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Institutionen und Demokratie 7 Min. Lesezeit

53 Laufmeter

Das Archiv der LSAP – eine neue Quelle zur Zeitgeschichte Luxemburgs

Erschienen in Ausgabe Juni 2024
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Das Luxemburger Nationalarchiv (ANLux) wurde kürzlich um einen Bestand privater Archivunterlagen der LSAP bereichert. In einem Land, in dem die Politik in der Geschichtsschreibung eher stiefmütterlich behandelt wird, ist dies eine wichtige Neuigkeit für Forscher und alle, die sich für Politik interessieren.

Dieser Bestand mit der Signatur FD-318 (Verschiedene Bestände) umfasst 53 Laufmeter Archivmaterial und 1.739 Beschreibungseinheiten, zu denen digitalisierte audiovisuelle Dokumente (Kassetten, Tonbänder, Filme) sowie zahlreiche Fotos von Persönlichkeiten und Veranstaltungen der LSAP, die im Rahmen historischer Recherchen gesammelt wurden.

Archivmaterial von 1945 bis 2018

Das FD-318 stammt aus drei Archivabgaben der sozialistischen Partei LSAP an die Nationalbibliothek (BNL) und an die ANLux, die im Laufe der letzten rund vierzig Jahre erfolgten. Sie decken den Zeitraum von 1945 bis 2018 ab.

Die erste Überführung erfolgte Anfang der 1980er Jahre an die BNL. Dies geschah auf Initiative des Historikers Gilbert Trausch, der damals Direktor der Nationalbibliothek war. Er hatte erkannt, dass die Geschichte der Parteien ebenso wie die der Gewerkschaften erst noch geschrieben werden musste. Damals hatte er auch die Archive der Gewerkschaft LAV, dem Vorläufer des OGBL, gesammelt. Es wurde ein Inventar des LSAP-Archivs erstellt, das jedoch unterwegs verloren ging.

Die beiden anderen Übergaben waren auf eigene Initiative der LSAP für das Nationalarchiv bestimmt. Es handelte sich um unaufbereitete Bestände, da vor der Übergabe keine Sortierung vorgenommen worden war. Ein Teil dieser Bestände schlummerte rund vierzig Jahre lang in den Kellern der beiden Institutionen. Wir haben sie anlässlich des Tages der Archivare im Jahr 2021 erwähnt. Seitdem wurden sie im ANLux zusammengeführt. Dank der Direktorin Josée Kirps und der Konservatorin Corinne Schroeder wurde vom Archivar Marc Lepage ein Inventar erstellt. Der Bestand FD-318 wird in Kürze im Archivverzeichnis erscheinen und kann von Forschern gemäß den offiziellen Bestimmungen des Archivgesetzes eingesehen werden.

Ein umfangreicher, aber unübersichtlicher Bestand

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieser Bestand ist äußerst vielfältig. Zwar lässt sich ein grober chronologischer Rahmen erkennen, doch ist der Inhalt ziemlich ungeordnet. Der Grund dafür ist, dass die LSAP früher – ebenso wie die anderen Parteien im Großherzogtum – über keinen wirklichen Verwaltungsapparat verfügte. Es handelte sich um de facto bestehende Vereinigungen ohne rechtlichen Rahmen und vor allem ohne andere finanzielle Mittel als die Beiträge ihrer Mitglieder. Von 1919 bis Anfang der 2000er Jahre waren Parteien weder in der Verfassung noch im Wahlgesetz vorgesehen.

Was findet man in diesem Archiv ? Ein wesentlicher Teil befasst sich mit dem internen Geschehen der LSAP, insbesondere mit den Beziehungen der Parteiführung zu den Ortsverbänden und den internen Organisationen wie den Sozialistischen Jugendverbänden, den Sozialistischen Frauen und den Gemeinderäten der Partei. Es gibt Dokumente zu Parteitagen und zur Wahlvorbereitung. Bestimmte Themen sind besonders gut vertreten, wie beispielsweise die Frage der Wehrpflicht, der Beitritt zur NATO oder das Kraftwerk in Remerschen.

