Menschen, die nicht krankenversichert sind, leben weiter im Abseits. Besuch bei Médecins du Monde

Unsichtbar

138 Menschen sind derzeit über die Couverture universelle des soins de santé (CUSS) krankenversichert
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 09.01.2026

Am Montagmorgen ist der Wartesaal des Bereitschaftsdienstes von Médecins du Monde (MDM) in Bonneweg fast voll. Draußen herrschen eisige Temperaturen. Von zehn bis zwölf Uhr können sich Menschen, die nicht bei der CNS versichert sind, hier medizinisch behandeln lassen. Seit 2014 gibt es MDM in Luxemburg, die Organisation finanziert sich zu 40 Prozent mit Geld aus dem Gesundheitsministerium, der Rest sind Spenden. Neben 15 Angestellten arbeiten 130 Ehrenamtliche für die Vereinigung: Ärzt/innen, Krankenpfleger/innen, Apotheker/innen, Menschen, die im Sekretariat administrative Aufgaben übernehmen. Der Bedarf steigt stetig. Denn Krankenhäuser behandeln Unversicherte nur dann, wenn es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall handelt. 2024 halfen die MDM 1 209 Menschen aus 93 Ländern in Bonneweg und Esch/Alzette an vier Tagen in der Woche. Das ist in etwa die Gesamtbevölkerung von Nospelt.

Adrienne Franck, die Kinderkrankenschwester war und nun im Ruhestand ist, steht am Empfang. Dort begrüßt sie Patienten und teilt ihnen Wartezettel aus. Die Stimmung ist ruhig und fokussiert, in einer Ecke steht ein Weihnachtsbaum. Ein Sicherheitsbeamter ist zuständig für den Einlass, neben der Eingangstür hängt ein Schild, das in mehreren Sprachen erklärt, jegliche Gewalt habe einen 14-tägigen Ausschluss zur Folge. Ein bärtiger Mann in einer roten Jacke ist auf seinem Stuhl eingeschlafen, zwei weitere Männer reden leise miteinander. Zwei Drittel der Patienten sind bei den MDM männlich.

Dann tritt eine Frau ein. Magrid ist 62 Jahre alt und trägt einen bläulichen Fleecemantel. Sie sieht erschöpft aus. Die Portugiesin erklärt, sie habe als Reinigungskraft gearbeitet, doch ihr Sohn habe Drogenprobleme entwickelt. Sie habe ihn unterstützt, daraufhin ihre Wohnung verloren und sei auf der Straße gelandet. Derzeit schläft sie in der Wanteraktioun (WAK). Sie fängt an zu weinen. Ihr Sohn habe sich wieder stabilisiert, sagt sie, und arbeite heute als Mechaniker in einer Autowerkstatt. Bei ihm würde sie Mahlzeiten zu sich nehmen und ab und an schlafen. Doch eine Referenzadresse, – eine Notwendigkeit, um krankenversichert zu werden – habe sie seit drei Jahren nicht mehr. Vergangene Woche wurde sie in die Notaufnahme eingeliefert und mit einer lebensgefährlichen Lungenembolie diagnostiziert, die ihren Gesundheitszustand wahrscheinlich seit mindestens einem Jahr zunehmend verschlechtert hatte. Eine Woche blieb sie im Krankenhaus.

Im Aktionsplan gegen Armut, den Familienminister Max Hahn (DP) im Dezember vorlegte, geht von einem „bidirektionalen“ Verhältnis zwischen Armut und Gesundheit die Rede: Einerseits kann Armut den Zugang zu Studien und zur Arbeit erschweren, andererseits ist das Risiko, Gesundheitsprobleme zu entwickeln, für sozial schwache Menschen höher. Gleichzeitig hat der Plan der Gesundheit gerade mal zwei Seiten zugestanden – und die Wohnungsproblematik, die der Misere in vielen Fällen zugrunde liegt, völlig außen vorgelassen. (Ein „Spezialplan“ Logement soll folgen.)

Für manch einen Otto-Normal-Luxemburger ist es unvorstellbar, Zahnweh zu haben, und sich nicht auf schnellstem Weg zum Zahnarzt zu begeben oder in die nächste Apotheke. In einem Land mit einem solch hohen Deckungsgrad an Gesundheitskosten mag diese Realität erstaunen. Aufgrund der Schwarzarbeiter/innen im Land dürfte die gesundheitliche Prekarität jedoch noch weiterverbreitet sein, als angenommen. 92 Prozent der Bewohner/innen seien 2020/2021 versichert gewesen, geht aus dem Luxembourg - Health System Review des Observatoire national de la santé hervor. Die weiteren acht Prozent sollen entweder anderweitig oder gar nicht versichert sein. Die Dunkelziffer ist hoch, es geht schätzungsweise um ein paar Tausend Menschen – mindestens.

