Der Internetpionier Marco Houwen hat nach einer Sinnkrise den Weg zum Coach eingeschlagen – heute lässt er sich, ähnlich wie einst Steve Jobs, von östlicher Spiritualität leiten

Tech-Zen

Marco Houwen im House of Startups
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2025

Eine „enorme Unsicherheit“ sei durch das KI-Aufkommen ausgelöst worden, sagt Marco Houwen, Tech-Unternehmer und Coach. „Software
entwickler wollen herausfinden, worin ihr Mehrwert gegenüber Claude Sonnet und Konsorten liegt.“ Entsprechend lasse sich eine steigende Nachfrage nach Unternehmenscoaching und Beratung beobachten. Aber nicht nur Unternehmen erlebten eine Identitätskrise, sondern die gesamte Menschheit, so Marco Houwen. „Wer sind wir?“ Unsere kognitiven Fähigkeiten würden infrage gestellt. Niemand wisse, wohin die Reise der Menschheit gehe. Hinzu kämen Unsicherheiten an den Kapitalmärkten, die sich zunehmend von der Realökonomie entkoppelt wären – „was passiert da?“. Nächstes Jahr könne es so weiterlaufen wie bisher, es könne aber auch „the godmother aller Wirtschaftskrisen drohen“.

Marco Houwen wirkt für einen Luxemburger recht amerikanisch. Er geht offen auf Menschen zu, lacht viel und wirbelt amerikanische Idiome durch die Luft. Zusammen mit Xavier Buck (Datacenter.eu) und Patrick Kersten (atHome, Doctena) gehört er zu den Internetpionieren der Nullerjahre. 2001 gründete Houwen unter anderem die LuxCloud-Gesellschaft und steht bis heute an der Spitze von EuroDNS, einem Unternehmen, das Domainnamen verwaltet. Sein berufliches Zuhause war lange Zeit der Internethandel und das Cloud Computing. „2017 habe ich festgestellt, dass mich mein Unternehmerleben nicht mehr befriedigte; ich sah keinen Sinn mehr in meinem Handeln“, sagt er diesen Dienstag im House of Startups im Bahnhofviertel. Zwar habe ihm sein Umfeld gratuliert – „super, wat‘s de alles geleescht hues“ –, doch innerlich habe er sich leer gefühlt. Der Wendepunkt kam nach der Teilnahme an einem Workshop des amerikanischen Life-Coachs Anthony Robbins, Autor von Bestsellern wie Life Force: Steigern Sie Ihre Energie, Kraft und Vitalität. Daraufhin habe eine „Suche nach Meaning“ begonnen. So sei Zentrapreneur, sein Coachingunternehmen, entstanden.

Zentrapreneur bietet verschiedene Module an. „Growth Identity“ richte sich vor allem an Unternehmen. Im Zentrum stehe dabei die Frage: „Wer sind wir als Firma? Und welche Werte vertreten wir?“ Der Hauptkontakt laufe meist über die Unternehmensleitung. „De Manager brauch net vill ze maan, e muss just selwer prett sinn, fir sech a Fro ze stellen“, erläutert Houwen. Erst dann sei der Weg frei für weitere Fragen: Was können wir anders machen? Was kann ich anders machen? Wer in einem Unternehmen eine aufeinander abgestimmte Arbeitskraft haben will, müsse in der Lage sein, Vertrauen zu schaffen und keine Fehler zu vertuschen. Für Gesprächsstoff sorgen derweil auch die Gen Z und die Millennials, die eine andere Arbeitsmentalität in Unternehmen einbringen. Die jüngere Generation suche nach „Purpose“. Wer heute Mitarbeitende einstellt, müsse auf die Frage antworten können: „Why do I do what I do beyond money?“ Nur so könne ein Großteil der Gen-Z-Arbeitnehmenr motiviert werden, sagt Houwen. Diese identifizierten sich stärker mit dem Impact ihrer Arbeit als frühere Generationen.

