Etwa tausend Bücher, also etwa eines pro Bewohner. Das ist das Verhältnis in der kleinen Bibliothek, die seit Oktober im „Bâtiment T“ in Kirchberg untergebracht ist, der größten Unterkunftseinrichtung für Antragsteller und Personen, denen internationaler oder vorübergehender Schutz gewährt wird. Sie ist so groß, dass es das einzige Gebäude ist, dessen Verwaltung sich zwei Organisationen teilen: das Rote Kreuz und die Caritas.
Das Bibliotheksprojekt wurde auf Wunsch der Bewohner ins Leben gerufen und befand sich zunächst in einem Studienraum. Lernen und Weiterbildung sind von Anfang an Teil der Betreuung der Bewohner der Einrichtung. Ihnen stehen zudem ein Computerraum und eine Spielothek zur Verfügung. Doch das Zusammenstellen und Verwalten von rund tausend Büchern erfordert das spezifische Fachwissen eines Bibliothekars. Daher hat die Nationalbibliothek von Luxemburg Unterstützung geleistet, um die ehrenamtlichen Mitglieder zu schulen, die sich um die Organisation, die thematische Einordnung und das Ausleihsystem kümmern. Sie sorgen dafür, dass der Raum an drei Tagen in der Woche geöffnet ist, ansonsten auf Anfrage.
Das Gebäude beherbergt Menschen so unterschiedlicher Herkunft, dass man sich fragt, was sie hinsichtlich ihrer literarischen Vorlieben wohl gemeinsam haben könnte. Nun, die Bücher stammen größtenteils aus Spenden. Die Asti hat Wörterbücher (Luxemburgisch, Französisch, Englisch) gespendet, andere Vereine Kinderbücher. Das Nationale Amt für Aufnahme (Ona), das Bildungsministerium und zahlreiche private Spender, darunter auch Unternehmen aus der Nachbarschaft, leisten ebenfalls einen Beitrag. Es wurde eine Vielzahl von Sprachlernbüchern gespendet: Französisch, Englisch oder Luxemburgisch. „Das funktioniert am besten“, bestätigt Herr Shabani, ein aus Burundi stammender Bewohner und einer der ehrenamtlichen Helfer, die in der Bibliothek arbeiten, obwohl er erst seit drei Monaten im Zentrum wohnt. „Die Französischbücher, zum Lernen. Aber auch Bücher auf Ukrainisch, denn viele Bewohner sind Flüchtlinge vor dem russischen Krieg in der Ukraine.“
Wird die Bibliothek von der Vorstellung der Spender geprägt, welche Bedürfnisse bestehen? Laut Herrn Shabani haben die Großzügigen den richtigen Riecher gehabt: „Man möchte die Sprachen Luxemburgs lernen.“ Die von Freiwilligen initiierten Französischkurse sind ein voller Erfolg. Ihn selbst interessieren Bücher in Kirundi, seiner Muttersprache, nicht besonders. Für andere Bewohner ist es jedoch nach wie vor wichtig, ihren Kindern in ihrer eigenen Sprache vorzulesen oder Geschichten zu erzählen. Sie fragen nach Büchern auf Farsi, Arabisch, Tigrigna, Türkisch … „Tigrigna ist besonders schwer zu finden“, bemerkt Lynn, die Leiterin der Caritas: „Wenn Sie Bücher auf Tigrigna finden, lassen Sie es uns wissen!“
Warum sollte man sich für ein Buch entscheiden, wo doch fast alle Bewohner ein Smartphone oder sogar einen Computer nutzen – die insbesondere über den Verein „Digital Inclusion“ zur Verfügung gestellt werden – und es einen Raum mit etwa zehn Computern gibt, der für alle zugänglich ist? Für Jeanne, eine Sozialpädagogin, entspringt das Projekt einem ganzheitlichen Ansatz, der sowohl darauf abzielt, die Bewohner zu beschäftigen (von denen viele keine erwerbstätige Arbeit ausüben dürfen), als auch sie einander näherzubringen. Der Austausch blüht, Themenabende – zum Beispiel Märchenabende – bringen Familien zusammen. Durch ihre Teilnahme tragen die Freiwilligen gemeinsam die Verantwortung für ein gemeinsames Projekt.
„Die Bibliothek soll auch eine Brücke zur Außenwelt schlagen, hinaus aus der Blase, in der Neuankömmlinge manchmal gefangen bleiben“, sagt Clotilde, Koordinatorin beim Roten Kreuz. Das Ziel ist es, Neugier zu wecken, die vielleicht den Weg zu anderen Bibliotheken der Stadt, ja sogar zu Museen oder anderen öffentlichen Einrichtungen ebnet. Ein Besuch bedeutet, sich wiederzufinden, sich zu integrieren.
Das Projekt bietet zudem eine Möglichkeit, wieder die Kontrolle über den eigenen Alltag zu erlangen, indem es die Chance bietet, persönliche Entscheidungen zu treffen. Und schließlich: Hätte Papier vielleicht den Vorteil, eine limitierte Kollektion zu präsentieren? Das Stöbern in diesem Katalog, der von lokalen Spendern zusammengestellt wurde, kann eine Erleichterung sein in einer Welt, in der man ständig Entscheidungen treffen muss, während man sich über die Grundlagen der Zukunft unsicher ist. Fernab vom Internet und seinen heimtückischen Algorithmen ist dies eine Einladung, Dinge zu entdecken, von deren Existenz man nichts wusste.
Wer spenden möchte, kann sich an die Caritas oder
an das Rote Kreuz wenden, unter Angabe des Verwendungszwecks „Bibliothek des Gebäudes T“