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Feuilleton 5 Min. Lesezeit

Hinter der Ästhetik

Bei Arendt & Medernach wird die seit 2003 gepflegte Würdigung der Kunst der Fotografie mit der aktuellen Ausstellung (EF)FACE Hidden Feature unvermindert fortgesetzt. Paul di Felice, der bereits zuvor für die Sammlung…

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Bei Arendt & Medernach wird die seit 2003 gepflegte Würdigung der Kunst der Fotografie mit der aktuellen Ausstellung (EF)FACE Hidden Feature unvermindert fortgesetzt. Paul di Felice, der bereits zuvor für die Sammlung der Anwaltskanzlei sowie für die Auswahl der Künstler und die Themen der Ausstellungen verantwortlich war, wird nun von seiner Tochter Claire bei dieser kuratorischen Arbeit unterstützt, die sie gemeinsam als Duo „Mai contemporary“ ausüben.

(EF)FACE Hidden Features zeigt, wie sehr das Thema des Porträts und des Selbstporträts alles andere als überholt ist. Auch wenn der Titel es in drei direkten Worten wie ein Faustschlag auf den Punkt bringt, sind die einfühlsamen Herangehensweisen so vielfältig wie die persönlichen Lebenssituationen selbst. Die kulturellen und identitätsstiftenden Ursprünge bei Nouf Aljowaysir, das politische Erbe bei Bruno Balzer und Leonora Bisagno, die Identität durch die Geburt bei Katinka Goldberg und Alba Zari sowie eine Art Rollenspiel mit Masken, das zugleich humorvoll und beängstigend ist und von Andrés Lejona inszeniert wurde.

Bei Aida Silvestri ist das Porträt zugleich politisch, sozial und identitätsstiftend – unsichtbar, doch für immer in Fleisch und Gehirn eingebrannt, wie der rote Faden der Reise von der Abreise aus Eritrea bis zur Ankunft in London. Dieser rote Faden ist buchstäblich auf das Bild aufgenäht. Die Serie „Even This Will Pass“ verwischt die Gesichter anonymer Migranten, denen es gelingt oder nicht gelingt, ihr Ziel zu erreichen. Sie alle haben ein Schicksal und eine persönliche Lebensgeschichte, die durch die Worte eines Gedichts zum Ausdruck gebracht wird, wenn das Gesicht aus Gründen der Illegalität nicht gezeigt werden darf. Ein weiteres verändertes Porträt ist das immer wieder gesehene Bild von Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz in Peking, dessen historische Entwicklung schwindelerregend ist. Als Mao noch im Namen aller sprach, war das Foto mit dem „großen Steuermann“ Pflicht. Das war in den 1970er Jahren. Heute spricht jeder von sich selbst, indem er sich mit Mao als Hintergrund fotografieren lässt. Diese doppelte Bedeutung ergibt sich aus der extremen Pixelierung – ein Ergebnis der Beobachtung des gesellschaftlichen Wandels vom Kommunitarismus zum Individualismus durch Bruno Balzer und Leonora Bisagno während eines Künstleraufenthalts in China.

Die Zeit vergeht, doch es gibt Menschen, die das Erbe einer Vertreibung in sich tragen – ganz gleich, ob familiäre Erinnerungen zur Sprache kommen oder verschwiegen werden. Dies spielt eine Rolle im gegenwärtigen Leben von Katinka Goldberg, deren Profil im Dreiviertelansicht mit ihrem üppigen braunen Haar zu sehen ist. Dieses Selbstporträt ist vor einem doppelten Hintergrund zu sehen: Ein Gesicht, von dem man nur die volle Wange erkennt, die einem rosa Satintuch zugewandt ist, das für das Foto wie ein wirbelnder, sinnlicher Tanz drapiert wurde. Doch links zerlegt das Licht die Silhouette eines Baumes, der die verfilzten Haare des Zopfes scheinbar nach hinten zu ziehen scheint.

Dieses Spannungsfeld zwischen Zukunft und Vergangenheit steht im Mittelpunkt einer Serie von vier Bildern, deren rätselhafte, wenn nicht gar schwierige Lesart für den Betrachter die Schwierigkeit Katinka Goldbergs verdeutlicht, ihre Identität innerhalb ihrer Abstammungskette darzustellen. Warum könnte man das Foto, das rechts neben dem Selbstporträt zu sehen ist, so interpretieren? Es ist ein Rückblick, aber zugleich der Höhepunkt dessen, was Katinka Goldberg geprägt hat – die Enkelin zweier Großmütter, die auf einem langen Fußmarsch über Felder aus Deutschland flohen, um nach Skandinavien zu gelangen. Ein Passfoto aus dem Familienarchiv – ein Dokument, das zur Zeit des Nationalsozialismus von großer politischer Bedeutung war – dient nun als Vorwand, die Gesichter der zu vernichtenden Jüdinnen durch das Bild zu ersetzen, das sich für immer in ihre Erinnerung eingebrannt hat: ihre Flucht, gesäumt von Feldblumen.

Ein derart komplexes Werk bietet den Besuchern von (EF)FACE Hidden Features die Gelegenheit, hinter der fotografischen Ästhetik die Suche nach plastischen und technischen Ausdrucksformen zu erkennen. Um den Rundgang zu vertiefen, ist jeder Fotoserie ein QR-Code beigefügt. Über diesen lässt sich ein ausführlicher Erläuterungstext der Kuratoren herunterladen. Die ergreifendste Auseinandersetzung ist zweifellos Alba Zaris persönliche Suche nach ihrer individuellen Identität und der Identität ihres Vaters. Ihre Großmutter und ihre Mutter hatten sich in den 1970er Jahren einer Sekte in Asien angeschlossen. Nachdem es ihr gelungen war, sich geistig aus diesem Einfluss zu befreien, machte sich Alba Zari auf die Suche nach einem fehlenden Glied in ihrem Leben: ihrem leiblichen Vater. Neben den Erinnerungsfotos aus der Kindheit, auf denen die Gesichtszüge der Protagonisten denen eines jeden anderen ähneln könnten, sehen wir hier das Phantombild, das Alba Zari von sich selbst erstellt hat. Es ist das Ergebnis langwieriger Nachforschungen, einschließlich DNA-Tests, bei denen die Gesichtszüge – Augen, Nase, Mund – möglicherweise auf die Gene ihres Vaters zurückzuführen sind. Es ist eine Art Glücksspiel, das für sie jedoch eine Notwendigkeit darstellte.

Andrés Lejona beschert den Besuchern eine Art Zwischenspiel, das zugleich spielerisch und beängstigend ist: Die Maske – ein Motiv, das er in seinem Werk bereits mehrfach aufgegriffen hat – ist je nach Art und Material, aus dem sie gefertigt und getragen wird, sowohl eine Möglichkeit, sich zu verbergen, als auch, sich zu offenbaren. Zum Abschluss von (EF)FACE Hidden Features befasst sich die Arbeit von Nouf Aljowaysir mit dem, was lange Zeit das Stereotyp des Orientalismus im Westen war. Hinter der Ausblendung der Person (Gesicht und Körper auf alten Fotos seiner eigenen saudischen Familie) bleibt nur noch die Tracht übrig – dieser typische Stil, ein kulturelles Merkmal und Instrument der Klassenherrschaft. Das Besondere an Nouf Aljowaysirs Einsatz von KI als technisches Werkzeug zur Ausblendung – und nicht zur Schaffung neuer künstlicher Merkmale – liegt in der geschickten Umkehrung der fortschrittlichsten Technologie, um sich der Vorstellung eines neuen Stereotyps zu widersetzen.