Im Juli 2024, beim Festival von Avignon, sehr spät in der Nacht, im monumentalen Innenhof des Papstpalasts, sah ich mir zusammen mit anderen „Elizabeth Costello, Seven Lectures and Five Moral Tales“ an, eine Inszenierung von Krzysztof Warlikowski. Die Aufführung dauert fast vier Stunden (genau drei Stunden und fünfzig Minuten). Eine Dauer, die manche Zuschauer einschüchtern oder sogar abschrecken könnte. Doch schon in den ersten Minuten wird klar: Diese Zeit ist notwendig. Denn diese Inszenierung versucht nicht, eine Geschichte im herkömmlichen Sinne zu erzählen. Sie schafft nach und nach einen Raum der Reflexion, eine Zeit der Schwebe, in der das Theater zu einem Ort intellektueller, sinnlicher und fast meditativer Erfahrung wird.
Die Inszenierung stammt vom Nowy Teatr (Neues Theater) in Warschau, einer von Krzysztof Warlikowski geleiteten Institution, die sich im Laufe der Jahre zu einem der einflussreichsten Zentren des europäischen Theaterschaffens entwickelt hat. In diesem Theater hat der Regisseur eine treue Schauspielertruppe aufgebaut, die mit ihm eine anspruchsvolle und tiefgründige künstlerische Suche teilt. Diese Verbundenheit ist auf der Bühne stets spürbar: Die Darsteller scheinen das Stück wie ein gemeinsames Terrain zu bewohnen, das durch jahrelange gemeinsame Arbeit geprägt wurde.
Ausgangspunkt des Stücks ist der Roman „Elizabeth Costello“, der 2003 vom südafrikanischen Schriftsteller John Maxwell (genannt J.M.) Coetzee, der auch Nobelpreisträger für Literatur ist, verfasst wurde. Das Buch handelt von einer alternden Romanautorin, die weltweit zu Vorträgen und intellektuellen Debatten eingeladen wird. Anhand dieser fiktiven Figur entwickelt Coetzee eine sehr subtile Reflexion über Literatur, Moral und menschliche Verantwortung.
Elizabeth Costello ist keine klassische Heldin. Sie fungiert vielmehr als kritisches Gewissen, das all unsere Gewissheiten angesichts der heutigen Welt hinterfragt. In ihren Beiträgen geht es vor allem um grundlegende Fragen: die Beziehung zwischen Mensch und Tier, Gewalt, Erinnerung, Schuld oder auch die Möglichkeit von Mitgefühl an sich. Sie bewegt sich mit einer verkörperten, manchmal unbequemen Klarheit durch die Welt und wirft Fragen auf, auf die es nicht immer eine offensichtliche Antwort gibt.
Krzysztof Warlikowski präsentiert jedoch keine originalgetreue und lineare Adaption des Romans. Er entwirft eine Dramaturgie auf der Grundlage mehrerer Texte von J.M. Coetzee – insbesondere „Elizabeth Costello“, „Slow Man“ und „The Glass Abattoir“. Diese Fragmente wurden vom Regisseur und dem Dramaturgen Piotr Gruszczyński für die Bühne bearbeitet. Das Stück nimmt somit die Form eines szenischen Essays an: ein Theater des tiefgründigen Denkens, in dem Ideen frei zwischen den Schauspielern und dem Publikum zirkulieren.
Krzysztof Warlikowskis Arbeit stützt sich seit langem auf das Talent einer Schauspielertruppe, die zu den bedeutendsten des polnischen Theaters zählt. In „Elizabeth Costello“ kommt diese kollektive Dimension besonders deutlich zum Ausdruck. Unter ihnen nimmt die großartige Schauspielerin Magdalena Cielecka einen zentralen Platz ein. Als eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen polnischen Theaterszene verfügt sie über eine zugleich intensive und zerbrechliche Ausstrahlung. Ihr Spiel, das sich durch große emotionale Präzision auszeichnet, verleiht dem Stück eine menschliche Tiefe, die über die rein intellektuelle Ebene hinausgeht. Bei ihr bleibt das Denken niemals abstrakt. Es durchdringt den Körper, die Stimme und den Blick.
