In ihrem neuesten Buch Rouge fantôme zeichnet Corina Ciocârlie die Geschichte Luxemburgs von der industriellen Revolution bis zur Nachkriegszeit nach, wobei sie von der Statue einer antiken Göttin im Garten des Cafés der Familie Rossi in Dudelange ausgeht. Diese Skulptur steht im Mittelpunkt der Erzählung, da sie eine magische Anziehungskraft ausübt. Das Buch vereint eine Sammlung von Fotografien, Zeitungsartikeln, literarischen Anspielungen, Karten und Erinnerungen. Die Gestaltung und die Kommentare der Autorin machen das Werk zu einem persönlichen Einblick in das Leben der Bergleute und ihrer Familien im Quartier Italien.
Das Buch beginnt mit einem Foto der Familie Rossi vor der Statue einer Frau, die zwei Amphoren trägt, im Garten ihres Cafés. Neben der Familie lassen sich auch ihre Gäste vor der Statue fotografieren. Das Schicksal der Familie und das steinerne Abbild der Göttin Fortuna symbolisieren die Herausforderungen der Migration und die Unwägbarkeiten des Lebens. Von Anfang an zeigt Corina Ciocârlie, dass sie sich nicht damit begnügt, nur an der Oberfläche der Geschichte zu kratzen, sondern dass sie versucht, ein tiefgreifendes Bild der Geschichte des „Minett“ zu zeichnen. Sie erzählt sowohl von den schwierigen Momenten als auch von den angenehmen Erlebnissen. Dank der intermedialen Gestaltung des Werks gleicht das Lesen dem Besuch einer Ausstellung. Der Leser entdeckt persönliche Geschichten über den Beginn eines neuen Lebens und die Entscheidung, die eigenen Gewohnheiten, Freunde und Familie hinter sich zu lassen. Dieses Schicksal ist geprägt von Unsicherheit und der Herausforderung, sich an eine unbekannte Umgebung anzupassen. „Nach jeder neuen Migrationswelle kehren sich die Rollen um, doch es hagelt dieselben Beleidigungen.“ Fernab von Stereotypen und Vorurteilen bildet sich eine Gemeinschaft, und ein Gefühl der Solidarität entsteht: Die Erinnerung an die „Mütter Courage“ ist im kollektiven Gedächtnis noch immer präsent. Die 1911 von italienischen Einwanderern gegründete „Fratellanza“ hatte die Aufgabe, Bälle und Cafés zu beleben.
Der Autorin gelingt es, Fiktion und Realität miteinander in Einklang zu bringen. Zwischen historischen Dokumenten und persönlichen Erzählungen finden sich intertextuelle Verweise, die sich so nahtlos in die Erzählung einfügen, dass es den Anschein erweckt, als habe sich alles genau so zugetragen. Zudem versteht sie es, die Ambivalenz der Geschichte zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie bewahrt die Erinnerung an die Menschen, die Tag für Tag in den Hochöfen und Bergwerken gearbeitet haben. In diesem Werk tritt die Arbeit jedoch in den Hintergrund und macht Platz für den Alltag der Bewohner, der in den Mittelpunkt der Darstellung rückt. Ciocârlie haucht dem Quartier Italien neues Leben ein, indem sie zeigt, wie zwischen den Cafés, dem Fußballstadion, der Eisenbahn und den Hochöfen eine eigenständige Parallelwelt entstanden ist. „Mitten im Herzen dieses ‚kleinen Landes im Land‘, nur einen Steinwurf von der Arbed-Fabrik entfernt, die die Neuankömmlinge versorgt (…), ist das Café Rossi dessen perfekte Metonymie.“
Die harte und gefährliche Arbeit in den Bergwerken und in der Industrie hat Spuren hinterlassen. Die „Terres Rouges“, deren Böden die luxemburgische industrielle Revolution hervorgebracht haben, sind ein Ort des kollektiven Gedächtnisses. Um sie herum sind eine Industrie und eine Gemeinschaft entstanden, die das Fundament der luxemburgischen Wirtschaft bilden. Die Passagen, die sich auf das fiktive Leben im „Minett“ beziehen, sind ebenfalls rot markiert. Diese Ergänzungen schaffen eine zweite Erzählebene und verleihen dem Text eine besondere Tiefe. Die Komposition bietet eine poetische und ästhetische Perspektive auf die Migrationserfahrung und das Leben in Dudelange. Der wahre Geist des Quartier Italien muss im Hell-Dunkel der Erzählungen und Gedichte entdeckt werden.
Heute sind nur noch stillgelegte Hochöfen und eine interkulturelle Gemeinschaft übrig geblieben. Der Süden Luxemburgs hat sich zu einem Kultur- und Wissenschaftszentrum entwickelt, dessen Vergangenheit nach wie vor sichtbar ist. Rouge fantôme ist weit mehr als nur eine Geschichte über Migration; es ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit vergrabenen Erinnerungen, sich wandelnden Identitäten und dem unaufhörlichen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
„Rouge fantôm“ von Corina Ciocârlie, Cabybarabooks, 208 Seiten, 25 Euro