Qais isst ein Paratha im Bahnhofsviertel – etwas langsamer, weil er es gewohnt ist, nur mit der rechten Hand zu essen. Als die Taliban im August 2021 nach Kabul marschierten, entschloss er sich zur Flucht. „Ich stand der Regierung nahe, gab an Samstagen Kickboxingtraining an der Polizeischule“, sagt der 28-Jährige. An den Wochentagen studierte er Agrarwissenschaften an der Universität Kabul. Außerdem habe es Konflikte in der Familie gegeben: Sein Vater stammt aus der Bevölkerungsgruppe der mehrheitlich Persisch sprechenden Tadschiken, seine Mutter aus der Gruppe der Paschtunen, deren Bruder sich den Taliban anschloss. Seine Familie trug Geld zusammen, um die Flucht über den Iran und die Türkei zu finanzieren. „Den Großteil der Strecke sind wir zu Fuß gelaufen.“ Für den Grenzübertritt saßen sie in einem Lastwagen. Er zeigt ein Foto von sich, zusammengedrängt mit anderen auf der überfüllten Ladefläche. Darauf trägt er einen für Südasien typischen Shalwar Kameez. Heute trägt er ein weißes T-Shirt und eine weiße Sommerhose. In der Türkei wurden sie aufgehalten. „Auf der Flucht erreicht man irgendwann einen Punkt jenseits von Angst und Schmerz“, sagt Qais.
Letzte Woche feierten die Taliban ihren fünften Jahrestag, fuhren mit von westlichen Streitkräften zurückgelassenen Militärfahrzeugen im Konvoi, schwenkten die Flaggen ihrer Regierung vor der ehemaligen US-Botschaft, wie die AFP berichtete. Seit fünf Jahren rächen sie sich gnadenlos an früheren Polizeioffiziers, Menschenrechtsanwälten, Journalist/innen, Frauenrechtlerinnen und Wortführern ethnischer Minderheiten, wie der Krisenreporter Christoph Reuter im Spiegel schreibt.
Im August 2021 gingen Bilder von verzweifelten Afghanen, die sich in Kabul an Militärflugzeuge klammerten, um die Welt – knapp 20 Jahre nachdem die USA ihren „War on Terror“ ausriefen und eine Militärintervention initiierten, um das Taliban-Regime zu stürzen, das Osama Bin Laden Unterschlupf gewährt hatte. Ein Bin Laden, dessen Familie in Saudi-Arabien durch ein von Petrodollars finanziertes Bauunternehmen reich wurde, und der in den 1980er-Jahren im Zuge des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan eine von der CIA geförderten Mudschaheddin-Gruppe unterstützte.
2003 übernahm eine sogenannte Stabilisierungstruppe unter Nato-Kommando die Verantwortung. Ab Juni wurden auch die ersten luxemburgischen Soldaten eingeflogen. Bis Mai 2021 sollten es 333 Soldat/innen werden: Wenngleich auf 18 Jahre verteilt, sind das viele – die hiesige Armee zählt nur 800 Militärs. Damit wurde der Afghanistan-Einsatz zur bisher längsten und teuersten Militärbeteiligung Luxemburgs. Als Teil einer belgischen Einheit bewachten die Soldaten den Kabuler Flughafen und gewährten ausländischen Politikern Geleitschutz. Ein ehemaliger Soldat erinnert sich: „Wir fühlten uns ständig einem unsichtbaren Feind gegenüber.“ Kabuls Flughafen liegt vor einer Bergkette, die dem Gegner den Raketenbeschuss erleichtert.
Qais, der 1998 geboren wurde, sagt: „Seit ich mich erinnern kann, waren Soldaten in Kabul.“ Alliierte Soldaten und jene der afghanischen Armee. „Sie standen in Kreisverkehren, fuhren in Humvees durch die Gegend, manchmal verteilten sie Kaugummis und Schokolade. Ich habe nie mit ihnen gesprochen, weil sie meistens nur die Straße überquerten“, erinnert er sich. Er habe zudem Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass nicht alle Nato-Soldaten US-Amerikaner sind. Eher habe man der afghanische Regierungsarmee vertraut. Es war sie, die im November 2020 an der Fakultät für öffentliche Verwaltung an der Universität Kabul intervenierte, als die Fakultät von den Taliban angegriffen wurde und es zu einer Explosion und Schüssen kam. „Die Hausmeister dachten, die Kämpfe würden draußen stattfinden, deshalb haben sie uns zunächst eingesperrt“, erinnert sich der frühere Landbau-Student. Aus der Distanz sind die Geschehnisse nicht überprüfbar.
