Alle Mittel sind recht, um den Druck vor dem Auftritt zu bewältigen. Manche beten, umarmen sich oder toben sich aus. Wieder andere, wie Leonard Cohen oder Claude François, tranken gewöhnlich wenige Minuten vor dem großen Auftritt einen Whisky. Fragt man Kid Colling, ob er ein Ritual vor dem Konzert hat, denkt er lange nach und kann sich keines vorstellen. Der Musiker fühlt sich auf allen Bühnen wohl, ob klein oder groß, und er liebt es zu sehr, um nervös zu sein. An diesem Freitagabend, dem 9. Februar, sind die Umstände jedoch etwas besonders, und der bekannteste luxemburgische Bluesmusiker seiner Generation verspürt eine leichte Beklemmung. Mit seiner Band, dem Kid Colling Cartel, präsentiert er dem heimischen Publikum das Ergebnis mehrjähriger Arbeit. Ein Album mit dem Titel „Living on the Wild Side“, das am selben Tag beim Label Rock’n’Hall erschienen ist. Während sich der Saal nach und nach zu den Klängen von San-Ho-Zay füllt, die das Vorprogramm bestreiten, gibt Kid Colling seinen Musikern letzte Anweisungen.
Stéphane „Kid“ Colling ist ein Wunderkind. Seine bewegende Geschichte ist bekannt. Es ist die Geschichte eines in Bogotá geborenen Waisenkindes, das von einem luxemburgischen Ehepaar adoptiert wurde und das, als es in einer Bar in Clervaux herumhing, den Blues entdeckte – was sein Leben veränderte. „Jeder Bluesmusiker wird dir dasselbe sagen. Der Blues ist keine Musik, die man sich aussucht. Er sucht sich einen aus. Man kann es nicht erklären, es ist ein Gefühl.“ Als Teenager hörte er, wie die meisten Jugendlichen in seinem Alter, Nirvana, Rage Against the Machine oder auch den Wu-Tang Clan. Er schrieb übrigens Rap-Texte und dachte darüber nach, sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Doch dann hörte er eines Tages ein Solo von Luther Allison und fand seine Berufung. Man stellt sich vor, wie er mit seiner Gitarre auf dem Rücken alle Bars von Nord nach Süd durchstreift. Doch in Wahrheit stand er erst relativ spät zum ersten Mal auf einer Bühne – und das in einem Rahmen, der für seine damals noch zierlichen Schultern eindeutig zu ehrgeizig war.
Wir schreiben das Jahr 2009, er ist 25 Jahre alt und seine erste Band „Ousiders Mood“ wird eingeladen, in Weiswampach bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung aufzutreten, die von den Harley Brothers, einem Motorradclub, organisiert wird. „Ich habe rumgealbert (lacht). Ich hatte B.B. King im Kopf, also habe ich eine Bläsersektion, mehrere Gitarren, eine Sängerin – einfach das ganze Programm – hinzugefügt.“ Der junge Komponist stieß damals auf ein wenig begeistertes Publikum. „Ich hatte den Eindruck, dass sie aus Mitleid applaudierten.“ Der zufriedene Veranstalter beruhigte ihn zwar, doch er wusste, dass er sich noch steigern musste. 2012 gründete er seine Band „Cartel“, die zwölf Jahre lang die lokale Szene unsicher machte und sich zu einer luxemburgischen Referenz im Bereich des alternativen Blues-Rock entwickelte. Heute besteht die Band aus dem Bassisten David Franco, dem Schlagzeuger Florian Pons und dem Keyboarder Alex Logel. Die Großregion haben sie bereits ausgiebig bereist. Ihr Ziel ist ganz klar der internationale Durchbruch.
Kid Colling begab sich eines Tages zu dieser Kreuzung im tiefsten Mississippi, wo der große Robert Johnson der Legende nach einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben soll, um der größte Gitarrist seiner Zeit zu werden. Dieser Gedanke war dem Luxemburger damals kurz durch den Kopf gegangen, doch die erhoffte Begegnung blieb aus. Würde sich heute eine solche Gelegenheit bieten, würde er es sich zweimal überlegen. Er ist gerade Vater geworden und hat vor einigen Jahren seinen eigenen Vater verloren. Solche Ereignisse verändern einen Menschen. 2023 war zudem das Jahr, das ihm eine gewisse Stabilität gebracht hat, insbesondere durch seine Arbeit an zwei Tagen pro Woche im „Hariko“ in Esch-sur-Alzette, wo er für den musikalischen Bereich zuständig ist. Dennoch bleibt seine Hauptbeschäftigung die Weiterentwicklung seines Projekts „Cartel“. „Ich betrachte meine Musik auch als Unternehmen. Es erfordert viel Investition in Ausrüstung sowie in Ausbildung und Lernen. Und dann kostet es ein Vermögen, ein Album herauszubringen …“. Er sieht die Vaterschaft nicht als Hindernis für seine Karriere, sondern im Gegenteil als zusätzlichen Ansporn.
Zurück in der Rockhal, wo ihr treues Publikum das neue Album entdeckt. Zu diesem Anlass ist Laurent Pisula, ein zweiter Gitarrist, gekommen, um der Band unter die Arme zu greifen. Ihr Duo sorgt für Funken. Über eine Stunde lang spielt Le Cartel einen Teil seines Repertoires. Der traditionelle, ländliche Blues ist einer wilden und – das muss man sagen – unverkennbaren Musik gewichen. Das Album entstand zum Teil während eines dreimonatigen Aufenthalts in New Orleans, und das hört man auch. Im Gegensatz zu früheren Projekten verleihen jedoch bestimmte Kompositionen wie „El Gato“ dem Ganzen eine spanische Note und sorgen so für eine Art neuartige Rückkehr zu den Wurzeln. Die Geschichte dieses Stücks ist übrigens lesenswert.
Eines Morgens im Jahr 2017 entdeckt ein Mann in der Zeitung die Ankündigung eines Konzerts von fatsO, einer kolumbianischen Bluesband, die gerade auf Europatournee ist und in der Coque Halt macht. Er schneidet den Artikel aus und schiebt ihn unter der Tür seines Sohnes hindurch. Dieser Sohn ist Kid Colling, der sich umgehend mit dem Management der Band in Verbindung setzt. Er wird zur Show eingeladen und freundet sich mit deren Frontmann Daniel Restrepo an, den er zweimal in Bogotá besucht. Da Musik im Wesentlichen das Ergebnis schöner Begegnungen ist, ist Restrepo als Gastmusiker auf „El Gato“ zu hören, einem ebenso mitreißenden wie persönlichen Stück, das in der Diskografie von Le Cartel aus dem Rahmen fällt. Kid Colling erzählt darin seine Geschichte zu Ukulelenklängen. Die Geschichte einer Katze, eines „Gato“, die trotz aller Rückschläge immer wieder auf die Beine kommt. Ein Musikvideo zu diesem Song, der das Zeug zum Hit hat, wurde übrigens in Kolumbien gedreht. Es soll im Frühjahr erscheinen. Man sagt, eine Katze habe neun Leben. Wenn man Kid Colling fragt, ob er noch bei seinem ersten ist, denkt er lange nach. „Ich habe mich schon in verschiedenen Geschichten wiedergefunden, die eines Actionfilms würdig sind… Ein paar Leben habe ich definitiv schon verbraucht, aber es bleiben mir noch genug übrig. “