Übernächsten Montag, am 2. März, soll die Findel Clinic öffnen. Das meldete vergangene Woche Radio 100,7 und berief sich auf eine Mitteilung von Philippe Wilmes, „die uns vorliegt“. Am 31. Oktober vergangenen Jahres hatte das Land über das Projekt der beiden Ärzte Philippe Wilmes und Alain Schmit berichtet, auf einer Etage im Findel Business Center „eine neue multidisziplinäre Klinik“ anbieten zu wollen, „gegründet von Ärztinnen und Ärzten für Ärztinnen und Ärzte, mit den Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt jeder Entscheidung“. So die Selbstdarstellung der Findel Clinic auf ihrer Internetseite damals.
Heute ist findelclinic.lu nichts über eine bald bevorstehende Einweihung zu entnehmen. Anders als vor vier Monaten ist an dem dreisprachigen Webauftritt nur, dass die „multidisziplinäre Klinik“ durch ein „multidisziplinäres Medizinisches Zentrum“ ersetzt wurde. Das geschah schon voriges Jahr, nachdem die Findel Clinic zu einem politischen Top-Thema geworden war und ein Vorwurf lautete, eine für Krankenhauseinrichtungen reservierte Bezeichnung werde verwendet. Das Spitalgesetz stellt in solchen Fällen eine Strafe zwischen 5 000 und 100 000 Euro in Aussicht. Diesem Risiko wollten sich Alain Schmit und Philippe Wilmes offenbar nicht aussetzen. Zumal sie, bis Ende 2024 Präsident, beziehungsweise Vizepräsident des Ärzteverbands AMMD, wissen müssen, was im Spitalgesetz steht.
Großer Stein des Anstoßes war – und ist –, dass Wilmes und Schmit zum Betreiben der Findel Clinic eine Aktiengesellschaft gegründet haben, die Phial s.a., und als Mitaktionäre klangvolle Namen aus der Wirtschaft gewannen, Marc Giorgetti, Alain Kinsch und Marc Hoffmann. Doch schon eine einfache Suche im Handelsregister nach dem Begriff „Centre médical“ liefert mehrere Ergebnisse mit dem Zusatz s.à r.l. oder s.a.: ein Ärztezentrum in Echternach und eines in Luxemburg-Mühlenbach, beide als s.à r.l., oder die Centre médical Nordstrooss s.a. in Marnach.
Erwartungen auf Rendite
Sind Rendite-Erwartungen von Teilhabern an Handelsgesellschaften in der Medizin hierzulande weiter verbreitet, als man meinen könnte? Weiter auch, als im November Marc Spautz warnte, damals noch Präsident der CSV-Kammerfraktion, als er in einem Tageblatt-Artikel schrieb: „Steht Luxemburg vor einem Wendepunkt? Mit der Findel Clinic, die 2026 nahe dem Flughafen eröffnen soll, könnte die private Medizin Einzug in ein System halten, das bislang fest auf Solidarität und universellen Zugang gebaut war“ (22.11.2025)?
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Phial s.a. hinter der Findel Clinic und den Ärztehaus-Handelsgesellschaften besteht darin, dass Letztere Immobiliengesellschaften sind. Sie kaufen, verkaufen, vermieten, verwalten Immobilien. Das steht als Gesellschaftszweck in ihren Satzungen. Die in Marnach hat ein großes Gebäude unter sich. Nicht nur Ärzt/innen sind dort Mieter, sondern auch das CHL mit einem Praxiszentrum, die Croix-Rouge mit einer Blutspendenstelle oder die CNS mit einer Filiale. Auch Spitäler können Aktiengesellschaften sein. Die Hôpitaux Robert Schuman sind eine, die frühere Clinique privée Dr Bohler war eine. Was Spitäler (auch öffentliche Einrichtungen) an Gewinn erwirtschaften können, regeln Gesetze und eine Konvention mit der CNS. Die Möglichkeiten sind begrenzt und haben im Grunde nichts mit Medizin zu zun.
