1960, Costa Brava, Camping, Spielplatz, Abend, ich schaukele, schaukele, schmeiß die Beine in den Himmel, schmeiß mich in den Himmel. Singe lauthals, schmettere, brülle. De Feierwon. Eins der besten Lieder zum Brüllen. So wie Alle meine Entchen oder Léiwe Kleeschen, vielleicht schmettere ich den Kleeschen an diesem Abend auch. O Mamm, léif Mamm do uewen bestimmt nicht, und ganz sicher nicht D’Uelzecht. Die ist so ölig. So schwer. Die windet sich so schwer. Kommt dir aus Frankreich, Belgien, Preisen!
Abrakadabra, da kommen sie schon! Bubenbande. Hunnenansturm. Da ist die Uxemburgerin! brüllt der Anführer. Stoppt die Schaukel, tritt gegen mein Schienbein, heulend humpele ich nach dannen, alles tut weh. Gestern noch zog ich Hand in Hand mit dem Häuptling über die Felsen, er heißt Götz, er ist neun Jahre alt wie ich, und sein Vater, der uns ein Eis kauft, nennt mich dauernd Mechthild.
War es ein nationales Mini-Statement auf meiner Schaukel, unterm Sommerhimmel, auf dem Campingplatz voller D- und NL-Schilder? Dass ich eine Exotische bin, eine Besondere, eine deren Sprache keiner kennt, aus dem Land, das keiner kennt, auf dessen Autokennzeichen immer alle grübelnd starren, wo die Eltern lange erklären müssen, wo es herkommt. Land Unbekannt. Es hätte auch X als Autokennzeichen haben können. Aus dem Land X. So klein, dass es kaum wahrnehmbar ist, erklären die Eltern. Zeigen auf den Punkt auf der Landkarte. Zwischen den Großen. Denen mit den Kriegen. Dann können die Eltern die Sprachen und können vermitteln zwischen dem deutschen und dem französischen Campingnachbarn, wenn einer vom andern einen Hering ausborgen will oder den Weg wissen will zum WC oder zur besten Bucht.
Luxembourg? Ich bin zwanzig und Gast des Rotary Clubs in einer Kleinstadt in New Jersey, USA. Ich halte den älteren Herrschaften, die beinahe nur aus Herren bestehen, Vorträge über Johann den Blinden und Oranien und Nassau bevor ich mich ereifere, weil Abtreibungen in Luxemburg verboten sind. Gibt es da Autobahnen? Gibt es da Swimmingpools? fragen sie. Ein paar Veteranen haben schon von Luxembourg gehört, Rundstedt-Offensive, wir waren dabei, raunen sie mir zu.
Do is schee, antworten die alten Wienerinnen der Achtzigerjahre auf die Beantwortung der Frage woher ich komme. Sie meinen allerdings Laxenburg, gerade mal zwanzig Kilometer von Wien entfernt, ein in einem ewigen romantischen Traum erstarrtes Städtchen mit Schloss und Schlosspark und künstlichen Ruinen. Will ich den Irrtum aufklären, beäugen sie mich skeptisch, dieses Land, das ich ihnen aufschwatzen will, wird nur mit Kopfschütteln kommentiert. In Paris ist es ein paar Jahrzehnte später wiederum ratsam, es zu unterschlagen. Jede/r kennt es. Diesen Hort des Kapitalismus, diesen Schurkenstaat. Dieses unter dem Zepter eines finsteren Juncker seiner Gier frönende Zwergenreich, in dem gruseliges Großkapital in Briefkästen nistet. Alles, dass man nicht vor mir ausspuckt, was ich etwas unfair finde, nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich das Zeug zu einer tauglichen Repräsentantin des Kapitalismus haben könnte.
Aber war es nicht immer schon eine Zumutung, sich als Luxemburgerin zu outen? Statt beim Gläschen Wein im Kreis neuer Bekannter small zu talken über Kunst Klima Katastrophen Kriege mutiert man zum unbezahlten und in meinem Fall komplett inkompetenten Auskunftsbüro des Staates Luxemburg. Wieviel Quadratmeter? Wieviel Einwohner/innen? Was für eine Sprache? Was, mehrere? Welche? Und warum sind sie so reich?
Woher soll ich das wissen? Woher soll das irgendwer wissen? Dieses Land mutiert wie wild, zivilisiert zugleich, es ist, je nach Milieu, je nach Seifen- oder Fieberblase, in der man abhängt, je nach Bankkonto und Erbgütern Projekt, Projektion, Zukunftslabor, Utopie und Dystopie. Autohölle und Schlaraffenland der Busfahrerinnen. Mit bunten Häusern und bunten Menschen, die in zahllosen Zungen reden wie nach dem Pfingstwunder. Oder das Wort Croissant nicht verstehen. Mit verstummten Flüchtlingen und Ex-Einheimischen, die sich Flüchtlinge nennen. Mit als Deko einem gemütlichen Großherzog, der neben seiner kleinen, netten Familie aus bunten Zeitschriften winkt.