Die Alphabetisierung auf Französisch steht ins Haus. Diese Woche machte Bildungsminister Claude Meisch das dem Lehrpersonal und der Öffentlichkeit schmackhaft

„Dir sidd Pionéier!“

Am Dienstag In der Deich-Schule in Düdelingen, eine der vier Pilotschulen
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 21.11.2025

Am Dienstagnachmittag ist der Saal im Forum Geeseknäppchen brechend voll. DP-Bildungsminister Claude Meisch hat zur nationalen „Journée Alpha“ geladen. Um die 500 Vorschullehrerinnen sind anwesend, Männer kann man im Publikum an zwei Händen abzählen. In der Spillschoul wird zwar noch nicht alphabetisiert, doch die ersten beiden Jahre werden für die Orientierung des Schriftspracherwerbs entscheidend ein. „Dir sidd Pionéier!“, erklärt Claude Meisch den Anwesenden. Das Lehrpersonal durchläuft derzeit Weiterbildungen, denn im Laufe des zweiten Spillschoul-Jahres müssen sie Empfehlungen geben, wie das Kind alphabetisiert werden soll. Die Entscheidung treffen letztlich die Eltern.

Damit bereitet sich die Grundschule derzeit auf die größte Reform seit 2009 vor. Was als Pilotprojekt in vier Schulen mit sozioökonomisch eher schwachem Profil begann, wird generalisiert: Ab der Rentrée 26/27 wird die Möglichkeit der Alphabetisierung auf Französisch schrittweise landesweit eingeführt, angefangen mit der Orientierung im Cycle 1.2. Zur Rentrée 31/32 soll die Einführung für den Cycle 4 abgeschlossen sein.

Nach einer Begrüßung durch Claude Meisch übernimmt Marc Schmit, Direktor des Centre de logopédie, im Forum das Wort. In seinem Vortrag geht er auf die Phonem-Graphem-Korrespondenz ein, also wie Laute und Schrift übereinstimmen. Es ist etwas leichter auf Deutsch Lesen und Schreiben zu lernen, da die Sprache transparenter ist – das bedeutet, dass vieles so geschrieben wird, wie man es ausspricht. Französisch ist undurchsichtiger. Schmit referiert auch über Transfereffekte, also die Brückenfunktion beim Erlernen von Sprachen. Sie sind erwiesen – je mehr lautsprachliche Kompetenzen ein Kind in einer Sprache hat, desto einfacher wird die Alphabetisierung in dieser Sprache, sprich in einer ihr verwandten Sprache. Es komme demzufolge zu einer „kognitiven Entlastung“, sagt Marc Schmit.

Ein Gefälle zeichnet sich zwischen den urbanen Zentren und den ländlichen Gegenden ab: Während in einer Gemeinde wie Hosingen wahrscheinlich lediglich ein Viertel der Schüler/innen auf Französisch Lesen und Schreiben lernen werden, dürfte es in der Hauptstadt, in Esch/Alzette oder Düdelingen mehr als die Hälfte oder drei Viertel sein. Die Angst vor einer Zersplitterung der Klassen weist der Minister mit dem Argument ab, dass die Kinder lediglich für die Sprach- und Mathematikkurse getrennt werden. Die Logistik stellt die Gemeinden jedoch vor Herausforderungen: Vor allem für kleinere Schulen, die weniger Ressourcen zur Verfügung haben, fehlt es an Platz. Das Bildungsministerium rechnet mit 150 Lehrkräften, die bis 2031 zusätzlich eingestellt werden müssen – ebenso wie die gleiche Anzahl an zusätzlichen Klassensälen.

Ein Drittel der Schüler/innen spricht gar keine mit den Landessprachen verwandte Sprache zuhause. Wie alphabetisiert man einen Schüler, der Amharisch, Finnisch, Chinesisch, Serbokroatisch spricht? Das Familienumfeld und die Kompetenzen müssten genau geprüft werden, um zu orientieren, ebenso wie die Familienplanung, etwa mögliche Umzüge, lautet die Vorgabe an die Lehrer/innen. Und die englischsprachigen Kinder? Marc Schmidt erklärt, da sei Deutsch oft die bessere Option. Die Orientierung, das soll den Eltern klar werden, müsse gut überlegt sein – Wechsel in die andere Filiale sollen die Ausnahme bleiben.