Die Findel Clinic ist anders konzipiert. Der Gesellschaftszweck der Phial s.a. ist breiter. Immobilien-Operationen gehören dazu auch, aber an vorderer Stelle erwähnt die Phial-Satzung „toutes prestations de services“. Einerseits Dienstleistungen an freie Berufe, darunter die Vermietung speziell angepasster und ausgestatteter Räumlichkeiten zur Ausübung dieser Berufe, sowie die Zurverfügungstellung „jeglicher“ administrativen und buchhalterischen Unterstützung. Das ist das Rundum-Sorglos-Angebot, von dem Philippe Wilmes schon im Oktober gesprochen hatte: In der Findel Clinic würden Ärzt/innen ein Paket aus Räumlichkeit, Technik, Personal und Support mieten, um sich „ganz auf ihre Medizin konzentrieren“ zu können. Was das kosten soll, erläuterte er nicht. Heute reagiert er nicht auf Anfragen zur Findel Clinic. Vielleicht auch wegen des schwebenden Verfahrens um von ihm in seinem Hauptberuf als Chirurg angeblich unnötig vorgenommene Knie-Operationen.
Private Check-ups
Ein weiterer Abschnitt in der Phial-Satzung deutet an, worin zumindest ein Teil des Geschäftsmodells der Findel Clinic bestehen dürfte: Dienstleistungen an „personnes morales pour leur personnel ou des personnes physiques à titre individuel, de la réalisation de bilans de santé préventive, de commercialisation de tous produits et conseils relevant de la santé holistique ou du bien-être et toute activité se rapportant au domaine du bien-être“. Dazu passen Anzeigen zur Suche nach Ärzt/innen für die Findel Clinic, die Phial auf Portalen wie emploimedecin.com geschaltet hat: „Votre rôle“, erfahren interessierte Mediziner/innen, „consistera à offrir des consultations spécialisées et/ou à contribuer aux bilans de santé préventifs.“
Bilans de santé sind kommerzielle Angebote insofern, als sie im Leistungskatalog der CNS nicht vorkommen. Private Versicherungen zahlen dafür, oder ein Betrieb, der seinen Beschäftigten einen solchen Check-up gönnt. Wer genug Geld hat, zahlt aus eigener Tasche. Neu sind die Check-ups nicht: Vor knapp 15 Jahren begann damit das Gesondheetszentrum der Zithaklinik – die damals noch eigenständig war und eine Aktiengesellschaft. Heute sind die Check-ups eine Einnahmequelle für die Hôpitaux Schuman. Zwischen acht Uhr morgens und zwölf Uhr mittags werden die Patient/innen von einem Spezialisten zur nächsten Spezialistin gelotst. CNS-Versicherte dagegen müssen für so einen Check-up viele Termine vereinbaren. Und brauchen einen Arzt, der sie darin berät, was gecheckt werden soll und die Resultate zu interpretieren hilft. Das ist aufwändig und zeitraubend.
Check-ups sind kein Wendepunkt Richtung Privatmedizin. Auch wird die Findel Clinic sie vielleicht nicht gleich anbieten können: Wenn Radio 100,7 mit seiner Meldung vorige Woche recht hatte, wird die Findel Clinic zunächst nur Innere Medizin und Kardiologie zur Verfügung haben. Per Anzeigen sucht Phial Ärzt/innen, die ein bis drei Tage pro Woche in Luxemburg praktizieren möchten. Vielleicht ist die Suche schwieriger als gedacht. Oder die Paket-Miete spricht nicht viele an.
Eine Wende läge vor allem darin, dass eine Aktiengesellschaft im großen Stil Behandlungskapazitäten an Ärzt/innen vermieten will. Von „bis zu 15 verschiedenen Arztdisziplinen“ hatte Philippe Wilmes im vergangenen Jahr gesprochen. Anzeigen von Phial sprechen von „spécialistes de plus de 15 disciplines“, die Seite findelclinic.lu deutet 17 an. Wenn die Findel Clinic gegenüber herkömmlichen Arztpraxen erweiterte Öffnungszeiten anbieten soll, was Wilmes angekündigt hat, die Ärzt/innen aber für nur einen bis drei Tage anwesend sein sollen, könnte Phial vielleicht insgesamt 50 unter Vertrag nehmen.
