Es gab allen Grund zur Skepsis, als man in einem Text des Generaldirektors der Opéra national de Lorraine las, dass ihm an Tiago Rodrigues, dem Regisseur der in Nancy aufgeführten „Tristan und Isolde“ und frisch ernannten Leiter des Festivals von Avignon, seine Fähigkeit schätze, die Werke von ihrem Sockel herunterzuholen. Aber Vorsicht vor der Groß- und Kleinschreibung! Doch die Besorgnis verflog sehr schnell, sobald man die Bühnenbilder entdeckte: Bibliotheksregale, die halbkreisförmig angeordnet waren, mit Hunderten von Tafeln – die genaue Zahl wurde mit 947 angegeben –, die von zwei Tänzern herausgeholt und dem Publikum präsentiert wurden; diese ziehen bereits vor dem Vorspiel die Aufmerksamkeit auf sich und lassen schon bei den ersten Tönen die Begegnung der Liebenden aus dem, was Wagner (fast als Antithese) als „Handlung in drei Aufzügen“ bezeichnet hat, erahnen.
So befinden sich auf den verschiedenen Ebenen bzw. Etagen einerseits zwei Tänzer, Sofia Dias und Vítor Roriz, andererseits die Protagonisten, die Sänger. Die Zeit (oder die Mode) scheint von einer solchen Doppelung, einer solchen Verdopplung geprägt zu sein – man denke nur an die zur gleichen Zeit in Paris wiederaufgenommene „Tristan“-Inszenierung von Peter Sellars mit den Videos von Bill Viola. In beiden Fällen funktioniert es. Allerdings in entgegengesetzter Richtung. Denn während die Pariser Bilder das Geschehen gewissermaßen transzendieren – man könnte vielleicht sogar von Sublimierung sprechen –, nähert man sich in Nancy mit Tiago Rodrigues, der aus dem Theater kommt und hier seine erste Operninszenierung vorstellt, eher Brecht an; es gäbe eine Verfremdung, einen Verfremdungseffekt. Zunächst einmal – und das hat bereits die größte Wirkung – die Tatsache, dass die Figuren dort sogar ihre Namen verlieren; es geht nur noch um den traurigen Mann und die traurige Frau, um den mächtigen Mann (König Marke), um den ehrgeizigen Mann (Melot)…
Man erkennt in diesem neuen Text von Tiago Rodrigues, der auf den Tafeln zu lesen ist, ohne Weiteres ein langes Gedicht, das dem Programm beigefügt ist – ein Werk im Stil von Durass, das mit seiner semantischen und syntaktischen Einfachheit Universalität erreicht. Und manchmal auch ein ironischer Ausflug, bei dem Wagner (für manche nicht ohne Grund) vorgeworfen wird, stundenlang unzählige Worte zu verwenden, die zudem noch auf Deutsch gesungen werden. Und das alles nur, um von der Liebe zu erzählen. Liebe, zu viel Liebe. Was sich jedoch gegen diesen Text selbst wenden könnte: Da er sich wiederholt, könnte man ihn ebenfalls als ermüdend empfinden, an manchen Stellen sogar als nervig, wie zum Beispiel bei Tristans Todeskampf, aufgrund der übermäßigen Aktivität und des Hin und Her der Tänzer.
Leichte Vorbehalte, die dem Gesamtkonzept der Inszenierung jedoch keinen Abbruch tun. Und man kann es gar nicht oft genug betonen: Die Bühnenbilder von Fernando Ribeiro, die Kostüme von José António Tenente sowie die Lichtgestaltung von Rui Monteiro tragen wesentlich dazu bei. In einer schönen Homogenität kommt Wagner hier zur Geltung, mit diesem leichten Hauch von epischem Theater. Die luxemburgischen Liebhaber werden sich Ende Februar/Anfang März im Grand Théâtre einer ganz anderen, brutalen und ikonoklastischen Inszenierung von Simon Stone stellen müssen (und nach Aix-en-Provence im Jahr 2021 wird man im Glacis in die U-Bahn steigen, um zum „Liebestod“ zu gelangen).
Natürlich hatten wir weder in Nancy noch in Luxemburg Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra (oder wie am vergangenen Samstag in der Konzertfassung von „Siegfried“ an der Spitze des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks) – und werden sie auch nicht haben. Im Orchestergraben an der Place Stanislas stand ein tapferes Orchestre de l’Opéra national de Lorraine, das zwar raffiniert spielte, dem es jedoch hier und da an Dichte und dramatischer Spannung mangelte, unter der klangfarbenbetonten Leitung von Leo Hussain. Und was ihren eigenen Auftritt betrifft, der gewissermaßen stellvertretend für das gesamte Ensemble stand, wurde der Auftritt der Englischhorn-Solistin Florine Hardouin auf der Bühne mit lebhaftem Applaus begrüßt.
Was die Sänger und Sängerinnen betrifft, seien zunächst drei Rollendebüts – sogar in Hauptrollen – erwähnt. Für Dorothea Röschmann verlief der Übergang vom Barock und Mozart zur Isolde (sie hat immerhin bereits Elisabeth gesungen) nicht ganz ohne Tücken und Schärfen ; für Samuel Sakker, den australischen Tenor, der unter anderem Erik und Siegmund gesungen hat, nahm das Engagement als Tristan im dritten Akt zu; in diesen dramatischen Momenten fühlte er sich sichtlich wohler, ausgestreckt am Fuße des Holzstapels, einer Art Schauplatz des Mythos ; Schließlich war die Mezzosopranistin Aude Extrémo eine von ihrer Rolle durchdrungene Brangäne, deren Gesang packender war als der des Vertrauten Kurwenal (Scott Hendricks) oder Melot (Peter Brathwaite) auf der anderen Seite. Abschließend gebührt dem Koreaner Jongmin Park (König Marke) das größte Lob für seine Bassstimme, die ebenso von Majestät wie von Zärtlichkeit geprägt ist und Kraft mit Nuancen verbindet, und das Schlusswort überlassen wir dem mächtigen Mann in seiner schmerzhaften Enttäuschung, die weit über „Tristan und Isolde“ hinausgeht: „Den unerforschlich tief/ geheimnisvollen Grund,/ wer macht der Welt ihn kund?“