Eine mondartig irritierende Kugel stand am Anfang ihrer Karriere. Fast zehn Jahre ist es her, dass Elisabeth Schilling Sixfold im Trois-C-L präsentierte. Ihr Solo entführte das Publikum in eine Welt, in der noch keine Grenzen existierten: Schilling hat schon in ihren Anfängen reflektiert mit den Disziplinen gespielt.
Seit seiner Gründung hat sich ihr Ensemble, Elisabeth Schilling & Company von einer Ein-Frau-Initiative zu einem der führenden Tanzensembles Luxemburgs entwickelt, das international auf Tournee geht. Spätestens mit Hear Eyes Move. Dances with Ligeti, das unter anderem diesen Juni in der Philharmonie de Paris zu sehen sein wird, gelang der aus Deutschland kommenden Choreografin der Durchbruch. Im letzten Jahr wurde sie vom Achiever Magazine unter die zehn inspirierendsten weiblichen Führungskräfte gewählt und in die Top 30 Frauen der Kreativszene, die das New York Weekly Magazine nominiert hat.
Wie gelingt einer Frau in einer Nische wie dem Zeitgenössischen Tanz international so ein Aufstieg? Was hat sich seitdem geändert? „Ich habe anfangs noch selbst als Tänzerin gearbeitet, sehr viel in meinen eigenen Stücken getanzt und viele Soli kreiert“, erzählt Schilling. 2020 markierte für sie persönlich aber auch für ihre Company einen großen Wendepunkt, weil es das erste Mal war, dass sie durch die Hilfe von den Theâtres de la Ville und dem Kunstfest Weimar ein Gruppenstück gestalten durfte. Dass Hear Eyes Move so gut ankam, bezeichnet sie als „Glück“. Und dann war es ein Meilenstein, dass die Théâtres de la Ville ihr das Angebot machten, assoziierte Künstlerin zu werden.
Mittlerweile ist sie dank ihres Teams stark in der Kommunikation. So hat sie ihre Kanäle sukzessive ausgebaut, nutzt Social Media selbstbewusst, um auf ihre Produktionen hinzuweisen. Schilling formuliert vorsichtig und einfühlsam – und sie gendert. Vielleicht ist es diese Empathie, sein Gegenüber wahr- und ernst zu nehmen, die an ihrer Art am stärksten auffällt, vor allem in einer Kunstwelt voller Egoismen – aber auch das wache Interesse am Zeitgenössischen Tanz, das Erforschen von Bewegungen und Musik, die solche präzisen und eindrucksvollen Choreografien hervorbringt.
Sie ist in Wittlich aufgewachsen. „Ich sage immer gern, ich komme aus der Eifel, weil ich die Eifel so gern mag“, sagt sie. Schon früh besuchte sie die Ballettschule (Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main) und ging später nach London, wo sie einen BA am Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance und einen MA an der London Contemporary Dance School erlangte.
„Ich wusste, ich wollte Tänzerin werden, um das Handwerk zu lernen und um zu sehen, wie andere Menschen eine Gruppe führen; meine innere Stimme hat mich schon sehr jung in Richtung Choreografie getrieben, deswegen war es kein Schlüsselmoment, es war eher wie eine Zwiebel.“ Man schäle sie, und das das Resultat ergebe sich allmählich, die Konturen würden immer klarer.
Es sind oft sehr anspruchsvolle Projekte, die Schilling austüftelt. Zwölftonmusik von Ligeti in Tanzsprache zu übersetzen, nimmt sich nicht jede vor ... Ihre Choreografien entwickelt sie fast organisch im Raum. „Das bezieht sich für mich nicht nur auf Menschen, sondern wurde in den letzten Jahren immer mehr auch von Naturphänomenen beeinflusst. Das Organische ist einfach in der Natur vorhanden, in uns auch – aber wir haben es vergessen.“ Ihre Kreation aus dem letzten Jahr, Sensorial Symphonies, ist so etwa von Pflanzen inspiriert.
Das sei die philosophische Ebene, aber natürlich komme die Musikalität als Element hinzu. „Tanz und Musik haben eine jahrhundertelange Beziehung, die ganz unterschiedliche Formen annehmen kann und mich interessiert.“
Seit 2022 ist sie Associate Artist am Grand Théâtre. Dass ihre Produktionen gefördert würden und sie dadurch die Möglichkeit habe, eher Ensemble-Stücke zu machen, und dadurch auch die Chance, ihre Company danach auszurichten, begreift sie als Privileg. Davor sei sie „fast rastlos durch die Kunstwelt getingelt und sehr viel gereist“.