Beobachter wie der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze schätzten das Vorhaben, in Afghanistan eine demokratische Republik nach westlichem Vorbild zu forcieren, schon früh als unrealistisch ein. Falls das Ziel je ernsthaft verfolgt wurde. Gegenüber dem Land bekräftigte Schulze diese Woche: „Demokratien sind keine Selbstläufer. Sie sind keine bürokratischen Verwaltungen, sondern beruhen auf Partizipation, Debatte und Anerkennung und müssen in soziale Welten eingebettet sein.“ Da dieser Einbettung keine besondere Beachtung geschenkt wurde, konkurrierten ethnische Muster des Politischen mit der Idee der Demokratie, vor allem unter den Paschtunen als Titularnation Afghanistans. Der Westen seinserseits auf eine urbane Mittelschicht, die sich in sowjetischer Zeit nahezu zu einer eigenen Ethnie entwickelte hatte, so die Analyse des emeritierten Professors.. Die korrupten Machtstrukturen, die die ethnischen Gemeinschaften beherrschten, konnten von den demokratischen Experimenten nicht durchbrochen werden. Im Vakuum dieser Fehlleistung hätten die Taliban die paschtunische Identität und die Regelwelten des Paschtunischen zu erneuern beansprucht: „Sie deuteten den Islam als Ausdruck des Paschtunwali um und setzten so mit Gewalt einen religiösen Ethnonationalismus gegen die Demokratie durch“, erläutert Schulze.
An dem Vorhaben und Vorgehen der Nato und vor allem US-Streitkräfte zweifeln inszwischen viele Ex-Soldat/innen. Als „mess“ voller „strategic and moral failures“ beschrieb Thomas Gibbons-Neff, ein ehemaliger Marine, vor einem Monat den Afghanistankrieg in der New York Times. Er erinnerte sich an den letzten flüchtigen Blick auf das Gesicht eines jungen Mannes, bevor er abdrückte. „Mein Verstand konnte erst später begreifen, dass ich ihn getötet hatte – als mir jemand erzählte, man habe seine Leiche zusammen mit seiner Waffe hinter einer Ecke gefunden.“ Im Mai dieses Jahres reiste er zurück nach Afghanistan. Warum begehen viele amerikanische Soldaten, die in Afghanistan gekämpft haben, später Selbstmord, fragte ihn ein Taliban-Kommandeur. Die Frage lässt Neff nicht los. Man sei hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben. „Unsere Befehlshaber konnten nie klar darlegen, inwiefern unsere Einsätze, all die Gewalt, die wir ausgeübt haben, und die Verluste, die wir erlitten haben, die Welt zu einem sicherern Ort machen.
Shukria konnte 2018 als politischer Flüchtling nach Luxemburg einfliegen. Sie sitzt ohne Kopftuch im Chiche auf Limpertsberg. Zwischen ihrer Minderheit, den Hazara, und Taliban-Paschtunen ist ein Konflikt entbrannt: Die Hazara sind mehrheitlich schiitisch, während die Taliban einem strengen Deobandi-Sunnitentum folgen. Auch optisch unterscheiden sich ihre Gesichtszüge von jenen der Paschtunen; erstere sind rundlicher, wie es für Zentralasien typisch ist. Paschtunen mit langen Bärten und Maschinengewehren würden nun regelmäßig in zentralafghanischen Hazara-Gebieten einfallen und behaupten: „Voilà, c'est à nous maintenant“, erläutert die 32-Jährige. Als unterdrückte Minderheit könne man nicht dagegen ankämpfen. Später am Nachmittag reicht Sukria Beiträge von Afghanistan International und Kabul Now nach, über Kidnapping-Versuche von Hazara-Mädchen und Frauen durch Taliban-Anhänger. Zum Schrecken der Taliban legen die Hazara zudem Wert auf Bildung und politische Teilhabe. Und schon in den 1990er-Jahren leisteten sie militärischen Widerstand gegen die Taliban, die sich immer wieder mit Massakern rächten. Es liegt keine verlässliche Volkszählung vor, aber es wird geschätzt, dass die Hazara 10 bis 25 Prozent der Bevölkerung Afghanistans ausmachen – ähnlich wie die Tadschiken. Die Gesamtbevölkerung wird auf 43 bis 45 Millionen Einwohner geschätzt.
