Die Kristallmanufaktur Val Saint Lambert bei Lüttich begeht in diesem Jahr ihr zweihundertjähriges Jubiläum. Immersive Lichtshows sollen Erfolgsetappen und (Um-)Brüche des Standorts lebendig vermitteln und das Glashandwerk aufleben lassen

Wo einst die berühmte Eulenvase „Hibou“ hergestellt wurde

d'Lëtzebuerger Land du 01.05.2026

Oberhalb von Lüttich in Seraing liegt die alte Abtei, deren Gelände zwar noch von Glanzzeiten kündet, aber heute wie viele Industriestandorte verwaist wirkt. Gäbe es in diesem Jahr kein rundes Jubiläum ... Denn in diesem Jahr feiert die Kristallmanufaktur Val-Saint-Lambert ihr 200jähriges Bestehen. Die Unternehmensgruppe Uhoda, die etwa auch das Festival „Jazz à Liège“ am kommenden Wochenende in Lüttich organisiert, ist Projektträger und hat viel investiert; immersive Lichtshows und Ausstellungen sollen noch bis Anfang Dezember das Kulturerbe sichtbar machen.

Der Standort atmet förmlich Geschichte. Die monumentale Hofpforte, das Fabrikgelände, das Schloss Val Saint Lambert und die Säle zeugen noch von Wohlstand und den zahlreichen (Um-)Brüchen. Heute ist das Werkgelände Val-Saint-Lambert ein Kulturerbe, in dem die Gemäuer gleichermaßen noch das klösterliche Vermächtnis wie die 200jährige Industriegeschichte verströmen. Die Spuren der verschiedenen Epochen sind in der Architektur und der räumlichen Gestaltung des Geländes noch an allen Ecken sichtbar. Hier entstand vor rund 200 Jahren eine der größten Kristallmanufakturen Europas. Der Ort zeugt von der Beständigkeit des Savoir-faire im Bereich der Glas- und Kristallbearbeitung.

Standort Val Saint Lambert

Es begann im 13. Jahrhundert, als eine Gemeinschaft von Zisterziensermönchen ihre Abtei in einem friedlichen Tal errichtete. Im Jahr 1826 übernahmen Lelièvre und Kremlin die Abtei, um dort die Kristallfabriken zu gründen, und verwandelten den Ort in einen riesigen Industriekomplex. Dies führte zur Entstehung einer echten Arbeitergemeinschaft- und Siedlung, die sich um Arbeit, Wohnen und Dienstleistungen herum organisierte und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 5 000 Arbeitern ein Auskommen sicherte: ein regionaler Wirtschaftsmotor.

Um die Jahrhundertwende erreichte Saint-Lambert durch sein hohes Produktionsniveau in der Blütezeit, der „Epoche der drei Ms‘“: Minen, Mechanik und Mettallogie, auch internationale Anerkennung, wie es Mélanie Mendez, anlässlich der Presseführung augenzwinkernd betonte. 1904 wurden in den Werkhallen 160 000 Stücke/pro Tag hergestellt. Die Manufaktur stellte sowohl Gebrauchsglas, Trinkgläser als auch bearbeitetes Kristall, geschliffen, graviert oder überfangen, her. Rund 90 Prozent dieser Glas- und Kristallprodukte wurden exportiert.

Die Kreationen von Val-Saint-Lambert fügen sich in die großen Kunstströmungen der Zeit ein, vom Art nouveau bis zum Art déco, und wurden während der Blütezeit auf den großen Weltausstellungen präsentiert. Die Qualität der Arbeit und das technische Know-how trugen dazu bei, einen Ruf zu festigen, der weit über Europa hinausreichte.

Mit der Kohle war Lüttich der Ursprung der gesamten Industrialisierung. Tatsächlich war dieser Ort ideal zur Herstellung von Glas und Kristall: ein Kohlebergwerk, Sand, Kalk – an der Maas entlang gibt es Kalkstein; und die Kohle wurde zum Befeuern der Öfen benutzt ... Der Anschluss an die Eisenbahn (in den 1830er Jahren bekam Belgien das erste Schienennetz nach England) und natürlich gab es auch auf dem Gelände Schienen, um das Glas in die Welt zu exportieren, tat sein Übriges.

Die Wirtschaftskrise von 1929 markierte einen ersten Wendepunkt. Das Unternehmen erweiterte sein Sortiment um erschwinglichere Produktreihen wie Luxval und mechanisierte Teile der Werkstätten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion gedrosselt und auf Gebrauchsgüter umgestellt. Nach einem Bombenangriff im Jahr 1944 und dem darauf folgenden Verfall wurde die Siedlung zwischen 1980 und 1990 vom Architekten Pierre Sauveur renoviert, der dabei den ursprünglichen Charakter bewahrte ... Heute befinden sich auf dem Gelände u.a. Sozialwohnungen, aber auch Lofts.

Kriege, Krisen und industrielle Umbrüche schwächten das Unternehmen, dessen Niedergang sich ab den 1970er Jahren weiter verschärfte. Fortan konzentrierte sich die Produktion zunehmend auf exklusive Einzelstücke, die präzises von Generation zu Generation weitergegebenes handwerkliches Können erfordern. Kooperationen mit zeitgenössischen Designern trugen dazu bei, die Formen und Einsatzmöglichkeiten von Kristall-
glas neu zu definieren.