Über das interne Parteileben hinaus ist dieser Bestand eine wahre Fundgrube für Forscher, die sich mit dem politischen Leben des Landes seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Er enthält die Protokolle der Sitzungen des Parteivorstands, in denen aktuelle Themen behandelt und die Positionen der Partei festgelegt werden.

Die Zeit der „großen“ Koalition zwischen der CSV und der LSAP von 1964 bis 1968, in der beide Parteien fast gleich stark waren, ist besonders interessant, und im Archiv finden sich Dokumente zu den Koalitionsverhandlungen von 1964 und 1966. Während heute die Fraktion und die Partei getrennte Aktivitäten verfolgen, war dies nicht immer der Fall. Aus diesem Grund finden sich im Bestand Protokolle der Sitzungen der sozialistischen Fraktion aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren. Es ist interessant, über die Protokolle bestimmter parlamentarischer Ausschüsse zu verfügen, was außergewöhnlich ist, da die Ausschusssitzungen damals unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden und die Abgeordneten nicht einmal das Recht hatten, in ihren Reden auf der Tribüne auf die Debatten im Ausschuss einzugehen.

Eine weitere bemerkenswerte Tatsache: Zu einer bestimmten Zeit leiteten einige sozialistische Minister die Ministerialakten direkt an das Parteisekretariat weiter, das gleichzeitig auch das Sekretariat der Fraktion war. So finden sich dort Dokumente von Regierungssitzungen, vor allem aus den 1970er Jahren.

Ein Wort zum Zeitraum, den dieser Bestand abdeckt: Exemplare aus den 1940er- und 1950er-Jahren sind recht selten, solche aus den 1960er-Jahren häufiger anzutreffen, doch erst ab den 1970er-Jahren liegen die Dokumente in großer Zahl vor.

Ausnahmeregelungen

Wie bei jedem Archivbestand aus der Gegenwart stellt sich die Frage nach der 75-jährigen Sperrfrist, sobald Personennamen in den Akten auftauchen. Was den LSAP-Bestand betrifft, kann die Partei auf Antrag Ausnahmen gewähren. Wir sind der Ansicht, dass diese Ausnahmegenehmigungen bei politischen Akten ohne Weiteres erteilt werden sollten. Dennoch sind wir auch der Meinung, dass die Partei sich in dieser Frage eine einheitliche Vorgehensweise geben muss.

Es gibt praktisch keine interessanten Akten, in denen keine Personennamen vorkommen, da in allen Protokollen die anwesenden Personen aufgeführt sind. Dabei handelt es sich um gewählte Mandatsträger, sei es auf nationaler Ebene, wie Abgeordnete und Minister, sei es auf kommunaler Ebene, wie Bürgermeister, Beigeordnete und Ratsmitglieder, oder innerhalb der Parteigremien und ihrer Ortsverbände, wie Vorsitzende, Sekretäre und Vorstandsmitglieder. Da das Engagement dieser Personen kein Geheimnis ist, sollte die LSAP die Ausnahmegenehmigung erteilen und die Einsichtnahme in diese Unterlagen ermöglichen.

Wenn es sich hingegen um Personen handelt, die kein Mandat innehaben, kann die Partei die beantragte Ausnahmegenehmigung nicht gewähren. Im Rahmen der geltenden Rechtslage dürfen Personalakten, beispielsweise zur Laufbahn als Beamter oder zu Disziplinarverfahren, nur mit Zustimmung der betroffenen Person oder nach Ablauf der vorgesehenen Schutzfristen, d. h. 75 Jahre nach dem Tod der Person, eingesehen werden.

