Die diesjährige Berlinale begann schleppend mit wenigen großen Namen und kaum Glamour. In dem bislang überwiegend unauffälligen Wettbewerb überzeugen nur ein paar Filme – dabei die Luxemburger Co-Produktionen

Große Streifen werden noch vermisst

Roya von Mahnaz Mohammadi:  Wie weiblicher Widerstand gegen ein patriarchales Regime aussehen kann
Foto: Totem Films
d'Lëtzebuerger Land vom 20.02.2026

Die Berlinale war mal was: ein großes Filmfestival, das neben den Filmfestspielen in Cannes und Venedig zu den A-Festivals zählte. Doch das Kino befindet sich in der Krise und verzeichnet vor allem wegen der Streaming-Dienste immer weniger Publikum. So läuft auch dem Berliner Filmfestival das Publikum weg. Zwar ist auf der Berlinale-Webseite zu lesen, dass in diesem Jahr circa 20 000 internationale Besucher/innen angereist sind. Doch die Filmauswahl ist eher bescheiden. Vergeblich sucht man im Programm nach Namen großer Arthouse-Regisseure wie Petzold, Kaurismäki, Östlund, Jarmusch, Almodóvar, Kar-Wai oder Kore-eda. Immerhin trifft man mit Isabel Huppert, Sandra Hüller und Juliette Binoche auf einige große Darstellerinnen.

Mit Wim Wenders leitet zudem ein Alter Hase des Arthouse-Kinos die diesjährige Jury. 1984 drehte er in der Hauptstadt Der Himmel über Berlin und schuf damit ein Stück Filmgeschichte. Denn die geteilte Stadt, die er darin poetisch besang und in Bildern festhielt, gibt es heute nicht mehr. Stattdessen ist der Potsdamer Platz heute ein hässlicher Flecken voller charakterloser Hochhausbauten.

Bis zum 22. Februar laufen in Berlin über 270 Filme an 15 Spielstätten; 22 davon konkurrieren im offiziellen Wettbewerb um den Goldenen und Silbernen Bären. Intendantin Tricia Tuttle, die ihre zweite Berlinale leitet, wurde vorab in den Medien mit dem Satz zitiert: „Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht!“

Bekenntniszwang zu Gaza

Das klingt eher nach einer defensiven Beschwörungsformel, denn als selbstbewusstes Statement. Tatsächlich ist es recht leer in den Kinosälen und im Unterschied zu Cannes bekommt man im zweiten Anlauf für fast jeden Film noch Karten. Besonders hilfreich war da der vermeintliche Eklat, den die indische Schriftstellerin Arundhati Roy anzettelte, als sie die Berlinale-Jury dazu bewegen wollte, sich zum Krieg in Gaza zu äußern, nicht. Die Jury reagierte bedacht: Man äußere sich nicht zu anderen Kriegen weltweit, wieso also der Bekenntniszwang zu Gaza? Während Roy abreiste und Der Freitag und The Guardian ihre Aussagen zu einem Skandal hochjazzten, lief das Filmfestival unbeeindruckt weiter. Im Übrigen fanden sich unter den Film-Beiträgen durchaus auch solche, die sich kritisch mit dem Krieg in Gaza auseinandersetzten, so zum Beispiel Effondrement von Anat Even.

So stellt sich alle Jahre wieder die Frage: Wie viel Politik und wie viele Statements verträgt die Berlinale? Nicht zuletzt mit Blick auf die Schauspieler/innen. Ist es reine Privatsache, wenn Filmschaffende etwa russische Propaganda und Inhalte des ADR-Europaabgenordneten Fernand Kartheiser zum Ukraine-Krieg auf Facebook posten, wie es der Schauspieler Marco Lorenzini, der im Film Die Blutgräfin eine Nebenrolle spielt, noch Ende Januar tat? „Hätte ich das vor dem Casting gewusst, wäre das etwas anderes. Aber ich kontrolliere unsere Schauspieler nicht auf Social Media“, so Produzentin Bady Minck.

