Vor knapp vierzig Jahren, zwischen 1985 und 1987, warfen zwei Brüder aus einem Vorort von Glasgow zwei große Steine in einen Teich aus synthetischem Pop mit einer insgesamt glatten Produktion. Die Wirkung von The Jesus and Mary Chain war überwältigend. Die Band knüpfte an die romantischen Gitarrenklänge der Smiths an, versah diese jedoch mit einer bis dahin selten gehörten Düsternis, Kraft und Punk-Aggressivität. In Windeseile, „Psychocandy“ im Jahr 1985 und „Darklands“ im Jahr 1987, verschmolzen die Reid-Brüder die Ramones, den Velvet Underground und Einstürzende Neubauten und legten die Welt zu ihren Füßen – mit intensiver Musik, nihilistischer Ästhetik und provokanter Melancholie. Ihre Konzerte beschränkten sich auf zwanzig Minuten Lärm, Rückkopplungen und eine Haltung, die zugleich distanziert und provokativ war und häufig zu Schlägereien im Publikum führte. All das konnte unmöglich lange gut gehen. Elf Jahre nach „Darklands“ trennte sich die Band nach einem brüderlichen Streit auf der Bühne in Los Angeles.
Seit nunmehr etwa fünfzehn Jahren kehrt The Jesus and Mary Chain immer wieder sporadisch zurück – in eine Welt, die nichts mehr mit dem England der Thatcher-Ära zu tun hat, in dem die Band einst gegründet wurde. Eine Welt, in der „Just Like Honey“, der Eröffnungssong von „Psychocandy“, untrennbar mit der Schlussszene des Kultfilms „Lost in Translation“ von Sofia Coppola verbunden ist. Allein die Vorstellung, dass ein Fünfzigjähriger im Anzug in einem Taxi durch die Straßen Tokios fährt und dabei diesen Song illustriert – ein Lied, das ebenso sehr von Liebe wie von der Sucht nach dem weißen Pulver handelt, muss Jim und William 1985 unpassend erschienen sein – in einem Alter, in dem es undenkbar scheint, über die nächste Woche hinauszudenken.
Auf der Bühne des „Atelier“ waren am vergangenen Donnerstag einige hundert Bob Harris alias Bill Murray im Saal. Auf der Bühne machte sich das Alter letztlich kaum bemerkbar, zumindest was Jim Reid betraf. Musikalisch gesehen hingegen – war das Genie der Band in ihren Anfängen darin zu bestehen, Noise und Pop zu vermischen –, muss man zugeben, dass Dissonanz, Lärm und Verzerrung mittlerweile weitgehend in den Hintergrund getreten sind. Der Sound ist dennoch sehr gut, klar und dicht zugleich, und bringt die Melodien besonders gut zur Geltung, wie beim Hit „Happy When It Rains“ (aus „Darklands“), der bereits als zweiter Titel gespielt wurde. Jim Reid singt nicht mehr mit dem Rücken zum Publikum, wie er es früher getan hat. Er beugt sich nach vorne, umklammert das Mikrofon mit beiden Händen, bleibt im Halbdunkel und spricht zwischen den Stücken nur wenig. Man hätte sich gewünscht, dass sich seine Stimme manchmal etwas stärker aus dem Klangteppich hervorhebt, aber das ist zweifellos ein notwendiges Zugeständnis, um ihre eher poporientierten Titel nicht zu sehr zu verzerren.
Auch wenn es dem ersten Teil des Konzerts ein wenig an Überzeugungskraft fehlte, war ab der Mitte eine zunehmende Dynamik zu spüren, die durch mal energiegeladene, mal bezaubernde Stücke geprägt war. Besonders in Erinnerung bleibt das Triptychon „Nine Million Rainy Days“ / „Blues From A Gun“ / „Venal Joy“, das fast im Alleingang die gesamte Karriere der Band zusammenfasst – von „Darklands“ über „Automatic“ (1989) bis hin zum neuen Album „Glasgow Eyes“. Das Set endete mit dem unvermeidlichen, bereits erwähnten „Just Like Honey“, bevor es zu einer Zugabe mit drei Stücken kam, deren Höhepunkt der Knaller „Reverence“ (aus „Honey’s Dead“ von 1992) war, einem Knaller, dessen Intensität in der an diesem Donnerstag gespielten, ausgedehnten Version um ein Vielfaches gesteigert wurde, in der Jim unermüdlich „I wanna die, I wanna die“ singt.
Zwei wichtige Songs wurden seltsamerweise aus dieser Setlist ausgelassen: „April Skies“ und „Darklands“. Besonders frustriert sind wir darüber, dass wir letzteren nicht gehört haben – den Opener des gleichnamigen Albums, zweifellos den schönsten Song, den sie je geschrieben haben, und unserer bescheidenen Meinung nach eine der Hymnen der 1980er Jahre. Zugegeben, die Band macht nicht mehr so viel Lärm wie früher, die Spannung auf der Bühne hat etwas nachgelassen und die hochprofessionelle Klangbeherrschung lässt vermuten, dass die Brüder mittlerweile das Leben von guten Familienvätern führen, weit entfernt von den Rock’n’Roll-Eskapaden ihrer Anfänge. Doch ein gewisser rebellischer Geist ist nach wie vor präsent – mal im Gitarrensound, mal in der Haltung von Jim Reid, der einen Auftritt prägt, der zwar ohne Übertreibungen auskommt, aber dennoch direkt, authentisch und überzeugend ist.