1971 veröffentlichte der Kanadier Leonard Cohen sein drittes Album, „Songs of Love and Hate“. Eine düstere, intime und zutiefst introspektive Platte, die in Nashville aufgenommen wurde und heute als eines seiner Meisterwerke gilt. Zu dieser Zeit war Nick Cave vierzehn Jahre alt. Er lebte in Murrumbeena, einem ruhigen Vorort von Melbourne in Australien. Eines Tages rief ihn eine Freundin an. Sie bat ihn, bei ihr vorbeizukommen: Sie wollte ihm etwas vorspielen. Die Schallplatte knistert, dann erhebt sich eine tiefe, hallende Stimme: „I stepped into an avalanche / It covered up my soul“. Ein Schauer durchläuft den jungen Nick Cave. Nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor.
„Mein Leben hat sich verändert, als ich zum ersten Mal seine Stimme hörte“, vertraute er dem Publikum in der Philharmonie letzte Woche bei der ersten der beiden außergewöhnlichen Abendveranstaltungen an, die er dem luxemburgischen Publikum bot. Genau dieses Stück, „Avalanche“, eröffnete 1984 sein erstes Soloalbum nach seiner Zeit bei The Birthday Party. Auf „From Her to Eternity“ ist der Song zerissen, wütend, laut. An diesem Mittwochabend ist er reduziert.
Doch jenseits des Titels, ja sogar jenseits des Interpreten möchte Nick eine Geschichte erzählen. Er spricht wie ein unermüdlicher Geschichtenerzähler, zugleich feierlich und urkomisch, und wir hängen an seinen Lippen. An diesem Septemberabend öffnet Nick Cave sein Herz und legt sein Repertoire offen: „Ich möchte diesen magischen Moment wiederfinden, in dem ein Lied entsteht. Diese in den Worten verborgene Wahrheit, die oft verloren geht, wenn die Band die Bühne betritt. Ich möchte diese Lieder wieder aufgreifen und zu ihrem Wesen zurückfinden.“
In zweieinhalb Stunden führte der australische Dandy mit den überraschenden weißen Socken unter seinem gewohnten taillierten Anzug durch die vier Jahrzehnte einer außergewöhnlichen Diskografie. Vierzig Jahre voller eindringlicher Texte, die anhand von Anekdoten, die mal ergreifend, mal unwiderstehlich komisch sind, die Spuren seines Lebens nachzeichnen. An seiner Seite ist Colin Greenwood, der zurückhaltende Bassist von Radiohead, der diesen eisigen Texten Wärme einhaucht und den melancholischen Melodien mehr Raum verleiht, ohne dabei jemals zu übertreiben. Im Hintergrund, fast schüchtern, applaudiert Greenwood zwischen den Stücken, ein leicht verlegtes Lächeln im Gesicht. Heute Abend ist auch er ein Fan.
Kurz gesagt: Dieses Konzert war grandios. Wer außer Nick Cave kann heute noch einen ganzen Saal mit solcher Intensität in seinen Bann ziehen? Wer kann so ganz natürlich vom Lachen zu Tränen wechseln, absolute Stille im Publikum herbeiführen und dann, wie ein Marktschreier auf der Schueberfouer, die am selben Abend zu Ende ging, das Publikum dazu bringen, wie aus einem Munde zu schreien? So wie, als er die Zuschauer auf den Balkonen aufforderte, bei jedem Vorkommen des Wortes „ balcony “ aufzustehen und zu schreien – während „Balcony Man“ (aus „Carnage“, seinem jüngsten Album mit seinem Kumpel Warren Ellis).
Nick Cave ist genau dieser Mann. Dieses große, schelmische Kind mit überschäumendem Charisma, das den Rest des Saals glauben lässt, dass der nächste Song nun deren Mitwirkung erfordert. „ Dieser Song ist für die Tanzfläche. Ich singe ‚The Mercy Seat‘. Und ihr haltet verdammt noch mal die Klappe.“ Sofortiges Gelächter. Und dann, plötzlich, Stille. Eine unvergessliche Darbietung erhebt sich, viszeral, magnetisch, umwerfend. Es hat keinen Sinn, die Tränen zurückzuhalten, das ist vergeblich.
„The Mercy Seat“ war nicht einmal der erste große Moment des Abends. Zuvor hatte uns „Waiting For You“ bereits einen Kloß im Hals verursacht, seine tiefe Stimme am Rande des Bruchs. Und noch früher, allein am Klavier, stellte er sich ganz allein „I Need You“, dieser schmerzhaften Komposition, von der er sagte, er könne sie nicht mehr hören. Gewidmet Arthur, seinem tragisch verstorbenen Sohn, ist es ein Gebet, das Nick in die Dunkelheit richtet. Greenwood tritt in den Hintergrund. Cave wiederholt unermüdlich diese Worte eines ungläubigen und untröstlichen Vaters: „Just breathe“. Immer wieder. Sein flüsterndes Murmeln verschmilzt mit den Schatten, bis er in der Dunkelheit der Philharmonie verschwindet. Ergreifend. Unvergesslich.