Gab es auf diesem steilen Karriereweg keine Brüche und Enttäuschungen? „Steile Karriere? – Ich sehe das gar nicht so. Das sieht vielleicht von außen so aus, aber es ist extrem harte Arbeit. Ich glaube, es ist eine große Leidenschaft, aber auch eine Persistenz und Geduld und sehr viele strategische Gedanken.“
Interdisziplinärer Austausch
Identität begreift sie – im Gegensatz zu vielen Schreihälsen und dem Trend – als nichts Statisches. Wöchentlich tauscht sie sich mit dem Philosophen Héctor Andrés Peña aus, um Naturphilosophien zu verstehen und zu überlegen, wie man diese in Tanz übersetzen kann.
In Luxemburg steht sie in regem Austausch mit Anne Legill (Les Théâtres de la Ville) zur Publikumsentwicklung, zu Tanz und zu gesellschaftlichen Fragen und mit dem Jazz-Komponisten Pascal Schumacher zu Musik und Komposition. Über musikalische Projekte tauscht sie sich regelmäßig mit dem Ensemble United Instruments of Lucilin sowie mit der Pianistin Cathy Krier und der Komponistin Catherine Kontz aus, mit der sie gerade ein neues Stück für Juli 2026 plant.
Ihr neues Stück Florescence in Decay wird im Oktober im Escher Theater gezeigt. Eine Produktion, die sie bereits 2020 auch im großen Theater entwickelt hat, aber als Double Bill: „Ich hatte das Gefühl, ich konnte nicht alles rausholen. Da ist noch Potenzial, was noch erforscht werden wollte.“ Es ist inspiriert vom Buch Metamorphosen von Emanuele Coccia, vor wenigen Wochen wurde es im CAPE in Ettelbrück zur Premiere gebracht. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums werden in diesem Jahr noch mehrere ihrer Stücke aufgeführt – in Frankreich oder Schottland.
Und dann gibt es die Mat Iech- Tour, bei der sie von Oktober bis November ihre Tanzstücke auch an Schulen und in Seniorenheimen zeigt. Zeitgenössischen Tanz auch nichtakademisierten Menschen nahezubringen, ist ihr wichtig. Der Tanz soll zu Menschen kommen, die nicht (mehr) ins Theater gehen können, etwa aufgrund von finanziellen, geografischen oder gesundheitlichen Gründen. „Wir haben ein unterschiedliches Publikum; es liegt mir auch am Herzen, Kinder aufzufinden, die keine Eltern haben, die sie ins Theater oder in die Philharmonie mitnehmen. Die Künstler/innen-Szene ist ja eine Bubble; wenn man darin arbeitet, ist man sehr auf sich fixiert und auf den Struggle, den man selbst erlebt hat.“
Wird sie in zehn Jahren ein großes Haus leiten? „Ich weiß nicht, ob ich mich traue, so weit zu denken. Ich glaube, mein Traum wäre, dass wir unsere Company weiterentwickeln können.“ Mittlerweile habe ihre Kompanie eine Konvention mit dem Ministerium, was ein sehr großer Schritt sei.
„Mein Traum ist es einfach, darauf aufbauen zu können. Ich bin sehr dankbar, nicht nur meinem Team gegenüber, sondern auch den Partnerschaften, denn ohne das Grand Théâtre, das CAPE oder die Philharmonie und United Instruments of Lucilin könnten wir diese Produktionen nicht entwickeln. Es ist ja auch für sie immer ein Risiko.“ Es ist herauszuhören, dass sie weiß, dass Erfolg, gerade als zunächst Außenstehende einem in einer überschaubaren Kulturwelt in Luxemburg nicht in die Wiege gelegt wird.
Erlebt sie das kleine Luxemburg mit seiner überschaubaren Szene als Vor- oder Nachteil? „Ach, als Vorteil! Ich habe Luxemburg so viel zu verdanken. Aber ich habe auch zu einem Zeitpunkt angefangen, in Luxemburg zu arbeiten, als ich bemerkte, dass das Land Interesse hat, eine eigene Kulturszene aufzubauen. Ohne Luxemburg würde ich vielleicht nicht so existieren.