Immersive Lichtshow

Kontinuität und Brüche sollen unter anderem durch immersive Shows und Video-Mapping vorgeführt werden. Noch bis zum 21. Juni verwandelt so die eindrucksvolle Lichtshow, Cristal Vivant den einstigen Schlafsaal der Mönche in ein dynamisches Schauspiel aus Licht, Farbe und Klang. Unter der künstlerischen Leitung von Luc Petit verbindet das 360°-Erlebnis Video-Mapping auf historischen Gemäuern, Musik und Lichtelemente zu einer sinnlichen Zeitreise durch zwei Jahrhunderte Geschichte, Handwerks- und Glaskunst.

So verwandeln sich die Wände, die Gewölbe erwachen zum Leben und der Raum scheint zu atmen ... Das Licht bringt Details zum Vorschein, setzt die Räume in Szene und lässt schemenhaft Bilder entstehen, die im Kopf Vorstellungen von geschmolzenem Sand, glühenden Öfen und der Entstehung von Kristallglas wecken.

Die Zuschauer/innen stehen im Mittelpunkt dieser visuellen Erzählung und werden von den bewegten Wandgemälden und aufwühlenden Sounds, die teilweise etwas pathetisch an Celine Dion erinnern, umhüllt. Die gesamte 200järige Geschichte dieses Ortes rauscht so an einem vorbei – von der mönchischen Andacht bis zur industriellen Blütezeit.

Die Show ist zugleich als Hommage an die Glashandwerker angelegt. So tauchen in der Projektion ihre Silhouetten auf, ihre Handgriffe lassen sich durch die Lichtreflexe erahnen.

Doch fernab des Lichtspektakels gibt es natürlich auch eine klassische Führung durch die Jubiläumsausstellung. Der Rundgang durch die Ausstellung Christal Vivant 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz ist als Reise durch die Epochen aufgebaut und beleuchtet die Entwicklung von Kristallglas als Werkstoff, Technik und künstlerisches Ausdrucksmittel. Der Parcours führt zu den Ursprüngen der Glasherstellung, von den ersten in Mesopotamien gefertigten Glasperlen bis hin zu zeitgenössischen Kreationen.

Die Ausstellung vereint Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen, die die Vielfalt der Produktion von Val-Saint-Lambert und den Reichtum der künstlerischen Kooperationen bezeugen. Einige Designer waren über eine lange Dauer mit der Manufaktur verbunden, andere nur punktuell. So stößt man etwa auf die Vase des Neuf Provinces (1984), die Léon Ledru einst für die Weltausstellung in Antwerpen entworfen hat und die am Ende des Rundgangs prominent ausgestellt ist.

Ein weiterer Blickfang ist die von Léon Ledru bzw. Joseph Simon zugeschriebene Vase Hibou (1925), die auf der Internationalen Kunstgewerbeausstellung in Paris ausgestellt wurde. Die schmale, grün leuchtende Vase zeichnet sich durch dreifach überfangenes Uranglas aus, dessen verschiedene Materialschichten durch Innen- und Außenschliff freigelegt werden.

Die von Xavier Crespo entworfene Vase Rénovation aus dem Jahr 1993 markiert eine Neuausrichtung der Manufaktur. Sie vereint die Techniken der Glasbläserei, des Schliffs und des Polierens in einem großformatigen Werkstück, dessen Lichtspiele durch einen speziellen Schliff noch verstärkt werden.

La cloche (Die Glocke), eine Arbeit von Léo Coppers aus dem Jahr 1989 eigens für das Centraal Museum in Utrecht gefertigt, zeugt ihrerseits von der Leistungsfähigkeit der Werkstätten bei der Herstellung monumentaler Werke, die eine kollektive Beherrschung der Warmglasbearbeitung erforderten.

Durch die Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein Spray Can Arts sind auch zeitgenössische, bisher unveröffentlichte Werke rund um das Thema „Kristall“ in der Schau zu sehen, etwa ein aus geklebten Glasplatten bestehendes 4,5 Tonnen schweres „Iglu“, eine „Harfe“ oder ein gigantisches Kaleidoskop. Sie wirken im Kontrast zu den filigranen handgearbeiteten Stücken jedoch recht klobig und etwas kitschig.

Am Ende des Rundgangs kann man bei Live-Vorführungen die verschiedenen Fertigungsschritte – von der Verarbeitung des geschmolzenen Glases bis hin zum Schleifen und zur Endbearbeitung – mitverfolgen und so erleben, wie Glas geschmolzen und geblasen wird.

So lockt Seraing (und auch Lüttich und Charleroi*) mit einem aufwändigen Jubiläumsprogramm, das ein breites Publikum anspricht. Neben den Lichtspektakeln und den eindrucksvollen Glasstücken, hätte man sich gewünscht, noch stärker in die Geschichte der Architektur und Arbeiterschaft eintauchen zu können, die diesen besonderen Ort zweifellos geprägt haben.

Die Ausstellungen rund um 1826-2026 – Zweihundertjahrjubiläum der Kristallmanufaktur Val Saint Lambert sind noch bis zum 6. Dezember zu sehen. Online-Tickets unter: vsl-bicentenaire.be
Im Rahmen des Jubiläums 200 Jahre Val Saint-Lambert finden noch zwei weitere Ausstellungen statt, die auch sehenswert sind: In Lüttich im Musée Grand Curtius (von wo die gigantische Vase der neun Provinzen) nach VSL gebracht wurde, beginnt am 17. April die Ausstellung Japonismus und Art Nouveau – 200-jähriges Jubiläum der Glasmanufaktur Cristalleries du Val Saint-Lambert
In Charleroi beginnt am 18. April die Ausstellung Art Déco et modernisme au Val Saint-Lambert über die Zeit von 1925 bis 1939. Sie ist organisiert vom Glasmuseum Charleroi und findet im Museum für Schöne Künste statt

Anina Valle Thiele
© 2026 d’Lëtzebuerger Land