Um die Einsichtnahme in ein Dokument dennoch zu ermöglichen, bliebe als einzige Möglichkeit die Einführung einer Erklärung des Historikers, mit der dieser die Verantwortung übernimmt. Andernfalls bleibt die sehr umstrittene Praxis, den Namen der Person im Dokument zu schwärzen, um es einsehbar zu machen. Zur Bearbeitung von Ausnahmegenehmigungsanträgen sollte die LSAP aus ihren Reihen eine verantwortliche Person benennen, an die die Anträge gerichtet würden.

Ein reichhaltiges Erbe des Sozialismus
in Luxemburg

Der luxemburgische Sozialismus existiert seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, und die Partei, die sich darauf beruft, nahm ihre Tätigkeit im Jahr 1902 auf, also vor mehr als 120 Jahren. Zwar gibt es für den Zeitraum bis 1940 keine wirklichen Archive – abgesehen von den Polizeiberichten über die Arbeiterbewegung –, doch stehen andere Quellen zur Verfügung, wie beispielsweise die zahlreichen parteieigenen Zeitungen, von denen die meisten digitalisiert und auf der Website eluxemburgensia.lu einsehbar sind. Bedauerlicherweise sind die sozialistischen Zeitungen für den entscheidenden Zeitraum der 1920er Jahre jedoch weder digitalisiert noch verfügbar!

Neben dem neuen FD-318 stehen den Forschern im AN die Bestände von Victor Bodson und Lydie Schmit zur Verfügung. Im Gegensatz zum LSAP-Bestand wurden diese Bestände vor ihrer Hinterlegung sortiert und aufbereitet.

Lydie Schmit (1939–1988) war die erste Vorsitzende der LSAP. Von 1979 bis 1980 war sie Abgeordnete und von 1984 bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 Mitglied des Europäischen Parlaments; von 1980 bis 1984 war sie Vorsitzende der Sozialistischen Fraueninternationale und Vizepräsidentin der Sozialistischen Internationale. Der Nachlass von Lydie Schmit umfasst ihre umfangreiche Korrespondenz – da sie Kontakte in der ganzen Welt unterhielt –, ihre Notizen und natürlich die Protokolle der Sitzungen, die sie in den 1970er Jahren als Parteivorsitzende leitete. Es sei daran erinnert, dass die Historikerin Renée Wagener eine Biografie über Lydie Schmit verfasst hat, die zu einem großen Teil auf diesen Archiven basiert.

Der Bodson-Bestand bezieht sich auf einen früheren Zeitraum. Victor Bodson (1902–1984) blickte auf eine erfolgreiche politische Laufbahn zurück. Er wurde 1934 zum Abgeordneten gewählt und war von 1940 bis 1947 sowie erneut von 1951 bis 1959 Minister für Justiz und öffentliche Arbeiten. Von 1961 bis 1964 war er Staatsrat und von 1967 bis 1970 EU-Kommissar für Verkehr. Dieser Bestand befasst sich mit den besonders turbulenten Jahren der luxemburgischen Geschichte, den Kriegs- und Nachkriegsjahren, in denen der Justizminister im Mittelpunkt der Entlastungsprozesse stand.

Der Bestand enthält unter anderem die Berichte des LSAP-Vorstands aus den 1950er Jahren, zahlreiche Schriftstücke sowie Protokolle der Regierungssitzungen aus den 1950er Jahren. Es sei noch darauf hingewiesen, dass es für Forscher interessant sein kann, über die Grenzen hinauszuschauen – nach Den Haag oder Manchester, zur Friedrich-Ebert-Stiftung oder nach Brüssel, wenn nicht sogar nach Berlin –, um weitere Archive zur reichen Vergangenheit des luxemburgischen Sozialismus zu finden.

Schließlich wäre es wünschenswert, dass nicht nur die Sozialistische Partei, sondern auch die anderen großen luxemburgischen Parteien darüber nachdenken, ihre Archive zu öffnen, um die Geschichtsschreibung zum zeitgenössischen Luxemburg zu bereichern!