Als Auftakt zu den Feiertagen zum Jahresende hat das Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg soeben das Stück „All d’Déieren aus dem Bësch“ aufgeführt, eine freie Adaption von „Frérot und Sœurette“ der Brüder Grimm in luxemburgischer Sprache von Elise Schmit, unter der Regie von Anne Simon in Zusammenarbeit mit der Choreografin Elisabeth Schilling und dem Komponisten Pascal Schumacher (siehe „d’Land“ vom 17.12.). Eine tolle Einladung an Jung (ab 6 Jahren) und Alt, das Märchen auf eine ganz und gar unkonventionelle Art und Weise (wieder) zu entdecken – in einer vielstimmigen, chorischen und rock’n’rolligen Inszenierung, die Theater, Tanz und Live-Musik fröhlich miteinander verbindet… Wunderbares, Fantastisches, Humor und sogar Karikatur waren mit von der Partie – für eine witzige und bissige Sozialkritik.
In dieser neu interpretierten Geschichte werden zwei junge Waisenkinder, Brudder und Schwëster, von Madamm Malfi adoptiert, einer abscheulichen, grausamen und von sich selbst eingenommenen Stiefmutter. Sie durchleben eine Hölle aus Hausarbeit und Zurechtweisungen, denn die „ Hexe “, die ihre Aufmerksamkeit ausschließlich ihrer Tochter Ginette widmet, von deren Hochzeit mit dem König/Kinnek sie träumt, die sie jedoch in Wirklichkeit auf dem Altar ihres persönlichen Ruhmes opfert, da die Stiefmutter als „ Superministerin “ herrschen will. Eines schönen Tages, während die Jugendlichen am Hof „Blinde Kuh“ spielen, sind Frérot und Sœurette, die zu Hause eingesperrt sind, gezwungen zu fliehen, um dem Zorn von Malfi zu entkommen, und im Wald Zuflucht zu suchen. Doch dabei haben sie die Zaubersprüche der Hexe nicht einkalkuliert! Als Brudder an einer Quelle seinen Durst stillt, verwandelt er sich plötzlich in einen goldenen Hirsch! Schwëster wird ihn nicht im Stich lassen, und sie werden gemeinsam mit den Tieren des Waldes leben, die – in einer letzten Wendung der Ereignisse – wieder zu den Menschen werden, die sie einst waren, und das verlassene Königreich neu bevölkern. Die Jugendlichen sind bereit, zu regieren, damit Gerechtigkeit herrscht, und Verantwortung in Ministerien wie dem „Ministerium für Kinder, die Eltern haben“ zu übernehmen.
„All d’Déieren aus dem Bësch“ wird von zahlreichen Themen durchzogen, angefangen bei Fragen der Macht und Gerechtigkeit, der Identität und Selbstbehauptung, des Respekts und der Solidarität, und hinterfragt die Begriffe Freiheit und Umwelt. Themen, die durch die eindringliche Inszenierung von Anne Simon hervorgehoben werden, der eine vielfältige Besetzung dirigiert, in der Schauspieler, Tänzer und Musiker den Raum teilen und erstaunliche Gruppenszenen (wie jene Tanzszenen im Wald) sowie strahlende oder bewegende Bilder entstehen lassen. Die Regisseurin hat enge Verbindungen zwischen Bühne und Zuschauerraum geknüpft, wobei die Schauspieler die Zuschauer ansprechen oder sich in deren Nähe niederlassen. Die Truppe überzeugt als Ensemble ebenso wie jeder einzelne ihrer Darsteller, angefangen bei Nora Koenig, die als bösartige Madamm Malfie meisterhaft auftritt, oder Anouk Wagener und Max Thommes in ihrem lustigen und verrückten Duo als Gisel und Quisel. Neben den acht Schauspielern (darunter auch Julie Kieffer, Anne Klein, Raoul Schlechter, Philippe Thelen und Dominik Raneburger) verleihen neun Tänzer, darunter Malcolm Sutherland, Georges Maikel, Aifric Ní Chaoimh sowie die Tänzerinnen der Junior Company CND Luxembourg, die den wunderschönen Gruppenszenen Leben und Raum verleihen.
Wenn das Publikum den großen Saal betritt, entdeckt es eine Bühne mit einem pechschwarzen Spiegelboden, auf dem große, zerknüllte weiße Papierbälle liegen, die zu Felsen, einem Schrank (in dem sich die beiden Waisenkinder verstecken), Wolken (in denen sich das verzerrte Gesicht der Stiefmutter vervielfacht) oder Koffer (die man unmöglich tragen kann!). Außerdem sieht es drei „Inseln“, auf denen sich die neun Musiker von United Instruments of Lucilin bewegen, darunter die Cembalistin Violaine Cochard und der Perkussionist Guy Frisch. Die von Pascal Schumacher komponierte Musik unterstreicht die Geschichte auf wunderschöne Weise und verleiht der Aufführung Nuancen und Spannungen, indem sie die einzelnen Episoden in einen Zusammenhang stellt und den Verlauf der Ereignisse untermalt.
Der dynamischen Inszenierung von Anne Simon entspricht ein ebenso schlichtes wie spektakuläres Bühnenbild (entworfen von Mélanie Planchard und Lynn Scheidweiler), dem es gelingt, imposanten architektonischen Strukturen Gestalt zu verleihen – wie dem Schloss, das durch einige Lichtstrahlen (vertikale Neonröhren) skizziert wird und das im Verlauf der Geschichte immer höher emporragt, wodurch der Aufstieg und schließlich der Sturz der Stiefmutter auf dem steilen Hang, der die Mitte der Bühne einnimmt, noch verstärkt wird. Das Bühnenbild offenbart zudem magische Welten wie diesen lebendigen, pulsierenden Wald, der von Tieren in tausendundeiner Farbe bewohnt wird. Eine vielfarbige Palette, die im Kontrast zum Schwarz-Weiß steht – ein Spiegelbild der zwiespältigen Welt von Madam Malfi – und die sich auch in den wunderschönen Kostümen von Ágnes Hamvas widerspiegelt.
Die Dichotomie zwischen der verschlossenen Welt der Stiefmutter und der offenen Welt der Natur, zwischen der festgelegten Welt der Erwachsenen und der kreativen Welt der Kindheit wird zusätzlich durch die Lichtspiele (von Nina Schaeffer) unterstrichen, die die wechselnden und kontrastreichen Stimmungen dieses grausamen, subtil schrägen und herrlich verrückten Märchens widerspiegeln!