Natürlich ist das verschneite Berlin, in dem man bei Minusgraden durch grauen Matsch stapft, weniger sexy als das Festival an der Croisette. Die Deutschen tun aber auch alles dafür, dass es wenig einladend bleibt. Anstelle eines schönen Trailers bekommt man als Besucherin zu Beginn jedes Films so als erstes eine Warnung präsentiert, dass Raubkopien verboten sind. Darüber hinaus besteht in Deutschland selbst unter Kulturleuten die Marotte, sich und anderen in den Kinosälen reihenweise Plätze freizuhalten, wie man es sonst nur von Stränden auf Mallorca kennt. Auch diesbezüglich haben die Franzosen ein besseres Benehmen.

Gelungener Auftakt: No Good Men

Zumindest der Eröffnungsfilm No Good Men der Regisseurin Sharbanoo Sadat, die vor den Taliban geflohen ist und in Hamburg lebt, vermochte indes zu versöhnen. Ästhetisch riss er zwar nicht vom Hocker, war aber von seiner feministischen Aussage her ein gelungener Auftakt.

Die romantische Komödie zeigt ein vom Bürgerkrieg und der Herrschaft der Taliban nach 2021 gebeuteltes Kabul voller Chauvinisten. In einem ursprünglich von Männern ausgeübten Beruf, als Kamerafrau, blickt Naru (die Regisseurin spielt selbst die Hauptrolle) in ihrem autobiografischen Drama forsch hinter die Kulissen ihrer Sets. Nach der Trennung von ihrem Ehemann hat sie die Hoffnung auf „gute Männer“ aufgegeben, bis sie in der Redaktion von Kabul TV auf den Journalisten Qodrat trifft ...

Dieser Film kann genossen werden: Er bringt zum Lachen, etwa, wenn die Freundin sich aus dem Ausland einen Dildo mitbringen lässt; er rührt an, wenn die Marktfrau mit dem Mikro vor der Nase felsenfest behauptet, dass es in Afghanistan keine vernünftigen Männer gebe – und am Ende steht das Weinen. Und er erinnert daran, wie gleichgültig der „Welt“ die Situation von Frauen in Afghanistan geworden ist.

Absehbar und langweilig: Gelbe Briefe

Wie politisches Kino langweilen kann, zeigt Gelbe Briefe von İlker Çatak. Obwohl auf Theaterbühnen in Berlin (unter anderem am Berliner Ensemble) gedreht und als politisches Statement gegen die Regierung Erdogan angelegt, enttäuscht das Drama leider, ist die Handlung doch allzu vorhersehbar. Obschon die Idee, Ankara von Berlin spielen zu lassen und Istanbul von Hamburg, als große Klammer funktioniert, hat man nach einer Stunde Inneneinsichten in das „prekäre“ Leben des betuchten intellektuellen Künstlerpaares Derya und Aziz genug. Der moralische Konflikt, die eigenen Ideale angesichts große versus kommerzielle Kunst, wird dick aufs Butterbrot gestrichen. Theatermacher Aziz, der „die Welt mit Theater retten will“, wird sich irgendwann als Taxifahrer verdingen. Während seine Frau, die Schauspielerin Derya, ihre Seele an einen kommerziellen staatstreuen TV-Sender verkauft und dort eine Soap dreht. Gegen Ende ist der Film selbst nahe an der Seifenoper. Schade, denn mit Das Lehrerzimmer hatte Çatak 2023 einen vielversprechenden Film gedreht.

Everybody Digs Bill Evans von Grant Gee erzählt zwei Wochen aus dem Leben der Jazz-Legende (1929-1980) nach dem plötzlichen Tod seines guten Freundes und Bassisten. Auch wenn dem überwiegend in schwarz-weiß gedrehten Film vorgeworfen wird, gekünstelt zu sein (etwa von der FAZ), beeindruckt er doch durch seine durchkomponierte Ästhetik. In einer Schleife von Drogen-Exzessen wird Bill Evans lernen, dass auch Pausen zum Leben gehören. Die Zeit bei seinen Eltern in Florida ist allerdings gekennzeichnet durch recht oberflächliche Dialoge in dem spießigen Haus. Ein Kontrast zu seiner exzessiv ausgelebten Künstlerexistenz. Der Film ist eine Hommage an die 1960er. Allein Evans Klaviermusik kommt absurderweise zu kurz.

