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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

So viel trägt der Wind davon

Zum letzten Teil – quasi als Abschluss – des Triptychons „A Model“: Eine Auseinandersetzung mit der Institution Museum mit Jason Dodge im Mudam

Erschienen in Ausgabe Juni 2024
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Wer die Wechselfälle der (zeitgenössischen) Kunst in den letzten rund fünfzig Jahren auch nur mit ein wenig Aufmerksamkeit oder Neugier verfolgt hat, erinnert sich zweifellos an solche Misserfolge des armen Joseph Beuys. Zum Beispiel die Beschädigungen einiger seiner Werke, eine Badewanne, aus der man Verbände und Pflaster abreißt, um darin besser Gläser ausspülen zu können, eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem Schicksal der „Fettecke“ an der Düsseldorfer Kunstakademie, die teilweise zerstört wurde, wobei das, was davon übrig blieb, in einer Destillierblase aufbereitet wurde. Die Kunst ist allen Gefahren ausgesetzt, umso mehr, als sie sich dazu entschlossen hat, dem geschützten Raum der Museen den Rücken zu kehren, sich direkt ins Leben zu wagen oder diesem die Türen weit zu öffnen.

Wozu diese Erinnerungen, diese Anekdoten, die nicht einmal ein Lächeln hervorrufen sollten? Der Grund dafür ist, dass der Besucher am Eingang des Museums für moderne Kunst „Grand-Duc Jean“ in Kirchberg auf ein Schild stößt, das ihn darauf hinweist, dass alles, was er auf dem Boden sieht, genau dort hingehört, damit er es nicht anfasst oder auf die Idee kommt, der Reinigungsdienst mache seine Arbeit schlecht oder sei gar im Streik; sonst könnte dort Unordnung entstehen, mit allerlei Abfall und Unrat, der sich entlang der Wände und auf den Treppenstufen ansammelt. Ein nachsichtigerer Betrachter würde zu dem Schluss kommen, dass diese Abfälle sorgfältig aufgesammelt und zusammengetragen wurden, bis sie abgeholt werden.

Keineswegs, der amerikanische Künstler Jason Dodge hat daraus eine Ausstellung gemacht, den Epilog des Triptychons „A Model“, eine Auseinandersetzung mit der Institution Museum. Er ist in erster Linie Dichter, wie der Titel der Ausstellung beweist: „Tomorrow, I walked to a dark black star“. Im Mudam sieht es derzeit so aus, als hätte er den Wind abgeholt und Laub, Federn, Papierfetzen und vieles mehr ansammeln lassen, während sich in manchen Ecken Industrieflaschen aneinanderreihen, bewacht von einem Besen oder einem Abzieher. Das Leben in seiner Alltäglichkeit – ganz ohne museale Aktivität geht es dennoch nicht, zum Beispiel mit Kisten voller Projektoren: Wurden sie bereits benutzt oder werden sie bei einer nächsten Ausstellung zum Einsatz kommen?

Ich mag den Kontrast zwischen diesem Sammelsurium, diesem Durcheinander, das mit etwas gutem Willen an die Vergänglichkeit der Zeit und an das „memento mori“ erinnert, und der solide-feierlichen Architektur von Ieoh Ming Pei. Die (veredelte) Wiederverwertung all dieser Überreste, die den Boden bedecken, dieser zurückgelassenen Gegenstände. Fast könnte man darin ein Spiegelbild, ein Abbild der Gesellschaft erkennen.

Jedem Einzelnen – genau dazu dient die Kunst ja auch, dazu lädt sie ein: mit den eigenen Ideen oder Sehnsüchten hinzugehen. Das führt, über die Frage nach dem Museum selbst hinaus, zur Beziehung zum Publikum, zu den Besuchern. Und hier gibt es einen Begriff, der auch im Faltblatt zu finden ist und der derzeit in aller Munde ist, aus dem man heutzutage nicht mehr wegkommt: Jede Ausstellung, jedes Museum muss immersiv sein; in Paris gibt es heute sogar ein immersives Grand Palais, in der Verlängerung der Opéra-Bastille – das liegt im Trend, mit digitalen Produktions- und Verbreitungstechnologien. Dabei vergisst man jedoch eines. Immersion kann der Eintritt in eine neue Umgebung sein, um sie besser zu verstehen, sie ist aber auch ein Sprung ins Ungewisse, bei dem man zu ertrinken droht. Dabei besteht Kultur aus Distanzierung – jener, die zum Nachdenken anregt, ohne dabei den (ästhetischen) Genuss oder gar die Wonne zu verhindern. Na gut, wir kommen immer wieder auf Bergotte zurück, auf das kostbare kleine Stück Mauer.