit geführt werden. Auf diese geschichtlichen und politischen Aspekte des Materials geht Richard Wilson jedoch nicht ein.
Die Saatchi Gallery ist für Schockmomente und Rekordsummen bekannt. Gegründet wurde sie 1985 von Charles Saatchi, einem wohlhabenden irakisch-britischen Werbefachmann und Kunstsammler. Mit seinem Bruder Maurice und ihrer Werbeagentur Saatchi & Saatchi verhalf er 1979 Margaret Thatcher zum Wahlsieg. Das Kampagnenplakat, das eine Schlange von Arbeitslosen unter dem Slogan „Labour isn’t working“ zeigt, wurde zu einem der bekanntesten Motive der britischen Politikgeschichte. Bis heute benutzen politische Gruppen Versionen des Bildes für ihre eigenen Kampagnen.
Mit seinem Gespür für Werbung und der Ansicht, dass zeitgenössische Kunst als Investition dient, revolutionierte Charles Saatchi die britische Kunstwelt. Er war Hauptförderer der Young British Artists (YBA), einer Gruppe junger Künstler, die Ende der Achtziger Jahre zusammen ihre Werke ausstellten. Der Werbefachmann gab 1991 den berühmten Hai von Damien Hirst in Auftrag. Das Werk, The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living, zeigt einen Tigerhai, der in einer mit Formaldehyd gefüllten Vitrine schwebt. 2004 wurde das Kunstwerk von einem Hedgefonds-Milliardär für geschätzte 8 bis 12 Millionen Dollar gekauft. Hirsts Werk For The Love of God (2007), ein mit Diamanten bestückter menschlicher Schädel, wurde auf 50 Millionen Pfund geschätzt.
Mit Saatchis Hilfe wurden Hype und Schock zu wichtigen Bestandteilen der modernen britischen Kunstszene und Damien Hirst wurde zu einem der reichsten Künstler Großbritanniens. In The Long Now ist er mit einem seiner Civilisation Paintings vertreten. Es ist ein farbenfrohes Werk, das im Kontrast zu seinen früheren, düsteren Arbeiten steht. Das Bild hängt in einem Durchgangskorridor zwischen Ausstellungsräumen und ist leicht zu übersehen.
Von Jenny Saville, einer weiteren Künstlerin der Young British Artists, die für ihre Akt-Portraits bekannt ist, ist Passage von 2004 zu sehen. Das Bild zeigt den Akt einer Person mit sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Sie „wollte eine visuelle Reise durch Geschlechterrollen malen - eine Art Geschlechterlandschaft“, so die Künstlerin im Gespräch mit der Galerie.
Im Post-Human Room hinterfragen Künstler und Künstlerinnen neue Technologien und welche Auswirkungen sie auf unser Leben haben. Der Film Aftermath von Mat Collishaw zeigt eine dystopische Unterwasserwelt, in der sich mutierte Meereswesen durch überflutete Rechenzentren schlängeln. Der Künstler interessiert sich für die Ironie, die künstliche Intelligenz darstellt: Einerseits leistet sie im Kampf gegen den Klimawandel wertvolle Hilfe, andererseits ist ihr enormer Energieverbrauch eine Belastung für die Umwelt, so der Künstler. Eine kritische Botschaft, die nicht unbedingt originell oder tief recherchiert ist, doch der Film ist hypnotisch und zugleich verstörend. Der Film ist mit Hilfe von KI entstanden.
Martine Poppes, eine junge Künstlerin, die zwischen London und Oslo lebt, bietet einen hellen Kontrast zu den dystopischen Visionen des Post-Human Room. Ihre Gemälde zeigen Naturlandschaften, die wie sonnige Träume wirken. Die Künstlerin stellt Tageslicht mitsamt Lichtflecken dermaßen naturgetreu dar, dass man beim Anblick der Bilder fast instinktiv blinzeln muss.
The Long Now versteht sich weniger als Retrospektive, sondern als Feier innovativer zeitgenössischer Kunst, wie sie die Galerie seit ihrer Gründung fördert. Umso bedauerlicher ist es daher, dass neue, oft uninspirierte Arbeiten der Young British Artists, die ja längst nicht mehr jung sind, so viel Raum einnehmen.