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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Nachwachsende Pampa

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe November 2021
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Der Pioniercharakter Uruguays wurde in letzter Zeit in Luxemburg im Rahmen der Diskussion über die Legalisierung von Cannabis thematisiert. Auf Initiative seines Präsidenten José Mujica war das Land 2013 tatsächlich das erste weltweit, das den Freizeitkonsum von Marihuana legalisierte. Es gibt jedoch noch einen weiteren Bereich, in dem dieses „kleine“ Land (das immerhin fast 70-mal so groß ist wie Luxemburg) beeindruckt: den Bereich der sauberen Energien.

Innerhalb von zehn Jahren hat die östliche Republik Uruguay den Anteil dieser Energiequellen an ihrem Energiemix auf über 97 Prozent gesteigert und gleichzeitig die Preise für die Verbraucher gesenkt. Zwar verfügte das Land, wie die meisten seiner Nachbarn, über eine beeindruckende Basis an Wasserkraftkapazitäten. Doch sein Bestand an Staudämmen und die Stromübertragungsinfrastruktur waren veraltet, und die Abhängigkeit von Wasserkraft stellt mittlerweile eine erhebliche Schwachstelle dar, wenn durch die Erderwärmung bedingte Dürren die Behörden dazu zwingen, zwischen der Erhaltung der Wasserreserven und der Stromerzeugung zu wählen.

Anfang der 2000er Jahre war das Land, wie der Rest der Welt, von Öl und Gas abhängig: Die Kosten dafür machten 27 Prozent seiner Importe aus, und eine Gaspipeline für den Import von Methan aus Argentinien befand sich im Bau. Mittlerweile importiert Uruguay in großem Umfang Windkraftanlagenkomponenten und nutzt Wind und Sonne sowie Biomasse in großem Umfang zur Erzeugung von Strom oder Warmwasser. Im Jahr 2015 konnte Ramón Méndez, der für die Klimapolitik zuständige Minister, mit einer Verpflichtung zur Pariser Klimakonferenz reisen, von der die anderen Teilnehmer nur träumen konnten: die CO₂-Emissionen des Landes bis 2017 um 88 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2009–2013 zu senken. Und das alles ohne den Bau neuer Staudämme und ohne den Einsatz von Kernenergie. Das Rezept, so erklärte Méndez damals: sich auf klare Entscheidungen stützen, ein kohärentes regulatorisches Umfeld schaffen und starke Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor fördern. Der Stromabnahmepreis wurde für zwanzig Jahre garantiert, was die Investoren beruhigte. Während das Land noch vor einigen Jahren Strom importierte und infolge eines großflächigen Stromausfalls in Argentinien im Jahr 2019 im Dunkeln stand, produziert es nun den gesamten Strom, den es verbraucht, selbst und plant, seine Überschüsse an seine Nachbarn zu verkaufen.

Das Land hat sich im Verkehrsbereich noch nicht von fossilen Brennstoffen gelöst. Rechnet man diese jedoch mit ein, machten erneuerbare Energien im Jahr 2015 etwa 55 Prozent des Energieverbrauchs des Landes aus, während der weltweite Durchschnitt bei etwa zwölf Prozent lag (mittlerweile ist er auf etwa sechzehn Prozent gestiegen).

Die Herausforderung wurde also gemeistert, und zwar ohne staatliche Finanzspritzen – was für uns Europäer, die wir daran gewöhnt sind, dass Maßnahmen zur Ökologisierung der Wirtschaft mit Subventionen für Haushalte und Unternehmen einhergehen, eine ziemliche Überraschung darstellt.