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Umwelt 4 Min. Lesezeit

Der Volkstanz

Heute gibt es nur noch wenige, die luxemburgische Volkstänze ausüben, sehr zum Bedauern von Antoinette Hoschet, die sich für deren Erhalt einsetzt

Erschienen in Ausgabe September 2023
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Kleine Schritte, leichte Drehungen und elegante Neigungen – die Paare entfernen sich voneinander und nähern sich wieder an, verschmelzen miteinander, die Melodie ist langsam. Plötzlich wird der Rhythmus dichter, die Bewegungen beschleunigen sich und die Tänzer stampfen im Takt mit den Füßen. Schließlich knien sich alle Männer vor dem Publikum nieder und heben mit einem abschließenden Ausruf ihren Hut. Es ist der „Séier Maklott“, einer der dreißig in Luxemburg registrierten Volkstänze und der Lieblings-Tanz von Antoinette Hoschet. Vor allem wegen dieser Beschleunigung des Rhythmus. Die junge Frau leitet die Tanzgruppe „Vallée des Sept Châteaux“ aus Mersch. Zudem ist sie im Vorstand der „Union Grand-Duc Adolphe“ (UGDA) tätig, dem nationalen Dachverband für Chor- und Instrumentalmusik, Folklore und Theater im Großherzogtum Luxemburg. Diese Tänze und Lieder stammen größtenteils aus dem 18. und 19. Jahrhundert und wären möglicherweise verloren gegangen, wenn in den 1930er Jahren nicht eine Gruppe von Menschen (die sich regelmäßig im Rahmen der Jugendherbergsbewegung traf) sich dessen bewusst geworden wäre und dokumentarische Recherchen durchgeführt hätte. Mit Hilfe von Historikern, Ethnologen und Musikwissenschaftlern konnten die Trachten, Melodien und Tanzschritte rekonstruiert werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Folklorevereine dieses Wissen wiederbelebt und bewahrt.

Diese Volkstanzgruppen trainieren zwei Stunden pro Woche, um Aufführungen zu gestalten, aber auch für Feste wie das Éimaischen, den Nationalfeiertag oder das Musikfest. „Im Juni haben wir auch an den ‚Rendez-vous aux jardins‘ teilgenommen, einem Projekt, das das Kulturministerium nun schon seit fünf Jahren organisiert. Wir haben im Garten des Blindenheims in Mersch getanzt“, freut sich Antoinette Hoschet. Neben lokalen Veranstaltungen vertreten die Tänzerinnen und Tänzer ihr Land auch im Ausland, beispielsweise bei den „Folkloriades Mondiales“, die alle vier Jahre vom Internationalen Rat der Organisationen für Folklore- und traditionelle Kunstfestivals (CIOFF) organisiert werden. So reiste die Vorsitzende der Gruppe aus Mersch im Jahr 2016 nach Mexiko: „Wir mussten eine neue Gruppe gründen, da mehrere Stammmitglieder nicht so weit wegfahren wollten. Letztendlich waren wir 26, darunter nur drei Luxemburger“, erinnert sich die Tänzerin und fügt hinzu: „Wir repräsentieren Luxemburg so, wie es ist – seit Jahren multikulturell.“

Hoschet widmet sich diesen traditionellen Tänzen seit ihrem sechsten Lebensjahr: „Mein Vater war Musiker in Folkloregruppen und nahm meine Schwester und mich mit dorthin. Ich war noch ein Kind, und die Trachten und das Tanzen haben mir gefallen … und so bin ich bis heute dabei!“ Doch diese Begeisterung für Volkstänze lässt nach. In Mersch gab es Anfang der 2000er Jahre noch mindestens fünfzig Mitglieder. Heute tanzen nur noch etwa ein Dutzend. Der gleiche Rückgang ist auch bei den beiden anderen im Großherzogtum existierenden Gruppen zu beobachten, in Luxemburg-Stadt und in Bettembourg. „Es ist schwierig, neue Leute zu finden, die sich dafür interessieren“, bedauert die junge Frau. Trotz offener Probetage, Workshops und Aufführungen nehmen nur wenige an ein oder zwei Proben teil … kommen danach aber nicht mehr zurück. Die 30-Jährige ist somit die Jüngste in ihrer Gruppe und macht sich Sorgen um den Nachwuchs: „ Ich glaube, in Luxemburg haben wir ein großes Problem, weil sich die Leute nicht für ihre Kultur interessieren oder nicht wissen, dass dieses oder jenes dazu gehört “, meint sie und nennt als Beispiel die Schueberfouer : „ Alle gehen dorthin, aber den Leuten ist nicht bewusst, dass es sich um eine Tradition handelt “. In anderen Ländern haben Kultur und Tanz einen höheren Stellenwert, wie die 39 portugiesischen Folkloregruppen im Großherzogtum belegen.

Die Aufnahme der Volkstänze in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Luxemburgs im Oktober 2020 gibt Antoinette Hoschet dennoch neuen Hoffnung, denn dies bedeutet, dass sie Thema im Unterricht sein werden, was die Jugendlichen vielleicht dazu anregen wird, sich dafür zu interessieren. Obwohl sie sich selbst nicht als „sehr gute Lehrerin“ betrachtet, ist sie dennoch bereit, diese traditionellen Tänze weiterzugeben. „Hinter jedem Tanz steckt eine Geschichte“, erinnert die begeisterte Folklore-Liebhaberin, sei es als Symbol für landwirtschaftliche Bräuche, für Verführung oder für Kämpfe. Zur Folklore gehört nicht nur der Tanz, sondern auch der Gesang. Daher besteht das Programm für den Tag des immateriellen Kulturerbes am 30. September aus Volksliedern und -tänzen, die mal in einer gemeinsamen Darbietung miteinander verflochten sind und mal separat aufgeführt werden. Das Publikum wird dort Hoftänze wie die Lues, die Séier und die Eifeler Maklotte sehen, Bauern-Tänze wie die „Karschnatz“ – die das Mähen und Ernten von Gras darstellt – oder den „Meschttreppler“ – der das Aufbereiten von Mist symbolisiert –, aber auch solche, die früher bei Dorffesten getanzt wurden, um einen Partner zu finden, wie die „Pik Polka“ oder die „Schleek“. Laut Hoschet müssen diese luxemburgischen Tänze genauso bewahrt werden wie Kathedralen, Burgen oder die Bockkasematten. „Wenn niemand mehr sein Kulturerbe bewahrt, werden sich alle gleich werden, und doch sind es gerade die Unterschiede, die die Welt interessant machen.“

Fußnote