Der Fordismus mit seinem Führungsmodell, das auf nicht zu hinterfragenden Anweisungen basierte, gehört der Vergangenheit an. Das „partizipative“ Management hat offen disziplinierende Vorgehensweisen abgelöst. Soziologen wie Alain Ehrenberg sehen darin den Geist der 68er-Bewegung, der sich in Managementeffizienz verwandelt habe. Als das Land vor zehn Jahren die Berater des Change-Management-Unternehmens Mindforest interviewte, blühte diese Entwicklung hierzulande. Ein unzufriedener Arbeiter sei weniger produktiv und häufiger krank: „Wenn man richtig rechnet“, sei ein zu hoher Druck am Arbeitsplatz „defizitär“, sagte Guy Kerger von Mindforest. Marco Houwen warnt seinerseits vor dem Verlust von Arbeitskräften: „Mitarbeitende, die sich am Arbeitsplatz nicht wohlfühlen, schauen sich rasch anderswo um.“

Der Name von Marco Houwens Coaching-Unternehmen enthält eine Anspielung auf den Zen-Buddhismus. Auf seiner Internetseite spricht er von einer Expertise des „menschlichen Bewusstseins“ und davon, dass Unternehmer ihre „Führungsqualitäten verändern“ können, indem sie ihre „kognitive und spirituelle Intelligenz“ in Einklang bringen. Was meint er damit? Spirituelle Intelligenz bedeute für ihn, durch Empathie Freude zu schaffen – „nicht immer im Kopf zu sein, sondern auch im Herzen“. Das Transzendente spiele in seiner Arbeit nicht unbedingt eine Rolle. Für ihn sei jedoch klar: Wer an eine sich selbst übersteigende Dimension im Leben glaube – und wer überhaupt an etwas glaube –, habe mehr Kraft; fühle sich getragen. Seinen Kunden rate er zu Dankbarkeitsübungen und zur Meditation. „Letzteres kann auch in Form eines Spaziergangs geschehen; jeder soll seine Methode finden, um seinen Geist zu beruhigen.“ Er selbst nimmt an Meditationsseminaren teil und lese zudem gelegentlich in der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus, die zwischen dem fünften und ersten Jahrhundert vor Christus entstanden ist. Auch die Lektüre von Autobiography of a Yogi von Paramahansa Yogananda habe ihm zugesagt. Der Guru Yogananda hat den auf Meditation und Atemtechniken ausgerichteten Kriya Yoga zunächst an der amerikanischen Westküste popularisiert. „An Steve Jobs’ Begräbnis wurde das Buch an die Anwesenden verteilt“, unterstreicht Houwen.

Tatsächlich begann sich Steve Jobs bereits in den 1970er-Jahren mit östlicher Spiritualität auseinanderzusetzen und bezeichnete Autobiography of a Yogi zeitweise als eine der wichtigsten Lektüren seines Lebens. 1974 reiste er nach Indien, besuchte Ashrams und meditierte. Später wandte er sich dem Zen-Buddhismus zu, der die Designästhetik von Apple beeinflusst haben soll – minimalistisch und intuitiv bedienbar. In den Nullerjahren war Meditation im Silicon Valley weit verbreitet; Twitter-Gründer Jack Dorsey nahm regelmäßig an Vipassana-Schweigeretreats teil. Salesforce-CEO Marc Benioff sucht seinerseits spirituelle Lehrer in Indien auf und glaubt an die Bedeutung achtsamer Führungsqualitäten. Tech-Unternehmen wie Google, Apple und Facebook bieten Meditationsprogramme für ihre Mitarbeitenden an. Ein Trend, den der Managementprofessor Ronald Purser „McMindfulness“ nennt: eine Entpolitisierung von Herausforderungen am Arbeitsplatz. Statt toxische Unternehmenskulturen und soziale Ungleichheit zu verändern, würden gestresste Mitarbeitende in den Meditationsraum geschickt. Derweil wird dieser spirituelle Trend jedoch zunehmend von weit düsteren Narrativen in der Tech-Branche abgelöst. Peter Thiel warnte diesen Herbst in seiner Vortragsreihe vor einem nahenden Weltuntergang und dem Antichristen, der sich seiner Ansicht nach in der Person der Klimaaktivistin Greta Thunberg manifestiere.