Teile der Politik haben das Problem schon länger erkannt, doch erst 2018 fand das Versprechen auf die sogenannte Couverture universelle des soins de santé (CUSS) einen Platz im Koalitionsabkommen der zweiten DP-LSAP-Grüne-Regierung. Es soll die Gesundheitsversorgung von Menschen, die durchs Netz fallen, erleichtern. Der damalige Sozialminister Romain Schneider und die Gesundheitsministerin Paulette Lenert (beide LSAP) stellten das Pilotprojekt 2021 vor, seit April 2022 läuft es, vorerst ohne gesetzlichen Rahmen. Mittlerweile nehmen acht Organisationen daran teil: MDM, die Jugend- an Drogenhëllef, die Stëmm vun der Strooss, das Rote Kreuz, Hut, Inter-Actions, CNDS-Abrigado und das Planning Familial.

Um von der CUSS profitieren zu können, müssen Erwachsene ihre Identität nachweisen können, und dass sie sich mindestens drei Monate in Luxemburg aufhalten; weder Anrecht auf Versicherung anderswo noch ein Einkommen haben und sich damit einverstanden erklären, einmal im Monat bei einer Sozialarbeiterin vorstellig zu werden. Allein ein Dokument mit ihrem Namen darauf vorzuzeigen, ist für viele dieser Menschen eine Herausforderung. Derzeit sind 138 Menschen über die CUSS an die CNS gebunden. Das Budget der Sozialmedizin steigt derweilen: Während 2017 975 000 Euro in die Notfallversorgung von Unversicherten in den Krankenhäusern flossen, waren es 2022 2,3 Millionen und vergangenes Jahr 3,5 Millionen Euro.

Die acht Vereinigungen begrüßen das Pilotprojekt – nennen es jedoch „fragil“ und verbesserungsbedürftig. In der Praxis scheitert seine Ausweitung unter anderem an Personalmangel. Außerdem obliegt es Sozialarbeiter/innen, ethische Entscheidungen zu treffen, die ihnen schwerfallen: Wer mehr krank sei, wer nun die CUSS bekommen könne. „Es ist nicht an uns, diese Entscheidungen zu treffen“, sagt Flavia Morais, Sozialarbeiterin bei den MDM. Momentan stehen etwa zehn Menschen auf der Warteliste der MDM, um über die CUSS versichert zu werden. Eine weitere Schwierigkeit liegt für die Assoziationen in den drei Monaten Karenzzeit, die bei der CUSS anfallen. Diese Monate werden den Organisationen nicht sofort zurückgezahlt, was eine finanzielle Belastung zur Folge hat. Hierfür sei eine Lösung gefunden worden, sagte Martine Deprez vergangenes Jahr in der Abgeordnetenkammer. Trotzdem herrscht derzeit eine Art Stillstand um das Projekt.

Besonders dringlich erschien die CUSS politisch niemandem, auch wenn Sozialminister Claude Haagen 2022 am Rednerpult des Parlamentes sagte, Luxemburg könne „ganz houfreg“ darauf sein. Die LSAP-Gesundheitsministerin Lydia Mutsch ließ sich 2017 zur Aussage hinreißen, dass man das Budget für Sozialmedizin und somit auch eventuelle Überlegungen zur CUSS nicht an die große Glocke hängen wolle, da sich sonst der Eindruck eines zweiten Weges in die Krankenversicherung einstellen könne. Der Regierungswechsel 2023 half dahingehend wenig. Obwohl die CUSS weiter im Koalitionsabkommen steht, lässt die Evaluierung des Projektes durch PWC auf sich warten. Gesundheitsministerin Martine Deprez kündigte sie nun für das erste Quartal dieses Jahres an – erst danach kann die Arbeit für den Gesetzentwurf beginnen, der die genauen Kriterien legal festlegen wird. Ehrenamtliche befürworten eine legale Basis für die CUSS – warnen jedoch davor, die Kriterien zu restriktiv zu gestalten.

Im Ausland sieht es nicht wesentlich besser aus. In Deutschland werden Menschen ohne Krankenversicherung und ohne Papiere (unter anderem Asylsuchende ohne Aufenthaltserlaubnis) nur in akuten oder lebensbedrohlichen Situation im Krankenhaus versorgt; ihre Behandlung erfolgt generell in humanitären, ehrenamtlichen Parallelstrukturen. In Frankreich gibt es die sogenannte Aide médicale de l’État (AME), die Ausländern „en situation irrégulaire“ ein Jahr Zugang zu Gesundheitsleistungen bietet. In Belgien existiert die Aide médicale urgente (AMU), die eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Als unkomplizierte, universelle Grundversorgung kann man sie jedoch nicht bezeichnen.