Sie wird von herausragenden Schauspielern wie Andrzej Chyra, Maja Ostaszewska oder Jacek Poniedziałek umgeben. Gemeinsam bilden sie eine wahrhaft vielstimmige Inszenierung. Die Rollen wechseln, die Stimmen antworten einander, die Figuren tauchen auf und lösen sich dann im Fluss der Erzählung wieder auf. Die Schauspieler werden abwechselnd zu Erzählern, Zeugen oder Gegnern, als würden sie selbst an der durch den Text angestoßenen Debatte teilnehmen.
Das Bühnenbild, entworfen von Małgorzata Szczęśniak, einer langjährigen Mitarbeiterin des Regisseurs, spielt eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung des Stücks und verkörpert ganz klar einen Raum flexiblen Denkens. Dieser Raum erinnert zugleich an einen Konferenzsaal, ein Filmset, einen Ort der öffentlichen Debatte und einen Wohnraum. Diese bewusste Unbestimmtheit ermöglicht es der Inszenierung, ständig zwischen verschiedenen Ebenen zu wechseln: von hochtrabenden theoretischen Reden bis hin zu ebenso vielen intimen Bekenntnissen.
Die Videoprojektionen und die von Paweł Mykietyn komponierte Musik sowie die äußerst präzise Lichtgestaltung schaffen eine audiovisuelle Dramaturgie, die den Verlauf des Stücks begleitet. Wie so oft bei Krzysztof Warlikowski steht das Theater im Dialog mit allen anderen Kunstformen: dem Kino, der Literatur, der Musik, aber auch der Philosophie. Die Bühne wird zu einem völlig hybriden Ort, an dem Bilder, Stimmen und Körper aufeinandertreffen.
Die ungewöhnliche Länge des Stücks könnte manche Zuschauer abschrecken. Doch schon bald erweist sie sich als eine seiner wertvollsten Eigenschaften. Die lange Spielzeit ermöglicht es, schrittweise in den Stoff des Stücks einzutauchen, der Entfaltung der Ideen zu folgen und Emotionen mit einer im zeitgenössischen Theater seltenen Langsamkeit zum Vorschein kommen zu lassen.
Im Innenhof des Papstpalasts, unter dem Nachthimmel von Avignon, nahm die Aufführung fast die Form einer Reise an. Das Publikum blieb aufmerksam, als wäre es von der Dichte der Worte und der großartigen Präsenz der Schauspieler in den Bann gezogen. Nach und nach bildete sich eine stille Gemeinschaft, vereint durch den Wunsch, zuzuhören und noch mehr zu verstehen.
Die Aufführung ist zudem eine Koproduktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg und wird am 14. und 15. März im großen Saal des Grand Théâtre zu sehen sein. Dieser Gastspielaufenthalt in Luxemburg bietet eine seltene Gelegenheit, ein bedeutendes Theaterstück zu entdecken, das von einem der bedeutendsten künstlerischen Teams des europäischen Theaters inszeniert wird.
Wenn die Vorstellung zu Ende ist, wird man nicht das Gefühl haben, einer langen Aufführung beigewohnt zu haben, sondern vielmehr einem ganz besonderen Erlebnis. Die Zeit wird sich wie verwandelt anfühlen. Was dann zurückbleibt, sind Bilder, Stimmen, Gedanken und dieser meisterhafte Text, der noch lange nachklingen wird.
Vielleicht liegt darin die wahre künstlerische Leistung von Krzysztof Warlikowski und seiner Truppe vom Nowy Teatr: die Dauer in ein Versprechen zu verwandeln. Und diese vier Stunden zu einem zutiefst lebendigen Erlebnis zu machen, in dem Literatur, Philosophie und Theater in gleicher Intensität zusammenfließen.