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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Räuberische Prokrastination

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Mai 2022
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Aufschieben – eine menschliche Schwäche, eine lässliche Sünde, eine bedauerliche, aber unvermeidliche Konstante des menschlichen Verhaltens? Der Klima-Zukunftsforscher Alex Steffen aus Seattle fordert uns auf, unsere Wahrnehmung dieses Begriffs zu überdenken, indem er ihn als „räuberisch“ bezeichnet. „Predatory delay“ ist nach seiner Definition „die absichtliche Verlangsamung des Wandels, um einen profitablen, aber nicht nachhaltigen Status quo zu verlängern, dessen Kosten von anderen getragen werden“.

Der Vorteil dieser Betrachtungsweise besteht darin, dass sie uns ein solides konzeptionelles Instrument an die Hand gibt, um den unzähligen Ausflüchten entgegenzutreten, mit denen der Ausstieg aus fossilen Energien immer wieder aufgeschoben wird. Wer zögert ? Es gibt zwar eine kollektive Verantwortung – formal gesehen sind alle Menschen gemeinsam gegenüber denen verantwortlich, die in einigen Jahren auf diesem Planeten leben werden. Aber nicht alle engagieren sich in vergleichbarem Maße bei den Blockadeversuchen. In dem Bildausschnitt, den Steffen auf Twitter veröffentlicht hat, ist seine Definition passenderweise über das Bild einer Offshore-Ölplattform in einer arktischen Landschaft gelegt.

„Die Zukunft gehört uns“, betont Steffen. Das heißt: „Die Menschen, die in Zukunft leben werden, können ethische Ansprüche an uns stellen. Wir haben Pflichten ihnen gegenüber. Sie haben Rechte. “ Derzeit geht man davon aus, dass „die Eigentumsrechte der heutigen Generationen Vorrang vor den Menschenrechten der nächsten hundert Generationen haben“.

Das Konzept der „räuberischen Prokrastination“ weist gewisse Parallelen zum Begriff des „Ökozids“ auf. In beiden Fällen geht es darum, zeitgenössische Verhaltensweisen angesichts der Schäden, die sie verursachen und noch verursachen werden, unter Strafe zu stellen. Das Konzept der Prokrastination hat jedoch den Vorteil, dass es dabei hilft, die Fülle und Heuchelei der vorgebrachten Gründe zu entlarven, mit denen vor allem verhindert werden soll, dass wir unsere energieverschwendenden und zerstörerischen Süchte in nächster Zeit ändern. Eine Haltung, die Steffen mit der eines Menschen vergleicht, der auf einem öffentlichen Platz eine Bombe platziert, die so eingestellt ist, dass sie ein Jahr später explodiert. Muss er vor Gericht gestellt und daran gehindert werden, weiteren Schaden anzurichten? Zweifellos wird es einen Konsens geben, der dies bejaht. Wenn die Bombe so eingestellt ist, dass sie in zehn Jahren explodiert, wie sieht es dann aus? Und wenn es um hundert Jahre geht? „Wo endet unsere Verpflichtung, schwerwiegende und vorhersehbare Schäden für andere zu vermeiden?“, fragt er. Und er zitiert Paul Hawken, für den „wir eine Wirtschaft haben, in der wir die Zukunft stehlen, sie in der Gegenwart verkaufen und sie BIP nennen“.

Wenn ein Schüler lieber an seiner Spielkonsole spielt, als seine Hausaufgaben zu machen, wird ihm das gerne verziehen. Diese Art des Aufschiebens wird ihm zwar eine Eselmütze einbringen und seine schulische Laufbahn gefährden, wenn sie zur Gewohnheit wird. Wenn jedoch Investmentfonds, Aktionäre, Industriekapitäne und politische Entscheidungsträger – unterstützt von einem Teil der Wählerschaft – darauf bestehen, die Dekarbonisierung und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen aufzuschieben, ist das etwas ganz anderes: Das ist in der Tat das Verhalten eines Raubtiers.