In Luxemburg sind die Porträts von Jean Asselborn (LSAP) fast schon zu einem eigenen journalistischen Subgenre geworden. Über „Jang“ scheint so gut wie alles gesagt und geschrieben worden zu sein: Der ewig unterschätzte Mann, der sich seinen Aufstieg im Schweiße seines Angesichts erkämpft hat – diese Geschichte ist mittlerweile Teil der luxemburgischen politischen Folklore. Seine zur Schau gestellte Gutmütigkeit und seine gekonnte Authentizität machten ihn zu einem „guten Gast“ in deutschen Morgensendungen und Talkshows, in denen der Minister des Großherzogtums oft laut aussprach, was sein Freund und Amtskollege Frank-Walter Steinmeier (SPD) insgeheim dachte.
Und doch gelingt es Michael Merten in seinem neuen Buch „Jean Asselborn – Die Tour seines Lebens“ (319 Seiten, 25 Euro), einige neue Einblicke in eine Person zu gewähren, von der man glaubte, alles zu wissen. Der Autor, seit 2019 Journalist beim „Wort“, gibt gleich zu Beginn zu, wie nah er seinem Thema steht: „Ich bezeichne ihn inzwischen als guten Freund.“ Im Jahr 2024 beschloss Merten, den ehemaligen Minister mit dem Fahrrad in den Süden Frankreichs zu begleiten. Diese 975,5 Kilometer (mit all den Pannen, Unwettern und Hitzewellen) bilden das Gerüst des Buches, das auf halbem Weg zwischen Biografie und Reisebericht angesiedelt ist. Aus erzählerischer Sicht ist es elegant aufgebaut. Es handelt sich um eine Reise durch Raum und Zeit: Auf ihrem Weg zum Mont Ventoux (dessen Aufstieg den Höhepunkt des Buches bildet) reisen die beiden Radfahrer in die Vergangenheit. Eine Montage aus Rückblenden, die sich als wirkungsvoll erweist.
Der Hauptvorwurf, den man dem Buch machen kann, ist, dass es nur sehr wenige neue Erkenntnisse zur jüngsten politischen Geschichte liefert, sei es zur LSAP oder zu den letzten vier Regierungen. Was die zwanzig Jahre betrifft, die Asselborn im Parlament verbrachte (1982–2004), so werden diese überhaupt nicht behandelt. Vielleicht hat sich Merten von dem quasi-extraterritorialen Status beeindrucken lassen, den Asselborn in seinen letzten beiden Legislaturperioden für sich beanspruchte. Was seinen politischen Aufstieg betrifft, so erfährt man nur beiläufig in einem Satz, dass Jean Asselborns Onkel mütterlicherseits Abgeordneter und Bürgermeister von Steinfort gewesen war. Weiter heißt es, dass sein Vater im Gemeinderat derselben Gemeinde saß und 1981 auf eine Kandidatur verzichtete, um Platz für seinen Sohn zu machen. Bei den Passagen zur jüngeren politischen Geschichte stützt sich Merten fast ausschließlich auf Interviews mit Journalistenkollegen. (Der Autor hat gut ein Dutzend von ihnen befragt.) Er überlässt es ihnen, Kritik zu äußern.
In dem Buch wird die Außenpolitik als ein weitverzweigtes Netzwerk von Freundschaften (vor allem zwischen Männern) dargestellt, von Joschka Fischer bis John Kerry. Die persönliche Nähe zu seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow, den Asselborn zu seinem 60. Geburtstag nach Steinfort eingeladen hatte, zeugt von dieser etwas naiven Sichtweise. Noch heute spricht Asselborn über den Einmarsch in die Ukraine im Ton persönlicher Enttäuschung („wie kann man so hinterhältig sein“, fragt er sich in Bezug auf Lawrow). Hatte der Minister im März 2022 „überkompensiert“, als er live auf Radio 100,7 äußerte, er wünsche sich, Putin werde „physisch beseitigt“? Asselborn will nicht mehr über das sprechen, was als sein größter diplomatischer Fauxpas in die Geschichte eingehen wird.
Michael Merten geht nur sehr kurz auf die pro-palästinensische Haltung von Jean Asselborn ein. Am Ende seiner Amtszeit hatte dieser jedoch keinen Hehl aus seiner Frustration gemacht. Den europäischen Ländern sei die Zwei-Staaten-Lösung „völlig egal“ gewesen, vertraute er vor Journalisten in Brüssel an. Und er fügte hinzu: „Es gab zwei Länder, die versucht haben, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen: ich und die Iren.“
Ein großer Teil des Buches widmet sich der Familie des Politikers. Der Leser erhält Einblick in das Privatleben der Asselborns – ein für Luxemburg sehr ungewöhnlicher Einblick. Seine Frau und seine beiden Töchter sprechen dabei sehr offen über die Abwesenheit des Ehemanns und Vaters. „Es hat uns nichts gefehlt, aber er war wirklich nicht präsent“, sagt seine jüngste Tochter. Seine Frau erklärt: „Ich habe immer scherzhalber gesagt: Ich bin eine Witwe, deren Mann noch lebt.“
Das Buch richtet sich sowohl an ein deutsches als auch an ein luxemburgisches Publikum. Es wird von einem Berliner Verlag in Zusammenarbeit mit den Ernster-Buchhandlungen herausgegeben. (Fernand und Annick Ernster – Freunde von Asselborn – sowie ihr Sohn Paul tauchen in dem Kapitel auf, das der Besteigung des Ventoux gewidmet ist.) Das erklärt wohl auch, warum deutsche Politiker und Journalisten auf den Seiten des Buches reihenweise auftauchen. Merten zitiert ausführlich ihre Lobeshymnen, die sehr überschwänglich und letztlich doch recht konventionell ausfallen.
Die Passagen des Reiseberichts sind am gelungensten. Einige Beobachtungen von Merten sind sehr scharfsinnig. Manchmal gelingt es ihm, seinen Protagonisten treffend zu erfassen, indem er ihn in sehr konkreten und fast schon banalen Situationen beschreibt. Show, don’t tell. Wie in diesem Auszug: „Während des gesamten Tages hält Asselborn Ausschau nach guten Hintergründen für Fotos. Gelegentlich spricht er Passanten an und bittet sie, uns abzulichten. Wenn ihm die Fotos nicht gefallen, hakt er nach und die Leute müssen das Prozedere wiederholen.“