Politisch schlug Claude Meisch in diesem Dossier nur von der ADR Gegenwind entgegen. Fred Keup regte sich in den Bildungsausschüssen auf, Luxemburger würden in ihrem eigenen Land benachteiligt, „fir d’Saach mam Numm ze nennen“. Er sei überzeugt davon: Wenn es ein Referendum gäbe, würde das Resultat 80/20 ausfallen. Die CSV, die zwischen 2013 und 2023 in der Opposition gegen Meischs Politik stänkerte, ist in der Regierung – und trägt diese Reform mit. Die LSAP fährt in bildungspolitischen Dossiers den Kuschelkurs, immerhin würde man 2028 gerne wieder Teil der Regierung sein. Déi Lénk sind einverstanden mit der Reform, es gehe „in die richtige Richtung“; und die Grünen freuen sich über mehr Bildungsgerechtigkeit. Statt kritische Impulse im Sinne jener, die zuhause Luxemburgisch oder Deutsch sprechen, völlig der ADR zu überlassen, trat die Abgeordnete Djuna Bernard (Grüne) am Mittwochnachmittag ans Rednerpult des Parlaments: „Wenn wir den nicht-germanophonen Schüler/innen Steine aus dem Weg räumen, dann vielleicht auch den deutschsprachigen? Indem wir etwa eine deutschsprachige Filiale in der Sekundarschule einführen.“ Es handle sich um ein logische Konsequenz der Reformen, sagte die Politikerin. Insbesondere im Classique erfolgt in der Quatrième in den Nebenfächern der Sprachenwechsel von Deutsch auf Französisch, ein Wechsel, mit dem sich viele deutsch- und luxemburgischsprachige Schüler/innen schwertun. Meisch hatte keine abschließende Antwort hierauf. Er erwähnte die Möglichkeit eines Pilotprojekts, ebenso wie die Idee, Schüler die Unterrichtssprache in den Nebenfächern wählen zu lassen.

Erklärtes Ziel des Projektes Alpha ist mehr Bildungsgerechtigkeit. Im Jahr vor dem Wechsel in die Sekundarschule (Cycle 4.2) sollen die Kinder in den Sprachkursen wieder gemeinsam unterrichtet werden. Eine Reihe Fragen stellen sich zu den Auswirkungen auf das Bildungssystem, allen voran auf die Sprachkompetenzen. Auf den Fahnen des Projekts steht die Erhaltung der Dreisprachigkeit als „Fundament des luxemburgischen Schulsystems“. Wird es möglich sein, für auf Französisch alphabetisierte Kinder ein ähnliches Deutsch-Niveau zu erreichen als vorher? Es werde schwierig, meint Marc Schmit, aber man könne dann in den Sekundarschulen reagieren.

Die Gewerkschaften sind ebenfalls grundsätzlich einverstanden mit der Reform, machen sich jedoch in ihren Stellungnahmen Sorgen über den Gesetzentwurf in seiner aktuellen Form. Patrick Remakel vom SNE findet, es sei nicht der richtige Zeitpunkt. Er warnt vor übermüdetem Personal, das nun noch mehr Arbeitslast schultern muss. Man hätte abwarten müssen, bis die Pilotklassen das Cycle 4 abgeschlossen hätten, so das SNE. Das SEW sieht in der französischen Alphabetisierung eine Hilfe für „einen Teil der mittel- und gutsituierten franko- und lusophonen Schüler/innen“, kritisiert jedoch ebenfalls die schnelle Einführung und den Ressourcenmangel.

Das Lehrpersonal wirkt insgesamt nicht völlig abgeneigt. Skepsis gibt es dennoch, denn es sei Neuland für alle, berichtet Marc Schmit. „Jeder muss nun einen Prozess für sich absolvieren.“ Im Gespräch mit dem Land nennen Grundschullehrer/innen quer durchs Land Alpha eine „große Herausforderung“: Angefangen bei den Elterngesprächen und den Sorgen der Eltern. (Die drehen sich verständlicherweise vor allem darum, dass sie ihrem Kind nicht bei den Hausaufgaben helfen können, wenn sie die Sprache nicht verstehen.) Besorgt ist das Lehrpersonal ebenfalls über die höhere Arbeitslast. Positiv sieht es die Möglichkeit, den Kindern entgegen zu kommen – und dass Luxemburgisch nun in den Nebenfächern seinen Platz gefunden hat. Die Weiterbildungen sind nicht obligatorisch, stoßen jedoch auf reges Interesse. Bisher gab es laut Bildungsministerium insgesamt 5 145 Einschreibungen. Weitere parcours de formation ebenso wie Hospitanzen in den Pilotklassen laufen.

Am Mittwochmorgen stand der Minister dann der Bevölkerung auf Primetime RTL Rede und Antwort. Warum man nicht länger auf die Evaluierung der Pilotprojekte warte, fragt eine Zuhörerin. Meisch zeigt sich resolut: „Wei laang solle mer nach waarden?“ Das Angebot in der öffentlichen Schule zu verankern, könnte aber auch einen Effekt auf jene Expats haben, die ihre Kinder bisher in Privatschulen oder europäischen internationalen Schulen eingeschult haben. In der Hauptstadt wandert in manchen Vierteln ein Drittel der Schüler in die Privatschulen ab; in Speckgürtel-Gemeinden wie Strassen liegt dieser Prozentsatz stetig zwischen einem Viertel und einem Drittel.

Für die Kinder, sagt eine Verantwortliche aus dem Pilotprojekt der Deich-Schule in Düdelingen, sei die Aufteilung im Sprachenunterricht übrigens normal. Sie stellen sie nicht infrage – sie kennen nichts anderes.

Sarah Pepin
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