„Ich würde lieber in einer Wanne voller Haferbrei ertrinken und daran ersticken, als mir das noch einmal anzuhören.“ So schrieb der Musikkritiker Dave Simpson 1993 in der Zeitschrift „Melody Maker“ über „Souvlaki“, das zweite Album von Slowdive, als es erschien. Dreißig Jahre später ziert das Cover eben dieses Albums – ein Foto der fünf Rocker aus Reading – die T-Shirts, die am Merch-Stand der Band verkauft werden, die mittlerweile als Kultband und als einer der Pioniere eines Rock-Subgenres gilt: Shoegaze, ebenso wie Ride oder My Bloody Valentine. Eine echte Wiederauferstehung, mit der niemand gerechnet hatte, am wenigsten die Betroffenen selbst.
Slowdive ist ein Sonderfall, ein faszinierendes Beispiel für ein unvorhersehbares Leben und ein außergewöhnliches Schicksal. Die Band, die Ende der 1980er Jahre auftauchte und Mitte der 1990er Jahre fast völlig in der Anonymität verschwand, erwachte zwanzig Jahre später als Superstar wieder zum Leben. Diese Geschichte erinnert an Velvet Underground, CAN oder auch Joy Division – andere Formationen, die nach ihrer Auflösung, jede auf ihre eigene Weise, einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Es bedurfte des Zusammenspiels zahlreicher Faktoren, damit dieses Wunder wahr werden konnte, doch nichts davon wäre geschehen, hätte ihr Erbe nicht einer ganzen Reihe aktueller Bands als Inspiration gedient, allen voran Beach House, Cigarettes After Sex oder auch The XX. Dann kamen Spotify und TikTok ins Spiel und setzten diese melancholischen Melodien, die an der Schnittstelle zwischen Traum und Verzerrung liegen, mithilfe von Algorithmen, Playlists und von vorpubertären Teenagern gedrehten Homevideos durch. Ein unerwartetes Comeback für einen Musikstil, der damals als langweilig galt und heute den Höhepunkt der Coolness der Generation Z darstellt.
Das scheint kaum zu glauben, wenn man an die halb leeren Säle denkt, in denen die Band zu Beginn ihrer Karriere auftrat, doch das „Atelier“ war am vergangenen Dienstag bis auf den letzten Platz gefüllt, als diese großartigen Außenseiter, mittlerweile in den Fünfzigern, wieder auf der Bühne standen – zurück seit einer Einladung aus heiterem Himmel zur Teilnahme am Primavera Sound Festival 2014 in Barcelona und Schöpfer eines kürzlich erschienenen, unverzichtbaren Albums: „Everything Is Alive“, das zugleich introspektiv, verträumt und poppig ist und hier und da ein paar Synthesizer-Akzente wagt – ein Album, das durchaus ihr bestes sein könnte.
Als eine Art Streich gegen ihre eigene, auf der Sechs-Saitigen basierende Geschichte begann dieses Konzert in Luxemburg mit „Shanty“ – einem Titel aus dem aktuellen Album –, bei dem die Synthesizer voll zur Geltung kamen, und griff anschließend auf das gesamte Repertoire der Band zurück, ohne dabei eine einzige Schaffensphase auszulassen. Nach und nach baut sich die Klangwand auf, die Gitarren dröhnen, jeder Winkel des „Atelier“ scheint von diesen nebelhaften, fast psychedelischen Stimmungen durchdrungen zu sein. Die Stimmen von Rachel Goswell, ätherisch, und Neil Halstead, eher gelassen, verflechten sich und antworten einander in einer traumhaften Melancholie, die uns das Zeitgefühl verlieren lässt. Nach etwas mehr als einer Stunde endet der erste Teil des Konzerts mit dem Trio „Alison“ / „When The Sun Hits“ / „40 Days“ – drei bezaubernde Stücke aus dem bereits erwähnten Album „Souvlaki“, drei Hymnen, die vom Publikum begeistert gefeiert werden. Als Zugabe werden zwei Titel aus eben diesem Album gespielt („Machine Gun“ und „Dagger“), und der Abend endet mit dem gleichnamigen „Slowdive“, der allerersten Single der Band, die 1990 auf dem Label Creation Records von Alan McGee erschien.
Eine Generation später – eine Ewigkeit im Maßstab der verstärkten Musik – hat eine Band, die aus den Trümmern des Post-Punk hervorgegangen ist und Fans von The Cure und Siouxsie and the Banshees (von denen ein Song der Band ihren Namen gab), neue Höhen erreicht, indem sie eine Alchemie aus dem Shoegaze ihrer Anfänge und abenteuerlichen Ausflügen in den Synth-Pop schuf, die sich durch sich ständig wandelnde Klanglandschaften bewegte, ihr Publikum erneuerte und gleichzeitig die Nostalgiker der ersten Stunde bei der Stange hielt und sich so nicht nur als postmoderne Dream-Pop-Ikone, sondern als eine Säule des Alternative Rock positionierte – sofern dieser Begriff im Zeitalter von TikTok überhaupt noch eine Bedeutung hat. Man hofft, dass er der Netflix-Serie und der Zusammenarbeit mit Taylor Swift noch lange standhalten wird.