Im katholischen Europa haben Achtsamkeitstechniken in Unternehmen nie wirklich Fuß gefasst. Vermutlich aufgrund stärkerer Arbeitnehmerrechte und einer Säkularisierungsgeschichte, die mit einer ausgeprägt antireligiösen Mentalität verbunden war. Etwas mehr Raum für spirituelle Experimentierfreude findet sich in protestantisch geprägten Ländern wie Skandinavien, den Niederlanden und der Schweiz. Auch diese Länder sind stark säkularisiert, haben jedoch andere spirituelle Freiräume geschaffen. Einen fruchtbaren Boden für meditative Praktiken dürfte zudem das protestantische Ideal der direkten Gottesbeziehung ohne kirchliche Vermittlung sowie die Betonung der inneren Erfahrung bereitet haben. Hinzu kommt die seit Max Webers veröffentlichtem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus verbreitete Annahme, dass Fleiß, Selbstdisziplin und persönliche Verantwortung in (ehemals) protestantischen Gebieten einen höheren Stellenwert besitzen.

Marco Houwen ist auf einem Bauernhof aufgewachsen; sein Vater war Landwirt, seine Mutter Lehrerin „und sehr gläubig“. Der luxemburgische Katholizismus habe ihn in Kindheit und Jugend geprägt. Heute sieht der Tech-Unternehmer in institutionalisierter Religion jedoch einen Machtapparat. Ein anderes Lebensthema habe ihn in jungen Jahren stärker beschäftigt. „Als Unternehmer wollte ich vor allem meinem Vater etwas beweisen.“ Der Coach meint, viele Unternehmer suchten zu Beginn ihrer Laufbahn Anerkennung von außen, etwa bei ihren Eltern oder im Bekanntenkreis; sie seien mitunter Getriebene. Der Wunsch nach Anerkennung sei in Arbeitsumfeldern generell vorhanden, könne bei Selbstständigen jedoch eine „extreme Form“ annehmen. Er habe zudem festgestellt, dass häufig das Bild vermittelt werde, Unternehmer seien ihre eigenen Chefs und könnten ihre Ideen frei umsetzen – „dat ass dat, wat gezielt gëtt“, und durch Instagram habe sich diese „shiny Erzählung“ noch verstärkt. Tatsächlich sei es aber oft so, dass man morgens mit einem Kopf voller Fragen aufwache: „Wie löse ich dieses Problem? Klappt das?“ Ob jemand Erfolg habe, hänge zudem stark von Zufällen ab – „do ass vill Randomness am Spill“. Mittlerweile habe er erkannt, dass es im Leben nicht (nur) auf Erfolg ankomme, sondern auf Beziehungen.

Dass unterstützende soziale Beziehungen maßgeblich zur Lebenszufriedenheit beitragen, hat der Harvard-Psychiater Robert Waldinger in seiner seit 85 Jahren laufenden Studie, an der rund 2 000 Personen teilgenommen haben, umfassend untersucht. Houwens Vermutung, wonach die Suche nach (väterlicher) Anerkennung ein zentraler Leistungsantrieb von Unternehmern sei, lässt sich empirisch jedoch nicht unmittelbar bestätigen. Der Ökonom Marcin Staniewski von der Universität Warschau konnte zumindest keine Korrelation zwischen unternehmerischem Erfolg und elterlichem Erziehungsstil und Ansprüchen feststellen. Der Silicon-Valley-Mindfulness-Diskurs legt überdies nahe, dass Führungspersonen in Unternehmen besonders stark unter Stress leiden. Berufliche Unzufriedenheit dürfte sie jedoch weniger belasten, denn laut Waldinger korreliert diese stark mit sozialer Isolation: Darunter fallen etwa Lastwagenfahrer und Nachtwächter sowie Plattformarbeiterinnen, die Pakete oder Essen ausliefern und rechtlich gesehen keine Kolleginnen und Kollegen haben. Unklare Anweisungen und geringe Gestaltungsmöglichkeiten können ebenfalls Auslöser für Stress am Arbeitsplatz sein. Manager hingegen verfügen in der Regel über ein höheres Maß an Kontrolle über ihren Tagesablauf.

