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Europäische und internationale Politik 7 Min. Lesezeit

Ein historischer Widerstand

Die Beschäftigten der ehemaligen GKN-Autoteilefabrik führen einen unermüdlichen Kampf. Seit fast drei Jahren besetzen sie das Werk, um dessen Schließung zu verhindern. Es handelt sich um die längste Werksbesetzung in der Geschichte Italiens.

Erschienen in Ausgabe März 2024
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Nach fast einem Jahr voller Mahnungen seitens der Region Toskana, anderer lokaler Institutionen und der Gewerkschaften wurde am 26. März endlich der Krisenstab im Ministerium für Unternehmen und „Made in Italy“ (Mimit) einberufen. Das Eigentümerunternehmen Qf erschien jedoch nicht zu dem Treffen. Eine Provokation gegenüber den Beschäftigten und den Gewerkschaften, die darin einen x-ten Vorwand sahen, nicht zu handeln und endlich konkrete Lösungen für den Standort und die Beschäftigten zu finden. Der Insolvenzverwalter Gianluca Franchi hatte im Übrigen angekündigt, dass er nicht erscheinen werde, solange die Rechtsordnung innerhalb des Industriekomplexes nicht wiederhergestellt sei – unter dem Vorwand angeblicher Gewalttaten in der ehemaligen Fabrik. Nach Gesprächen mit einigen Beschäftigten und den Äußerungen der Gewerkschaften, die beim Besuch des Insolvenzverwalters anwesend waren, scheint es jedoch, als habe dieser die Gewalttaten erfunden. Die Provokationen gegenüber den Metallarbeitern und den Gewerkschaften, mit denen versucht wurde, sie zum Verlassen des Geländes zu bewegen, blieben ohne Reaktion. Rechtlich gesehen kann die Polizei sie nämlich nicht vertreiben. Eine Entlassung wäre erforderlich, um sie zum Verlassen des Geländes zu zwingen.

Der Insolvenzverwalter greift auch die verschiedenen Veranstaltungen an, die vom Arbeiterwiderstand organisiert werden. Er behauptet, dass das Gelände für die Organisation von Rave-Partys und illegalen Konzerten genutzt werde, obwohl die Konzerte stets im Rahmen einer legalen Versammlung organisiert wurden, mit dem Ziel, auf die Sache aufmerksam zu machen. Im Visier des Insolvenzverwalters steht auch eine bevorstehende Veranstaltung, die er als „missbräuchlich“ betrachtet, für die das Kollektiv jedoch von der Gemeinde Campi Bisenzio grünes Licht erhalten hat. Es handelt sich um das Festival „Letteratura Working Class“, das am 5., 6. und 7. April stattfinden soll und an dem Gäste aus ganz Europa teilnehmen werden. Er behauptet, es handele sich hierbei um „illegale Geschäfte“ in der Einrichtung, während das Eigentümerunternehmen selbst seine gesetzlich festgelegten Pflichten gegenüber den Arbeitnehmern nie erfüllt habe. Im Übrigen gab die Sitzung vom 26. März den Metallarbeitern Recht und es wurde festgestellt, dass das Unternehmen die gesetzlichen Anforderungen (Orlando-Dekret zur Bekämpfung von Standortverlagerungen) nicht eingehalten hat, da bis heute weder ein Sozialplan zur Abfederung der Folgen noch ein Reindustrialisierungsplan auf den Weg gebracht wurde. Die Arbeitsverhältnisse mit den Beschäftigten bestehen weiterhin und beinhalten somit auch den uneingeschränkten Anspruch auf Entlohnung. Die Eigentümer können zwar weiterhin mit dem Finger auf andere zeigen, doch diesmal werden sie sich ihrer Pflicht nicht entziehen können.

Der Schauspieler Elio Germano zählt zu den Verfechtern der Arbeiter und der bevorstehenden Veranstaltung: „Man sagt, die Besiegten schreiben keine Geschichte. Und weil sie wollen, dass die Arbeiter besiegt werden, soll die Arbeiterklasse ihre eigene Geschichte nicht schreiben. Und vielleicht sehen gerade deshalb diejenigen, die entlassen, prekäre Arbeitsverhältnisse schaffen und Produktionsstätten verlagern, im Literaturfestival der Arbeiterklasse eine schreckliche Bedrohung. Durch prekäre Arbeitsverhältnisse und Einkommensverluste wird den Arbeitern die nötige Zeit genommen, um ihre kollektive Vorstellungskraft zu pflegen. Sie verharren in einem ewigen Überlebensmodus. Die Arbeiterklasse hingegen muss, um wieder auf die Beine zu kommen, sich ihre eigenen Worte aneignen. Und dann schreiben, fantasieren, sich um ihre eigene Vorstellungswelt kümmern“, erklärte er.

Genau das versuchen die Arbeiter, die – obwohl sie entlassen wurden – mit letzter Kraft für die Arbeiterklasse kämpfen. Sie wagen es, von Reindustrialisierung und ökologischem Wandel zu sprechen. Den Metallarbeitern, die nun schon seit über einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten haben, fällt es jedoch schwerer, Widerstand zu leisten, und dies hat eindeutig dazu beigetragen, dass die Zahl der Widerstandskämpfer zurückgegangen ist. Tatsächlich kämpft von den ursprünglich 300 widerständigen Arbeitern etwas mehr als die Hälfte noch immer weiter und besetzt die ehemalige Fabrik weiterhin auf historische Weise.