Im Wartesaal der MDM stellt sich Ivano vor, ein jovialer 66-jähriger Venezolaner, der auch italienischer Staatsbürger ist. „Ja, aus dem Land, in dem der ganze Quatsch gerade geschieht“, sagt er und zeigt auf sein Handy. Er spricht gebrochenes Französisch, hat wenig Zähne im Mund. Ivano ist eigentlich Koch und arbeitete auf Schiffen und in Restaurants. Zuletzt lebte er in Spanien, wo er obdachlos wurde. 2024 kam er nach Luxemburg. Auch er schläft in der WAK. „Ich will einen Neuanfang und eine Wohnung finden.“ Er ist Diabetiker und hat Schwierigkeiten, zu laufen. Familie hat er hier keine, seine Geschwister leben in Südamerika und in Kanada. „Mental, c’est cassé“, sagt er, doch Gott begleite ihn. Er sei nie allein.

Ressentiments bei den Patienten gegenüber von anderen Ausländern gibt es an diesem Montag reichlich zu spüren. Sie rangieren von einem Gefühl der ungerechten Behandlung zu offen ausgetragenem Rassismus gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Es kommt durchaus ab und zu zu aggressivem Verhalten, das sich manchmal bereits in der WAK ankündigt, erklären Ehrenamtliche. Manche meiden die Wanteraktioun, weil sie dort schlechte Erfahrungen gemacht haben, und suchen sich andere Orte zum Übernachten.(Eine Forderung der MDM ist, die Unterkunft das ganze Jahr über anzubieten.)

„Es gibt junge Menschen, die herkommen und Benzodiazepine (Medikamente gegen Angststörungen und Beruhigungsmittel wie Xanax, Valium oder Temesta, Anm.d.Red) wollen. Das bekommen sie hier nicht und das hat sich herumgesprochen“, sagt Adrienne Franck. Sie ist seit achteinhalb Jahren bei den MDM engagiert, kommt ein- bis zweimal die Woche her und arbeitet sowohl am Empfang als auch als Krankenschwester. Sie erzählt, mit manchen Menschen, die öfter wiederkommen, stelle sich eine Verbindung her. Wenn sie sich in der Stadt zufällig treffen, unterhalten sie sich miteinander. „Das hilft ihrem Selbstwert, nicht völlig anonym zu sein, sondern andere zu kennen. Denn für die Gesellschaft existieren sie nicht.“ Ihr Hauptstress drehe sich darum, wo sie abends schlafen werden – dicht gefolgt von den multiplen gesundheitlichen Problemen.

Nach längerer Zeit auf der Straße stellen sich bei Obdachlosen öfter Zahnprobleme, Atemwegserkrankungen, psychische Probleme und verschleppte, chronisch werdende Beschwerden ein. „Es gibt seit 2024 mehr neue Patienten, deren Lebenssituation sich nicht mehr verbessert“, sagt Michel Genet, der seit anderthalb Jahren Direktor von MDM ist. Bernard Thill, langjähriger Präsident der Organisation, erzählt im Gespräch mit dem Land von einer rumänischen Frau Anfang 60, die seit mindestens drei Jahren Brustkrebs und einen Tumorkrater hatte. Nachdem sie in der Maison Escale in Esch/Alzette – einem Ort, an dem zehn Betten für schwerkranke Menschen ohne Versicherung bereitstehen – behandelt wurde, musste sie zurück ins Krankenhaus. „Es waren Zustände mit Eiter, die man in der westlichen Welt so nicht mehr sieht. Muss es so weit kommen, bis unsere Gesellschaft wach wird?“

Es ist bereits Viertel vor eins in Bonneweg, die Sprechstunde eigentlich vorbei. Es sitzen noch zwei Patienten im Wartesaal. Ivano kommt aus dem Behandlungszimmer, zieht seine Mütze an und verschwindet in die Kälte. Jos Schlink, Allgemeinmediziner mit kariertem Hemd und Brille, sitzt am Tisch. Er ist dafür bekannt, sich Zeit zu nehmen. Er faltet die Hände im Schoß zusammen. Schlink arbeitete 25 Jahre lang im Gefängnis. Er ist vier Tage in der Woche an verschiedenen Orten im Einsatz, erzählt er: in der WAK, für die Croix-Rouge, im Abrigado, bei MDM. „Es ist nicht nur, um weiter Arzt zu sein. Es geht darum, den Leuten Menschlichkeit zu geben, in Kontakt mit ihnen zu sein.“

Ein Steinwurf vom Sprechzimmer der MDM entfernt, vor dem Abrigado, sind am frühen Nachmittag lediglich zwei Menschen zu sehen, einer liegt im Schlafsack auf dem Boden, der andere schaut neben ihm in die Leere. Die Tram zischt vorbei in Richtung Stadt.

Note de bas de page

Sarah Pepin
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