Schon nach einer Stunde wird klar, dass dieses Konzert historisch ist. Wie ein Fahrgast in Jim Jarmuschs Taxi in „Night on Earth“ reist man durch die Epochen und Emotionen. Jedem Stück geht ein Kommentar voraus, mal bescheiden, mal skurril, aber immer treffend. Bei „Joy“ spricht der australische Dichter von „dieser großen Emotion, die aus dem Blues hervorgeht“. Bei „O Children“ beklagt er „die Unfähigkeit der Welt, sich um ihre Kinder zu kümmern“ – die einzige politische Stellungnahme des Abends. Bei „Jubilee Street“ wird er zum Propheten, fast wie besessen, und hämmert jeden Satz wie einen Befehl heraus. Am Ende jedes Liedes wirft er seine Noten mit einer Handbewegung auf den Boden, als würde er sich von einer Last befreien.
Der erste Teil des Konzerts endet mit „Push the Sky Away“, einem der Höhepunkte des gleichnamigen Albums. Verschmitzt bemerkt Nick Cave: „Wir haben diese kleine Angewohnheit: Wir sagen, das sei der letzte Song, und kommen dann eine Minute später wieder zurück. Ihr müsst nur den Refrain mitsingen, dann kommen wir wieder “. Und schon verwandelt sich die Philharmonie in einen Chor : „You’ve gotta just keep on pushing / Push the sky away “. Nick lächelt und nickt. Er fügt hinzu: „And some people say it’s just rock and roll“. Dann verschwindet er unter tosendem Applaus. Einige missachten die Regeln, verlassen ihre Plätze und stürmen zur Bühne, um zu versuchen, ihrem Idol näherzukommen.
Als er zurückkommt, ist der Beifall noch lauter. Die Zugabe muss diesem Anspruch gerecht werden – und das wird sie auch. „Tupelo“, ein Titel aus dem Jahr 1984, der von der Geburt Elvis Presleys in einer Kleinstadt in Mississippi erzählt, fegt wie ein Tornado über das Publikum hinweg. Nick Cave, einer der größten Performer unserer Generation, liefert gemeinsam mit Colin Greenwood, dem Bassisten der einfallsreichsten Band meiner Jugend und einer der einflussreichsten unserer Zeit, eine Art beschwörende Jam-Session als Hommage an den King. Vor unseren Augen nimmt das gesamte musikalische 20. Jahrhundert Gestalt an.
Die Wände der Philharmonie geben nach: Greenwood bricht aus, wie ein Raubtier, das man zu lange eingesperrt hat. Sein Bass springt hervor, groovt, vibriert. Ihm gegenüber hat sich Nick Cave in einen halluzinierenden Prediger verwandelt. Jedes Wort ist eine Beschwörung, jeder Satz ein Schrei. „Tupelo“ vereint alles, wofür er steht: Intensität, Spiritualität, Trauer, Wut und Leidenschaft. Und blitzschnell verkündet er: „The King will walk on Tupelo!“, als hätte er die Macht, Tote zum Leben zu erwecken.
Das Konzert hätte dort enden können, in einem fast messianischen Höhepunkt. Doch Nick Cave ist noch nicht fertig. Er zaubert weitere Juwelen aus seinem Repertoire als verfluchter Poet hervor: „Love Letter“ und „(Are You) The One That I’ve Been Waiting For?“ geben uns die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen. Dann folgte die zweite große Coverversion des Abends: „Cosmic Dancer“ von T. Rex. Cave verrät uns, dass Marc Bolan sein größtes Vorbild ist, und stürzt sich dann mit Leib und Seele in diesen existentiellen Song, der Leben und Tod in Tanzschritte verwandelt. Greenwood, nun befreit, stürzt sich in ein atemberaubendes Basssolo. Er, der den ganzen Abend über so zurückhaltend gespielt hatte, kann endlich glänzen. Und Nick Cave, sein Komplize, beobachtet ihn mit einem verschmitzten Lächeln.
Von Leonard Cohen bis T. Rex, von Radiohead bis Elvis Presley – alle musikalischen Verbindungen werden vor unseren Augen lebendig. Dieses Konzert ist mehr als nur eine Hommage: Es wird zur Weitergabe. Die Glocken läuten zum unvermeidlichen „Into My Arms“. Ein Moment des Innehaltens, der die Liebe und die Anmut feiert, um diesen Abend (und diese Tournee) zu besiegeln und den 2.000 Zuschauern die Hoffnung zu geben, sich bald wiederzusehen.
„ So lasst eure Kerzen brennen / Macht ihre Reise hell und rein / Damit sie immer wieder zurückkehrt / Für immer und ewig. “ Komm schnell zu uns zurück, Nick.