Zahnmedizin auch vom Private-Equity-Fonds
Und an ihrer Miete verdienen. Gegenüber dem Land hatte Wilmes im Oktober Rendite-Erwartungen von Phial heruntergespielt, doch wieso sollte Phial keine haben? Investoren, die in großen Centres dentaires stundenweise Zahnarztstuhl und Support vermieten, haben auch welche. Oder die Beteiligungsgesellschaft Devmed s.a., die die Hygie-Kette betreibt und zu deren Aktionären vor drei Jahren der in Paris domizilierte Private-Equity-Fonds Axio Solutions SLP stieß. Im Juni 2023 öffnete in Esch/Alzette eine Praxis Hygie Imagérie mit tageweise in Belgien angeheuerten Radiologen. Von deren Honorar behielt der Betreiber der Praxis, eine Hygie-Tochter von Devmed, 70 Prozent ein. Als Gegenleistung für Räumlichkeiten, Personal, Support und Apparate wie CT-Scanner und Mammograf, die er zur Verfügung stellte. Alain Schmit beschwerte sich damals gegenüber dem Land, LSAP-Gesundheitsministerin Paulette Lenert habe sich zu viel Zeit gelassen mit einem Gesetz über Ärztegesellschaften, das berufsfremde Finanziers ausgeschlossen und eine Radiologie verhindert hätte, die Ärzten etwas vom Honorar nimmt (d’Land, 30.6.2023).
Hygie Imagérie scheiterte schließlich an Lenerts Antennen-Gesetz. Verhandlungen mit dem CHEM über eine Hygie-Radiologie-Antenne in Esch schlugen fehl. Der AMMD blieb ein beinah heiliges Prinzip erhalten: die Unantastbarkeit des Arzthonorars. Nur Centres dentaires mit der Miete pro Stuhl waren die Abweichung von der Regel, dass es für Ärzt/innen keine Kostenbeteiligung geben dürfe; darunter die vier Zentren mit Öffnungszeiten 7j/7 von Hygie Dentaire. 2017 war die AMMD empört, als LSAP-Gesundheitsministerin Lydia Mutsch ins Spitalgesetz schreiben wollte, dass Klinikmediziner/ innen einen Teil ihres Honorars ans Spital abtreten sollten, wie in Belgien. An der Spitze des Widerstands standen Philippe Wilmes und Alain Schmit. Dass ausgerechnet sie in der Findel Clinic eine Rundum-Miete nehmen wollen, brachte in der Ärzteschaft viele auf. Wilmes hält 38 Prozent der Anteile an Phial, Schmit 22 Prozent. Die anderen vier Aktionäre halten jeweils zehn. Laut Phial-Satzung werden Dividenden proportional zum Anteil der Aktionäre vergeben.
Anreize aus dem Miet-Modell
Das Miet-Modell von Phial könnte Ärzt/innen in der Findel Clinic dazu anreizen, viel zu arbeiten, um viel abrechnen zu können. Vielleicht Behandlungen vorzunehmen, die nicht nötig sind, oder bei der Abrechnung zu tricksen. In den bei der AMMD so unbeliebten Centres dentaires scheint das vorzukommen; AMMD-Präsident Chris Roller klagte vor einem halben Jahr, dort bekämen Patient/innen mitunter Rechnungen über 600 bis 700 Euro in die Hand (d’Land, 29.8.2025).