Über ihre Familie möchte sie nichts in der Zeitung lesen. Nachdem was sie von ihrer alten Heimat höre, müsse man Afghanistan allerdings als „Gefängnis“ beschreiben. „Die Frauen dürfen nicht arbeiten und können nicht ohne einen Mahram aus dem Haus, also ohne einen männlichen Verwandten“, beklagt sie. Qais’ Verwandte berichten ihrerseits, die Hungersnot in den Provinzen sei groß, das Land ausgetrocknet. Häufig würden die Landbewohner nur trockenes Brot zum Frühstück essen. „Die wirtschaftliche Situation ist schlecht, meine Uni-Freunde finden keinen Job.“ Zugleich aber berichten manche NGOs von Untergrund-Resistenz. So ist Bildung für Mädchen offiziell nur im Grundschulalter erlaubt, aber im Internet, in Kabul und einigen Provinzen haben sich unter unterschiedlichen Deckmänteln Bildungsstrukturen etabliert – mit der Erlaubnis lokaler Taliban, „von denen viele ihre eigenen Töchter dorthin schicken“, wie Reuter im Spiegel schreibt.
In Luxemburg steht der hiesige Arm von Care mit ihrer Partnerorganisation in Afghanistan in Kontakt. „Wir sind aktuell in fünf Kliniken an der Grenze zu Pakistan aktiv; gewährleisten die Verteilung von Verbänden, Spritzen, Antibiotika“, erklärt die Mitarbeiterin von Care, Julie Piccini. Ausgerechnet von ihrem alten Verbündeten, Pakistan, werden die Taliban nun seit Februar angegriffen. Das Nachbarland wurde von einer Welle von IS-Anschlägen heimgesucht und macht nun die Taliban dafür verantwortlich, den IS zu unterstützen. „Für Frauen verteilen wir Hygiene-Kits, und für existenziell bedrohte Familien organisieren wir den Zugang zu Grundlebensmitteln“, so Piccini. Die Gesundheitsversorgung ist in Afghanistan allgemein dürftig. Zu lesen ist, dass die Kürzung bei der Entwicklungshilfe des US-Präsidenten Donald Trump vor Ort zur Schließung vieler Krankenstationen geführt hat.
Nur von Russland ist die aktuelle Taliban-Regierung bisher anerkannt. Der Pressesprecher von Außenminister Xavier Bettel (DP) bestätigt gegenüber dem Land, dass es noch keinen Kontakt zu den Taliban gab. Auch Innenminister Léon Gloden (CSV) erklärte im Juli in der Kammer auf Nachfrage seines Parteikollegen Alex Donnersbach, er habe nie in direktem Austausch mit den Taliban gestanden – auch nicht Ende Juni, als die EU-Kommission und Vertreter von 15 EU-Mitgliedstaaten erstmals auf Taliban-Verhandler trafen. Dabei wurde in Brüssel die Möglichkeit regelmäßiger Abschiebungen nach Afghanistan sondiert. Zuvor sagte Gloden dem Wort, es sei utopisch zu meinen, ein kleines Land wie Luxemburg könne nach Afghanistan ausweisen. Er wolle aber nicht ausschließen, gemeinsam mit einem EU-Nachbarstaat vorzugehen, falls schwere Straftäter identifiziert werden. Bisher erhielten 909 Afghan/innen vom Innenministerium den Status des politischen Flüchtlings; mehr als die Hälfte davon erst nach 2021. Der Antrag von 253 Afghanen wurde abgelehnt. Shukria schätzt, dass der lokale Verein der Hazara bis zu 600 Personen zählt.
Fragt man Shukria und Qais, was Luxemburg von Afghanistan unterscheidet, nennen beide an erster Stelle die „Sicherheit“. In Kabul, wo Shukria Betriebswirtschaft studierte, „on ne sait pas si on va rentrer le soir“. Die Angst, Opfer eines Anschlags zu werden, begleitete einen, sobald man die Haustür verließ. Bis Mai hat sie in einem IT-Unternehmen gearbeitet, derzeit ist sie auf Arbeitssuche. Qais ist Sprachenlehrer bei dem Bahai-inspirierten Verein Efid, der laut Eigenbeschreibung zum Ziel hat, „die Talente in den Gemeinschaften der Neuankömmlinge freizusetzen“ – sprich, der Kurse für Migranten anbietet. Sein Leben in Kabul sei nicht in jeder Hinsicht anders gewesen als in Luxemburg: „In meinem Haus gab es Elektrizität, Wasser, Bücher, Bollywoodfilme.“ Auch der Frauenanteil im öffentlichen Raum sei vor der Machtübernahme der Taliban in Kabul ähnlich hoch gewesen wie in Luxemburg. p