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Feuilleton 5 Min. Lesezeit

Irgendwo ins Nirgendwo

Max Bloms dystopische Collage Dissapear Here am TNL wird getragen von schwarzem Humor, Live-Musik und einem nuancierten Schauspiel

Erschienen in Ausgabe Juni 2026
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© Bohumil Kostorhyz

Es sind umherirrende Fremde, die zwischen Motel-Zimmern und verlassenen Wegen durch die Nacht streifen. Ihr Weg führt nirgendwo hin, aber zumindest sind sie unterwegs. Liest man über das Konzept von Disappear Here, kann einem schwindelig und bange werden. Diese Dystopie, eine Collage, vereine Versatzstücke unterschiedlichster Romane, Songs, Filme, Clips und Insta-Reels – sie folge zwei Personen, die mehr oder weniger am Leben seien und durch eine Welt navigieren, die von Tod, Erinnerungen, Verlust und Verschwinden geprägt ist, also vom eigentlichen Leben.

Der italienische Schriftsteller Italo Calvino wird in Englisch zitiert: „Perhaps this is the city where you arrive dying and where each finds again the people he has known.“ Der Tod ist laut Autor Sam Pink das neue Leben, liest man in der begleitenden Broschüre. Und: „Italo Calvino trifft auf Timber Timbre trifft auf Kafka trifft Ellis’ L.A: Noir trifft auf die Jim Caroll Band.“

Die zweite Theatershow von Max Blom nach High Fever in der letzten Spielzeit am TNL ist eine Text-Collage. Doch nicht nur der Text hat den Charakter eines Kaleidoskops, das keiner linearen Handlung folgt und irgendwo ins Nirgendwo führt; auch das sinnliche Schauspiel der beiden Schauspieler/innen Marie Jung und François Camus weckt einen Strudel an Emotionen, aufwühlend, irritierend und mitreißend.

Die Besucher/innen nehmen Platz im Foyer des TNL, wo am Boden Sand aufgeschüttet ist wie auf einem Beach-Volleyballfeld und ein Gitter den kleinen Bühnenraum abtrennt (Set-Design: Christoph Rasche). Dahinter ist ein E-Piano, dem der mal indifferent, doch meistens düster dreinblickende Klangkünstler Thomas Lea Clarke, der im Januar 2026 unter anderem an der Sound-Installation A Comparative Dialogue Act im Mudam an einem Artist-in-Residence-Programm mitgewirkt hat, dystopische Töne entlockt.

Das Stück wird eingeläutet durch Live-Sounds seiner E-Gitarre. Zunächst wird Marie Jung gefühlsbetont einen alten amerikanischen Volks- und Gospel-Song The Wayfaring Stranger singen und gespenstisch über den Sand gleiten. Der Song fügt sich in das Konzept, er wurde x-mal interpretiert, unter anderem von der Psychedelic-Rockband HP Lovecraft.

Marie Jung: „Perhaps this is the city where you arrive dying and where each finds again the people he has known. This means I, too, am dead.“ Ihr Gegenpart, François Camus, wird seinerseits vor sich hin sinnieren: zwei Gestalten, die durch lose Erinnerungen, Schmerz und eine zersetzende Leidenschaft miteinander verbunden sind und sich durch eine unwirkliche Welt treiben lassen. Oder sind sie beide nicht mehr von dieser Welt?

In der zweiten Szene (Los Angeles) wird Marie wie in David Lynchs Lost Highway feststellen, dass diese Straße nirgendwo hinführt, während die Jim Carroll Band mit den Worten zitiert wird: „Those are people who died, died. They are all my friends and just died.“

Realität und Fiktion verschwimmen zu einem absurden Strudel, die Darsteller/innen (gleichermaßen stark in ihrer Performance) machen scheinbar zusammenhanglos Gedankensprünge, wiederholen Wörter so lange, bis diese ihre Bedeutung verlieren, und driften streckenweise ab ins Paranoide.

Dennoch ist dieses gut einstündige Stück nicht unheimlich und beklemmend, sondern – lässt man sich auf das Spiel ein – ein Vergnügen. Das liegt auch an der Selbstironie, mit der Camus seine eigene Figur persifliert. Etwa, wenn er in Jeansjacke und Sonnenbrille mit französischem Akzent ins Mikro haucht, er sei eigentlich ein Rockstar. Aber auch Marie Jung glänzt in ihrer Rolle und wandelt sich stetig wie Samsa in Kafkas Verwandlung.

In der fünften Szene („Some form of love“) wird das Paar über seine Ängste sprechen, Vorwürfe knallen aufeinander wie Peitschenhiebe. François: „I’m dead, baby. Dead as dogshit.“ Und die Gespräche werden immer absurder. Irgendwann dreht sich der Dialog um einen Hummer …

Als Zuschauerin kringelt man sich vor Vergnügen und stellt sich seltsame Fragen: Die Motte, der Camus auf einmal im Nebel der Bühne hinterherjagt, kann doch unmöglich gecastet worden sein?! Ein zufällig absurdes Element. Während sie sich erhobenen Hauptes dem Streit und seinen Anklagen stellt und ihm hochmütig entgegnet, er solle doch gehen, halluziniert er nur davon, ein Rockstar zu sein.

Die Beiden kehren ihr Innerstes nach außen: François Camus spielt die ganze Klaviatur der toxischen Männlichkeit, zwischen Selbst-Über- und Unterschätzung, zwei Seiten einer Medaille, und feuert Wortsalven selbstmitleidig und pathetisch, anklagend, vorwurfsvoll: „Well, it’s true. What am I doing here? I don’t know who I am anymore. My wife’s left me. And here I am stuck with you.“ Während ihm Marie nur trocken entgegnet: Geh doch, wenn Du willst!

In Sekunden schwappt Liebe in Verachtung und Hass um. Die Abhängigkeit der Beiden ist greifbar im Raum. Wie es sein kann, dass sie unglücklich sind, fragt er. „Es muss an der Jahreszeit liegen“, entgegnet sie ihm kühl.

Er wolle nicht. Er wolle. Wolle sie!, kräht er. Die beiden brauchen einander und können in ihrer zersetzenden Liebe doch nicht miteinander: „It’s been going on too long. I can’t take it anymore. I get sick everytime you come around. Then I get sick when you leave. You’re like a disease to me.“

Disappear Here löst einen Strudel an Assozia- tionen aus; rüttelt eingeschlafene Geister wach, wirft auf einen auf sich selbst zurück und reißt das Publikum unerwartet aus seiner Behaglichkeit. p

Disappear Here. Mit: Marie Jung, François Camus und Thomas Lea Clarke (Live Musik); Regie: Max Blom; Set Design: Christoph Rasche; Dramaturgie: Florian Hirsch; Musik: Thomas Lea Clarke. Eine Produktion des Théâtre National du Luxembourg. Weitere Spieltermine am 17., 19., und 25. Juni um 19.30 Uhr am TNL