Bewegend: Roya

Dankbar, zumal als Luxemburgerin, ist man über Roya der iranischen Filmemacherin Mahnaz Mohammadi, einem von Amour Fou co-produziertem, bedrückenden Drama, das bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Panorama“ gezeigt und nach Aussagen der Regisseurin zum Teil im Iran und zum Teil außerhalb entstanden ist.

Mohammadi kennt die Situation, in der sich ihre stille, willensstarke Filmheldin Roya befindet, nur zu gut. Seit 2020 während der Corona-Pandemie schrieb sie, wollte herausfinden, was ihr widerfahren ist. Und befragte sich kontinuierlich, wie sie einen Weg finden könnte, eine Geschichte auf nichtlineare Weise zu erzählen.

Die iranische Filmemacherin, deren erster Dokumentarfilm Women Without Shadows (2003) bereits ein mutiger Beitrag war, wurde wegen ihrer Arbeit und ihres Aktivismus für Frauenrechte wiederholt verfolgt; sie überstand eine siebenjährige Haftstrafe wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ und „Propaganda gegen das Regime“ im Iran und verbrachte mehrere Monate im Evin-Gefängnis. Obwohl das Urteil später aufgehoben wurde, lebt sie weiterhin unter Überwachung und strengen Auflagen. „Ich war mehrere Male im Gefängnis, aber das letzte Mal waren es drei Monate. Es war die Erfahrung in einer kleinen, eineinhalb Meter großen Zelle. Sie geben Dir nicht mal einen Namen. Du bist nur eine Nummer“, so Mohammadi gegenüber dem Land. „Diese Erfahrung der Inhaftierung kenne ich sehr gut, aber es ist nicht meine Biografie, die ich in Roya erzähle.“

Verwackelte Filmaufnahmen, nervtötende Alltagsgeräusche, wie das Zuscheppern von Türen oder das Drehen der Waschmaschine, das zeitlupenhafte Filmen und Surren von Insekten, als Zeichen der Verwesung: Mohammadi schafft es, die Zuschauerin sinnlich in die Situation der im Gefängnis gedemütigten Hauptfigur hineinzuversetzen. Das Auge folgt der tief traumatisierten Roya, die in rund 90 Minuten kein Wort spricht, abwesend vor sich hinstarrt und sich selbst verletzend den Alltag Teherans erlebt wie durch einen dichten Schleier.

Mohammadi zeigt damit bewegend, wie weiblicher Widerstand gegen ein patriarchales Regime aussehen kann. Roya ist eine willensstarke Frau, die aufrecht durch den Nebel geht, bis er sich lichtet: Ein starker Filmbeitrag, der gerade in diesen Tagen, in denen das iranische Regime vielleicht vor der Implosion steht, Hoffnung macht.

Siri Hustvedt – Dance Around the Self

Die Regisseurin Sabine Lidl hat mit Siri Hustvedt – Dance Around the Self eine sehenswerte Dokumentation über die feministische US-amerikanische Schriftstellerin gedreht, der in der Sektion „Panorama“ gezeigt wurde. Ausnahmsweise ist es nicht ihr verstorbener Mann Paul Auster, den Hustvedt ihren „Lebensmensch“ nannte, sondern die Schriftstellerin selbst und ihre Prosa, die hier im Mittelpunkt stehen. Es sind ihre Geschichten und Essays, wie Die unsichtbare Frau, aber auch ihre Zeichnungen und Skizzen, die den Rhythmus dieser Dokumentation vorgeben.

In der Sektion „Forum Expanded“ feierte vergangenen Sonntag der Debütfilm Liebhaberinnen der Luxemburger Regisseurin Koxi in Anwesenheit von CSV-Premier Luc Frieden und DP-Kulturminister Eric Thill Premiere. Frei verwandte Vorlage dafür ist der gleichnamige Roman von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1975, der als marxistisch-feministische Karikatur eines Heimatromans angelegt war.

