BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Musik 4 Min. Lesezeit

Die „Très riches Heures de Chantilly“

Diese Stunden sind umso bereichernder, als das Programm sowohl etablierte Talente als auch vielversprechende Nachwuchskünstler vereint

Erschienen in Ausgabe September 2025
Artikel teilen auf

Der Zufall soll die Dinge manchmal gut regeln ; ja, nennen wir es reinen Zufall. Auf jeden Fall ein Glücksfall, die Ausstellung zum Stundenbuch des Herzogs von Berry besuchen zu können und am selben Wochenende drei Konzerte zu erleben, die zudem zwei verschiedene Schwerpunkte hatten: einerseits Gesang mit Schubert und Mahler, andererseits französische Musik anlässlich des Ravel-Jubiläums. Allerdings muss man gleich zugeben, dass uns schon allein das Anwesen von Chantilly begeistert, und ganz gleich, mit welchem Fortbewegungsmittel man sich auf dem Kopfsteinpflaster bewegt, das es durchzieht: Man hat das Gefühl, in einer Kutsche zu sitzen, mit dem Park und dem Schloss auf der einen Seite und den Stallungen, die Pferderennbahn und ihre Tribüne aus einer anderen Zeit.

Gehen wir chronologisch zurück bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts, zum Herzog von Berry und seinen prächtigen Handschriften, die ausnahmsweise ausgestellt werden. Leider unter schlechten Bedingungen: beengte Räume (die Bedingungen des Vermächtnisses des Herzogs von Aumale beschränken die Ausstellung auf das Anwesen; der Teppich von Bayeux hingegen wird trotz seiner Zerbrechlichkeit auf Reisen gehen – die Diplomatie gebietet es) und keine Zeitfenster. Eine Ausstellung, die weitaus Besseres verdient hätte – ebenso wie das Publikum. Was natürlich ihrer Pracht und dem Feuerwerk (den leuchtenden, satten Farben) der Miniaturen keineswegs Abbruch tut, und weder die Kalligraphie noch die Randverzierungen sind weniger begeisternd, selbst wenn man sie so nacheinander entdeckt.

Man kennt die Bilder aus dem Kalender, doch wenn man sie aus der Nähe betrachtet, in ihrer ganzen Realität, ist das etwas ganz anderes: die Szenen aus dem Leben des Adels oder der Bauern, die mittelalterlichen Bauwerke, überragt von astronomischen Angaben. Da sind die Aussaat, die Weinlese, die Heuernte, der Festzug, da ist das Schloss von Saumur mit seinen Türmen und seinen Wetterfahnen mit Lilien, da sind Vincennes, der Louvre und die Stadt Paris. Lassen wir dieses Staunen hinter uns und tauchen wir ein in die Hölle mit Satan in ihrer Mitte – die höllische Vision von Bosch wird ein halbes Jahrhundert später folgen.

Doch in Chantilly achtet man nicht mehr auf die Zeit. Man wechselt von einem Jahrhundert zum anderen, so wie man von einer Straßenseite zur anderen wechselt – in diesem Fall zu den Grandes Écuries und zu Matthias Goerne und Schuberts „Winterreise“ unter der Kuppel, zu der man gelangt, nachdem man an den Ställen solcher Tiere mit vielsagenden Namen wie Sultan, Balzac oder Hamilton. Matthias Goerne und die „Winterreise“ – das ist eine lange Geschichte, seit seiner Aufnahme mit Alfred Brendel im Jahr 2003. Natürlich hat sich die Stimme verändert; was einst eine klare Aussage war, ist heute eher eine Andeutung. Als ob diese ganze Reise hin zur Begegnung mit dem Drehleierspieler nur Erinnerung wäre, Vergangenheit, immer wieder aufgegriffen und wiedergekäut zu unserem größten Vergnügen. Und das ist umso bewegender, und der begleitende Pianist, Iddo Bar-Shai, der übrigens künstlerischer Leiter der „Coups de Cœur“ ist, scheint von Goernes Gesten mitgerissen zu werden und skizziert die Melodielinie. Mit „Hinterhäuser“ hat Goerne Schubert in einer grafischen Inszenierung von Kentridge präsentiert; hier müssen wir die Bilder selbst erschaffen, alles ist verinnerlicht, innerlich.

Am nächsten Tag gab es weitere, noch eindringlichere Höhepunkte mit Mahler und Liedern aus dem „Knaben Wunderhorn“. Auch mehr Schwung war zu spüren, unterstützt vom Orchestre national de Lille. Es folgten Jörg Widmann mit seiner „Aria für Streicher“, schließlich Ravel mit „Ma mère l’Oye“, „Boléro“ und ein schönes Zusammenspiel der Musiker unter der Leitung von Joshua Weilerstein. Doch die Überraschung – und was für eine mitreißende! – hatte am Morgen in der Galerie de Peinture stattgefunden: zwei junge Musikerinnen, Sarah Aristidou, Sopran, und Nour Ayadi, Klavier – letztere atemberaubend in ihrer Virtuosität und Ausdruckskraft in der von Busoni neu interpretierten Chaconne von Bach, ebenso zart bei Debussy und Ravel, um die melodiöse, so klare Stimme der Sopranistin zu begleiten. Pure Raffinesse, schillernde Klänge, zeitweise geradezu feuriges Glühen, bevor diese exquisite Stunde mit einem Kaddisch endete.

Martha Argerich und Marc Minkowski waren die ersten Gäste, die in diesem Jahr nie allein auftraten, sondern – wie man so schön sagt – mit Freunden oder mit ihren „Musiciens du Louvre“. Die Saison der „Coups de Cœur“ wird fortgesetzt und endet am 11. und 12.Oktober mit Leonardo Garcia-Alarcon und der Cappella Mediterranea, und Händel, ebenso wie Scarlatti oder Gesualdo, werden ihrerseits diese außergewöhnliche Architektur in höchstem Maße zum Klingen bringen und zum Leben erwecken.