Haben Sie auch so eins? Oder, huch!, sind Sie gar eins? Eins der Wunderwesen, die dieses Jammertal erträglich machen, die die Wunden der Welt mit einem Wunderbalsam beträufeln, er heißt Mutterliebe? Er ist gratis, immer zu haben, verfügbar Tag und Nacht und immerdar. Sind Sie, huch!, eins dieser Wunderwesen, das göttinlob aber v.a. ein praktisches ist? Zu allem zu gebrauchen. Bis es nicht mehr zu gebrauchen ist, vielleicht noch als possierliches Alzheimermütterchen auf Facebook-Reels. Dieses Wunderwesen schenkt Nähe, Mensch muss nicht in einen teuren Kuschelkurs, es schenkt sie einfach so, es schenkt seine Zeit, seine Nerven, sein Geld, dies ist mein Fleisch, dies ist mein Blut, dies ist meine Kohle! Zur freien Entnahme! Gratis, rund um die Uhr.
Das Allertollste aber ist, an diesem auch Muttermonster genannten Wesen kann Mensch so super seinen Frust auslassen. Ihr kannst du alles sagen, alles klagen, die Schuld nimmt sie gerne auf sich. Ohne sie wäre das ja nicht! Ohne sie wärest du nicht! Ohne sie wäre nix, und das weiß sie, das ist ihr stiller Triumph, nagelt die Hexe ans Kruzifix! Ans Mutterkreuz!
Vielleicht wollen Sie trotz all dieser Sagen und Legenden und trotz all der fürchterlichen Erfahrungsgeschichten, die in Foren und Selbsthilfegruppen ausgetauscht werden, fast jede kann eine solche beisteuern, fast jede ist ein Opfer, fast jede ist eine Überlebensheldin, eine solche werden? Manche können es immer noch nicht lassen, es ist auch das Schönste, was es gibt, wie Eingeweihte verraten, sie schauen zwar etwas fertig aus, aber um nichts in der Welt würden sie das nicht sein wollen, es ist zwar nicht der Himmel auf Erden, aber wenigstens die Erde auf Erden. Man weiß plötzlich so wozu man da ist. Nämlich um Mäuler zu stopfen Nasen zu schnäuzen Pöpsche zu wischen. Es ist alles so einfach wie Bonjour, Frau muss nicht mehr den Sinn des Lebens suchen und so einen Quatsch. Es ist alles so eindeutig. Frau ist endlich erlöst, vom Schlimmsten, von sich selber. Frau weiß endlich wofür sie da ist und wofür sie aufsteht. Nämlich dafür, irgendwann umzukippen. Bin ich schon tot? fragt sie sich, aber seltsamerweise macht sie einfach weiter, bis ein/e Mutant/in vor ihr steht und sie befremdet anstarrt.
Einst war alles sehr einfach und deswegen auch sehr schwer. Weib fiel nichts in den Schoß, Wundersamen zwar schon, und Abrakadabra fielen Winzlinge aus dem Schoß. Alles ging quasi von selbst, bio war es auch noch, auch der Tod, der all incl. war, niemand musste Samen shoppen und Eier tiefkühlen und Embryos einfrieren bis endlich seliges Kinderlächeln die Daseinsödnis erhellte. Niemand musste ein Kind planen, das stellte sich meist einfach so ein, nicht einmal bestellt. Die, die sich nichts leisten konnten, kamen nicht nur ins Paradies, sie bekamen Kinder. Niemand musste zu diesem Behufe Kauf- und Mietverträge unterschreiben und Garantien und Rückgaberechte. Niemand musste eine Frau suchen und buchen, die einem Embryo ihren Unterleib untervermietet, um ihre Miete zahlen zu können, auf Euphemistisch Leihen genannt. Alles war noch übersichtlich, Elternteile hatten nur zwei langweilige Geschlechter, es gab weder Bauchmütter noch Spenderväter, nur primitive Erzeuger. Nicht einmal Seepferdchenväter.
Die klassische Familienfront rüstet auch auf. Denn was ist mit diesem Wesen nur los, warum ist es sein Wesen los? Statt sich in Tradwife-Tracht den Lieben zu widmen, radioaktiv strahlend wie in einer Tide-Werbung der Fünfzigerjahre, fabuliert es von Me Time und diffamiert Familienglück als Care Arbeit. Manche regretten sogar ihre Motherhood. War Mutterland denn nicht mal Refugium, Oase in der Shoppingwüste des Kapitalismus? All for free, niemand bestellte eine Pizza, ein immerwährendes Thailand in dem jedermann auf seine Kosten kommt, aber es kostet nichts?
Weil es ist die Mutter, die Mutter ist für alle da, die Mutter ist immer da, die Mutter ist immer für alle da. Die Mutter isst nichts, jeder Bissen geht an ihre Kinder, zum Nachtisch isst die Mutter alle auf. Die Mutter ist archaisch und monstruös und christlich. Ein heiliges Ungeheuer. Aber sicher nicht so ein jämmerliches neoliberales Konstrukt mit wohl dosierten Zuwendungseinheiten, dem Patriarchen wird so kalt ums kalte Herz.