Die Geschichte des Kampfes der ehemaligen GKN ist lang. Alles begann im Sommer 2021, nachdem der englische Investmentfonds Melrose – der GKN im Jahr 2018 übernommen hatte – angekündigt hatte, das Werk schließen und die Produktion ins Ausland verlagern zu wollen. Damit wurden 422 Arbeiter von heute auf morgen per einfacher E-Mail entlassen. Und während der englische Fonds glaubte, die Sache sei bereits entschieden, lehnten sich die entlassenen Arbeiter auf, um ihre Rechte zu verteidigen. Sie gründeten sehr schnell das Kollektiv „Collettivo di Fabbrica“ und die Bewegung „Insorgiamo“ (Lasst uns aufbegehren) und organisierten in den letzten Jahren eine Demonstration nach der anderen. Im Januar 2023 erschien zudem ein Dokumentarfilm: „E tu come stai?“ (Und wie geht es dir?), der verschiedene Demonstrationen zeigt und die rechtlichen und politischen Mittel vorstellt, die zum Erhalt der Fabrik und der Arbeitsplätze eingesetzt wurden, während er gleichzeitig einen Einblick in die Gefühle der Arbeiter und der Menschen gibt, die sie unterstützen. Der Dokumentarfilm beleuchtet die Beweggründe der Arbeiter, die nicht nur um ihre eigenen Arbeitsplätze kämpfen, sondern auch um die anderer zu Unrecht entlassener Arbeiter. Sie haben insbesondere die Arbeiter der ehemaligen Fluggesellschaft Alitalia und der Möbelkette „Mondo Convenienza“ unterstützt. So ist das ehemalige GKN-Werk zum Symbol für den Widerstand der Arbeiter und für die Arbeitnehmerrechte in Italien geworden.

Im Jahr 2022 wurde das Werk von Francesco Borgomeo (Qf) übernommen. Nach zahlreichen Protesten gegen den neuen Eigentümer in den Jahren 2022 und 2023 hatte dieser beschlossen, die Metallarbeiter endgültig zu entlassen. Am 12. Oktober fand ein Treffen statt, an dem die Staatssekretärin des Mimit, Fausta Bergamotto von der rechten Partei Fratelli d’Italia, sowie die Regionalregierung der Toskana teilnahmen, um über den Reindustrialisierungsplan zu sprechen; ohne jedoch das Kollektiv der ehemaligen GKN-Belegschaft einzuladen. Am 27. Dezember hob das Arbeitsgericht Florenz die Massenentlassung der verbleibenden 181 Beschäftigten auf. Dies ist ein kleiner Sieg für die Arbeiter des ehemaligen Werks in Campi Bisenzio.

Einige Tage später verbrachten 7.000 Menschen die Silvesternacht auf dem Werksgelände. Die Versammelten ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, zum Jahreswechsel eine neue Demonstration zu starten. Dabei forderten sie, dass das Werk den Arbeitern übergeben werde.

Die Arbeiter und das Kollektiv haben das Werksgelände nicht einfach besetzt, um ihre Zeit mit der Organisation von Veranstaltungen zu verbringen, wie die Gegner der Arbeiterbewegung glauben machen wollen, sondern sie haben – obwohl sie von ihrem langen Kampf erschöpft waren – über Lösungen zur Reindustrialisierung des Standorts nachgedacht. In der Vergangenheit war GKN einer der wichtigsten Lieferanten von Achshalbwellen für Fiat, doch die Metallarbeiter erwägen nun eine Umstellung auf die Produktion von Lastenrädern und Photovoltaikmodulen. Damit bringen sie Ideen für lokale Produktionen ein, die auch der Region Toskana zugutekommen, und richten ihren Blick gleichzeitig auf die Zukunft und die Energiewende. Aus diesem Grund konnten sie die Unterstützung von Umweltschützern gewinnen, insbesondere von den Aktivisten von „Dernière Génération“. Im vergangenen Dezember hatten diese eine der Schnellstraßen nach Rom blockiert, um dort einen langsamen Solidaritätsmarsch für GKN abzuhalten. In Videos, die in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden, ist zu sehen, wie sie Autos anhalten, ausgestattet mit Transparenten, auf denen das Logo des Werkskollektivs prangt. Am 19. April plant das „Collettivo“ außerdem, am Klimastreik und am Kongress zur Klimakonvergenz in Mailand teilzunehmen.

Neben der Umweltbewegung, der Gemeinde Campi-Bisenzio, der FIOM-CGIL (italienischer Metallarbeiterverband) und anderen zu Unrecht entlassenen Arbeitnehmern stellen sich auch zahlreiche Bürger auf die Seite der ehemaligen GKN. Tatsächlich hatten einige der in den letzten Jahren organisierten Demonstrationen Tausende von Teilnehmern gezählt. Eine der eindrucksvollsten war die vom 18. September 2021, bei der fast 40.000 Teilnehmer durch die Straßen von Florenz zogen. Während nun darauf gewartet wird, dass die Regierung das Eigentümerunternehmen vorlädt, um es endlich zur Ordnung zu rufen, zählt das Collettivo auch auf internationale Unterstützung, um Mittel für die Reindustrialisierung der Fabrik zu sammeln und sich schließlich eine Zukunft aufbauen zu können, um diesen historischen Widerstand zu beenden.