Um Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufzubauen, arbeitet auch Marco Houwen – wie viele Lebensberater – mit Testimonials auf seiner Internetseite. Dort erfährt man, dass zumindest Sylvain Chery, Softwareentwickler und ESG-Entrepreneur, Houwens neue Rolle schätzt: „Nach dem Austausch mit Marco fühle ich mich in meiner Führungsrolle gestärkt.“ Er könne nun andere dafür begeistern, „eine wünschenswerte Zukunft zu gestalten“. Der Informatiker und Gründer von Meaningfy, Eugeniu Costetchi, urteilt: Das Inspire-First-Programm sei für sein „gesamtes Team eine Offenbarung“ gewesen und habe „nicht nur die Gesamtproduktivität gesteigert, sondern auch eine mitfühlendere und innovativere Unternehmenskultur gefördert“. Positiv äußert sich zudem Claude Bizjak in seiner Funktion als Direktor der Konföderation von Dienstleistungsgesellschaften. Negative Kritik lassen sich auf Testimonialsseiten naturgemäß nicht finden; sie sind auf Zuspruch ausgerichtet.

Coaching basiere oft auf „Omas Weisheiten“, meint Houwen; es gebe keine Wunderratschläge, vielmehr orientiere man sich häufig am „common sense“. Das Problem mit dem gesunden Menschenverstand sei jedoch, „that it is not so common at all“. Man lasse sich zu oft von seinen Affekten überwältigen und tue dann das, was man eigentlich nicht tun wolle – „als Chef zum Beispiel herumschreien“. Im Coaching gehe es darum, schlechte Gewohnheiten abzulegen und bessere anzutrainieren. Aber wie viel Kontrolle haben ein Chef und seine Mitarbeitenden überhaupt? Im Verlauf des Gesprächs kam Houwen auf die Angst vor einer Wirtschaftskrise zu sprechen, die derzeit um sich greife. Der Markt schwanke stark, und durch die Konkurrenz kann der Absatz des eigenen Produkts plötzlich einbrechen. Dass externe Umstände das eigene Leben beeinflussen, wolle er nicht bestreiten, sagt Houwen. Doch der Luxemburger, der schon länger in einem amerikanischen Optimismus schwimmt und sich vermeintliche östliche Gelassenheit antrainiert hat, meint: „Man hat Einfluss darauf, wie man Ereignisse interpretiert und darauf reagiert.“

 

Überangebot

Wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz kann sich auch in Luxemburg grundsätzlich jeder als Coach bezeichnen, ohne eine bestimmte Ausbildung oder Zertifizierung nachweisen zu müssen. Als Plattform zur Bündelung von Coaches fungiert vor allem der luxemburgische Ableger der Internationalen Coaching Föderation mit Sitz in Leudelingen. Allerdings hat sie in diesem Jahr nur eine Konferenz organisiert; ihre Aktivitäten scheinen inzwischen eingeschlafen. Am Telefon nennt man allerdings die Zahl von immerhin 90 Mitgliedern. CoachDynamix gibt an, „Luxemburgs führendes Coaching-Unternehmen“ zu sein. Es sei darauf spezialisiert, Talente „zu fördern, weiterzuentwickeln und zu maximieren“. Das Unternehmen beschäftigt zwei Vollzeitmitarbeiter und erzielte 2024 einen Gewinn von fast 11 000 Euro. Auf Doctena sind ebenfalls zahlreiche Lebenscoaches gelistet. So verspricht ein Anbieter aus Ettelbrück, dass seine Deep-Sense-Care-Methode „holistisches Coaching für Expatriates und Familien“ bietet, während eine Frau aus Diekirch schreibt: „Hallo, ich würde Sie gerne dabei unterstützen, das Leben zu führen, das Sie sich wünschen und auch verdienen.“ Mittlerweile werden bestimmte Coaching-Angebote über Internetplattformen europaweit angeboten. Auf superprof.lu bietet beispielsweise Nora (ohne Nachnamen) Coaching für 60 Euro pro Stunde an. Sie gibt an, zehn Jahre „Erfahrung als Anwältin im Finanzwesen, im Projektmanagement und als Senior Managerin“ gesammelt zu haben. Nachweise zu ihrer Berufserfahrung liegen jedoch nicht vor. Etwas ausgefallener wird es seit diesem Sommer beim Pferdecoaching in Kehlen. Über den Kontakt mit Pferden soll die Gruppendynamik und Kommunikation im Unternehmen gestärkt werden, erklärten Christine Hansen und Anne Ludovicy im L’Essentiel.

Stéphanie Majerus
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