Dass Patient/innen auch die Findel Clinic mit ansehnlichen Rechnungen verlassen könnten, ganz abgesehen von privaten Bilans de santé, ist nicht ausgeschlossen. Es ist in keiner Arztpraxis ausgeschlossen, denn in Luxemburg muss ein Arzt nicht nur anbieten, was in der Ärzte-Gebührenordnung steht. Artikel 6 der Konvention zwischen CNS und AMMD legt fest, „les médecins ne peuvent réaliser à charge de l’assurance maladie que les actes professionnels prévus par la nomenclature médicale“. Woraus folgt, dass die Kasse für nichts zahlt, das nicht in nomenclature (der Gebührenordnung) steht. Dass der Arzt es nicht anbieten kann, folgt daraus nicht. Der Code de déontologie für die Ärzt/innen ergänzt das. In Artikel 106 steht: „Pour les actes ne figurant pas dans la nomenclature, il [le médecin] informera le patient et établira un dévis contresigné par ce dernier englobant tous les honoraires et frais prévisibles pour le traitement proposé ou demandé.“ Wie viele solcher Kostenvoranschläge pro Jahr ausgestellt werden, weiß niemand. Vielleicht sind es nicht viele. Doch das Miet-Modell für die Findel Clinic setzt einen Anreiz in diese Richtung.
Ebenso für den Griff nach Zuschlägen für convenances personnelles. Schon vor 20 Jahren ermittelte die AMMD gemeinsam mit der CNS-Vorläuferin Union des caisses de maladie, dass ein Zuschlag CP1, der für einen im Voraus vereinbarten Termin beim Arzt berechnet werden kann, und den der Patient selber trägt, mitunter mit 100 Euro oder mehr auf Arztrechnungen auftauchte. Wie sich herausstellte, ging es dabei um Leistungen wie Akupunktur oder besonders lange Konsultationen. Über so etwas herrscht bis heute keine Transparenz. Als AMMD und CNS 2011 über eine neue Konvention zu verhandeln begannen, wurde der Vorschlag gemacht, derartige Extra-Leistungen klar auf der Rechnung zu vermerken. Weil die Verhandlungen insgesamt scheiterten, kam es dazu nicht. Dass in der Findel Clinic solche Zuschläge häufig erhoben werden könnten, ist druchaus denkbar, wenn durch die Miete an Phial ein Anreiz gegeben wird, viel zu verdienen.
Regulierung über Preise?
Dabei ist der Ausbau des secteur extrahospitalier politisches Programm. Eigentlich gibt es den Sektor noch nicht, weil er nicht definiert und nicht reguliert ist. Vielleicht wird er am Ende von einer Regulierung über Preise abhängen. Für die Krankenhaus-Antennen setzt sich das allmählich durch: Abgesehen vom Arzthonorar, das unangetastet bleibt, zahlt die CNS eine Pauschale. In die Pauschale geht alles ein: von den Räumlichkeiten über die Kosten von Personal bis hin zu den Abschreibungen von Technik, in Radiologie-Antennen zum Beispiel IRM oder Mammografen. Doch nur bis zu einem gewissen Auslastungsgrad fließt die volle Pauschale. Werden etwa radiologische Analysen über eine Schwelle hinaus gemacht, sinkt sie empfindlich. Darüberhinaus kontrolliert die CNS ex post anhand von Stichproben, ob die Leistungen europäischen Leitlinien entsprachen. War das immer so, gibt es einen Bonus, war das selten so, einen Malus. Und ist ein technischer Apparat vollständig abgeschrieben, gibt es für ihn kein Geld mehr.
Ob ein Modell dieser Art auch für Arztpraxen und Ärztehäuser eingeführt werden soll, ist dem Vernehmen nach politisch noch nicht entschieden. Etwas in dieser Richtung müsste es wohl geben, um baussent de Spideeler Anarchie zu verhindern und dafür zu sorgen, dass alles für die CNS bezahlbar bleibt. Es hätte auch Einfluss auf das Modell der Findel Clinic. Und während es nicht sicher sein mag, dass genug Ärzt/innen aus dem grenznahen Ausland sich für Teilzeit nah beim Flughafen interessieren, ist ziemlich sicher, dass ausländische Ärztegesellschaften sich für Luxemburg interessieren. Für sie ist das Großherzogtum ein Pre-
mium-Markt.