Koxi hat Jelinek originell inventarisiert. Das Skript hat sie gemeinsam mit Antonio de Luca verfasst. Ihr Film spielt gekonnt und schonungslos mit sozialen Codes und zieht Jelinek gnadenlos in unsere Gegenwart flimmernder Bilder. Liebhaberinnen blickt ironisch auf Maskulinität und zeigt das Abrutschen einer Messe-Hostess in die Armut. Wenn Brigitte (Johanna Wokalek) auf dem Boden eines 24-Stunden-Fitnessstudios übernachtet und sich an ein reiches Muttersöhnchen heranmacht, ist das mitunter grotesk, krass explizit und doch berührend. Die Vermarktung ihrer Körper bleibt für die beiden Hauptfiguren, Brigitte und Paula, das letzte Kapital.

Junge Besucher/innen des Films waren gespalten. „Mir war das too much“, gab eine Studentin zu, während ein Besucher sich enthusiastisch äußerte: „Dieser Film passt hervorragend in unser kleines Underground-Festival.“ Koxi hat Jelineks Texte sorgsam analysiert und liefert eine zeitgemäße, schrille und sehenswerte Adaptation.

Die Blutgräfin von Ulrike Ottinger mit Starbesetzung, darunter Isabel Huppert und aus Luxemburg unter anderen André Jung, feierte vergangenen Montag in der Sektion „Special Gala“ Premiere. Der mit seiner zwischen Fantasy- und Vampirfilm mäandernden Ästhetik ein bisschen an Wes Andersons Filmwelten erinnernde Film zog einen märchenhaft in seinen Bann (ausführliche Besprechung folgt).

Eines Bären würdig: Rose von Markus Schleinzer

Am Sonntag gab es dann endlich einen Beitrag im Wettbewerb zu sehen, der eines, vielleicht gar des Goldenen Bären würdig ist: Rose von Markus Schleinzer (Drehbuch: Alexander Brom), vollständig in Schwarz-Weiß gedreht, ist „die wahrhafte Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin“. Schleinzer entwirft ein dystopisches Panorama um eine archaische, gottesgläubige Dorfgemeinschaft im 17. Jahrhundert, in der sich Rose (Sandra Hüller) durch systematischen Betrug Achtung erschleicht. Als Soldat aus dem Dreißigjährigen Krieg taucht sie in einem protestantischen Dorf auf, gibt sich überzeugend als Mann aus, bis der Schwindel auffliegt. In dem spannenden Drama, das vom Plot her an Angela Steideles großartigen Roman In Männerkleidern erinnert, stimmt einfach alles: Das Drehbuch ist kreativ und überraschend, die Einstellungen sind präzise, und Hüllers Performance in der Rolle der Rose ist einmal mehr herausragend.

So stach Luxemburg bei der diesjährigen Berlinale mit gleich drei bemerkenswerten Co-Produktionen von Amour Fou hervor. Wie sie sich als Produzentin angesichts dieses Erfolgs fühle? „Dreifach Happyness – bärenstark würd’ ich sagen!“, so Bady Minck am Rande des Empfangs in der Luxemburger Botschaft. Bei Mahnaz Mohammadis Roya hätte sie überhaupt nicht gewusst, ob der Film rechtzeitig fertig werden würde. „Dann kam noch eine große Pechsträhne, denn am 8. Januar, als Roya eingeladen wurde, haben die Mullahs das Internet gesperrt ... So musste Mahnaz die Version, die in Berlin eingereicht werden sollte, ganz neu schneiden, und wir hatten großen Stress, um das hinzukriegen“, erzählt Minck.
Von der Eröffnungsgala, die Desirée Nosbusch souverän auf Englisch und Deutsch moderierte, blieben einem die Worte von Jurypräsident Wenders tröstlich in Erinnerung, der sinngemäß sagte: in einer Zeit egomaner Schreihälse solle man sich selbst nicht so ernstnehmen. Und vielleicht ist es das, was bei diesem Festival zumindest in vielen auch politischen Filmen der ersten Woche wirklich fehlte: Humor.

Anina Valle Thiele
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